Situation an Universitäten in der Türkei

FERHAT SARI*

Gegen Ende des Jahres 2010 entdeckten die Medien die Unis und Hochschulen in der Türkei für sich. Allerdings beschäftigten sie sich weniger mit den Problemen der Studierenden und Hochschullehrer. Auch für die Situation an den Unis interessierten sie sich nicht. Im Fokus der Berichterstattung standen die Polizeigewalt gegen Studierende, die gegen ein Treffen des Ministerpräsidenten Erdogan mit Hochschulrektoren in Istanbul protestiert hatten, sowie die Studierenden, die einen Regierungspolitiker bei seinem Auftritt an einer Universität in Ankara mit Eiern beworfen hatten. Eine Ausnahme bildeten der Politikwissenschaftler und Hochschullehrer Serif Mardin sowie der Autor und ehemalige Hochschullehrer Gündüz Vassaf. In ihren Kolumnen bzw. Fernsehauftritten beschäftigten sie sich mit der Situation an Hochschulen und den Forderungen der Studierenden. Hier eine Zusammenfassung ihrer Analysen:
„Die Polizei hat an Hochschulen nichts zu suchen!“
Nach Serif Mardin sind 90 % der türkischen Universitäten eher Hochschulen. Mardin weist auch auf das Geflecht des Kapitals mit den Hochschulen hin und wendet sich dagegen, dass sie in den Markt integriert werden. „Wenn die Integration mit diesem Tempo voranschreitet, werden die Universitäten in naher Zukunft dem Diktat des Marktes unterworfen. Die Betriebskultur ist aber nicht mit der Kultur der Hochschulen zu vereinbaren“, so Mardin. Auch die Autonomie der Hochschulen sieht Mardin gefährdet. Nach seiner Ansicht ist es ein wichtiger Grundsatz, dass die Polizei nichts an Hochschulen zu suchen hat. Dieser werde joch permanent verletzt. Unis müssten als juristische Personen anerkannt werden. Die Tradition gebiete, dass Sicherheitskräfte sich von den Hochschulen fernhielten.
Mardin kritisiert auch die Haltung der Regierung. Ihre Vertreter sähen in den protestierenden, zumeist linken Studenten in erster Linie „Jugendliche im fast Kindesalter, die man erziehen und disziplinieren“ müsse.

„Unis wurden zu Betrieben und Studierende zu  Kunden“
So wie Mardin kritisiert auch Gündüz Vassaf das Geflecht von Kapital und Universitäten. Nach Vassaf müssen sie unabhängig von Kapital, politischer Macht und der Armee sein. Der Einfluß von Konzernen auf Universitäten werde weltweit größer. An der Harvard University bestimmten Pharmakonzerne den Lehrinhalt an der medizinischen Fakultät. Sie würden Vorgaben dazu machen, welche Krankheit mit welchem Medikament zu behandeln sei.
„Das Ziel der Universitäten müsste sein, Wissen zu produzieren und Zivilisation zu verbreiten. Heute sind sie zu Labors umfunktioniert worden, in denen im Auftrag von Armeen und Regierungen Experimente über Napalmbomben oder psychologische Kriegsführung durchgeführt werden“, so Vassaf. Durch diese Umwandlung seien Unis zu Betrieben und Studierende zu Kunden gemacht worden. Das Hauptziel vieler Unis sei als Betrieb Gewinn zu erzielen und in den Feldern zu investieren, die den größten Profit versprächen. Bologna, wo Studenten vor 900 Jahren die Universität gegründet und Jahrhunderte lang in Selbstverwaltung geführt hätten, sei heute zu einem Synonym für die Kooperation von Industrie und Hochschulen geworden.
Nach Vassaf werden die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Studierenden an türkischen Hochschulen immer geringer. Das sei eine Folge der immer größer werdenden finanziellen Abhängigkeit. Das Resultat dieser Abhängigkeit sei, dass das herausgearbeitete Wissen nicht der Öffentlichkeit weitergegeben werde, sondern als Verkaufsgut in den Händen der wenigen Konzernen bleibe. Auch die Hochschulrektoren fügten sich immer mehr dem Diktat der Wirtschaft und politischen Macht.

Kampf um Mitbestimmung und Unabhängigkeit
Mehr Mitbestimmung fordert auch der Rektor der renommierten Technischen Universität der Mittleren Ostens zu Ankara, Prof. Dr. Ahmet Acar. Acar fordert ein neues YÖK-Gesetz (Staatliche Anstalt für Hochschulen), das die Rahmenbedingungen des universitären Wirkens festlegt. Das geltende Gesetz sei ohne Mitwirkung von Hochschullehrern und Studierenden ausgearbeitet worden. Statt ihnen die Möglichkeit einzuräumen, über ihre Erwartungen und Forderungen zu diskutieren, versuche die Regierung mithilfe von YÖK die Hochschulleitungen unter Druck zu setzen, wie es im letzten Jahr an mehreren Universitäten der Fall gewesen sei.
Die nächste Runde im Kampf um Mitbestimmung und Unabhängigkeit wurde bereits eingeläutet. Anfang 2011 findet in Istanbul eine unabhängige „Konferenz der Universitäten“ statt. Aufgerufen haben dazu Gewerkschaften, Dozentenvereine und Studierendenvertretungen. Welche Schritte folgen werden, bleibt abzuwarten.

*Lehrbeauftragter an der Universität zu Istanbul