Arbeits- und Ausbildungsplätze: So argumentieren Arbeitgeber!

Oktay Demirel

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt erwartet im Jahr 2011 einen „neuen Beschäftigungsrekord“ in Deutschland. Es werde voraussichtlich rund 41 Millionen Erwerbstätige geben, sagte Hundt in einem Interview mit einer Presseagentur. Zugleich mahnte der Arbeitgeberchef Forderungen nach deutlichen Lohnerhöhungen: „Wir dürfen unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht einschränken.“ Notwendig seien deshalb „flexible und produktivitätsorientierte Tarifabschlüsse unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage in den einzelnen Branchen“. In diesem Artikel wollen wir einige Aussagen des Arbeitgeberpräsidenten näher unter die Lupe nehmen.

Mehr Arbeit und Ausbildungsplätze – sofern qualifizierte Bewerber da sind…
Nach Meinung von Hundt wird sich die -für deutsche Unternehmen- bisher positive wirtschaftliche Entwicklung im Jahre 2011 weiter fortsetzen. Im kommenden Jahr erwartet er ein Wachstum von gut zwei Prozent. Dadurch werde die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter zurückgehen. Hundt erklärte „Wir werden mit rund 41 Millionen Erwerbstätigen einen neuen Beschäftigungsrekord erreichen. Ähnlich positiv sehe ich auch die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt, sofern genügend geeignete Bewerber zur Verfügung stehen, um die angebotenen Lehrstellen auch zu besetzen.“
Hundt macht hier nichts anderes, als das, was sowieso gemacht wird: Die eigentlichen Opfer sind selber schuld. Wenn man nicht geeignet ist, hat man kein Anrecht auf eine Ausbildung.
Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Die IG-Metall veröffentlichte Anfang Januar 2011 schon ihre Ausbildungsmarkt-Analyse „Chance zur Fachkräftegewinnung vertan – Aufschwung geht an junger Generation vorbei“ für das Jahr 2010. Demnach ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge weiter zurückgegangen. „560 000 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in 2010 bedeuten im Vergleich zum Vorjahr (564 000) noch einmal ein Minus von knapp einem Prozentpunkt.“ so die IG-Metall. Für Hundt sind diese wahrscheinlich „nicht geeignete“ Bewerber, für die Gesellschaft bedeuten diese jedoch weitere Perspektivlose der Zukunft! Hundt schiebt die Verantwortung von Unternehmern, für Ausbildungsplätze und Nachwuchskräfte zu sorgen, von sich weg.

Arbeitgeber stehlen sich aus der eigenen Verantwortung
Auch wenn der Ausbildungsmarkt sich im Osten der Republik unter dem Stichwort Demografie deutlich verändert hat und sicherlich noch weiter verändern wird, gibt es dennoch Möglichkeiten, mehr Bewerber für betriebliche Ausbildung zu gewinnen. So gab es Ende September 2010 noch 6200 unversorgte Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchten. Noch größer ist das Potenzial bei den Bildungsträgern: 20 000 Jugendliche absolvieren ihre Ausbildung bei Bildungsträgern und nicht in den Betrieben, d.h. eine schulische Ausbildung ohne „Praxiserfahrung im Betrieb“. Bei den angebotenen Ausbildungsplätzen innerhalb der Fertigungsberufe in der Metall- und Stahlindustrie z.B. stagnierte das Ausbildungsplatzangebot bei rund 178 000. Für dieses Angebot interessierten sich aber 196 000 junge Menschen. Dies bedeutet, dass 18 000 Bewerber oder knapp zehn Prozent ihren Zielberuf nicht erreicht haben. Angesichts der Debatte um Fachkräftemangel und Zuwanderung zeigen diese Zahlen, dass die vorhandenen Fachkräftepotentiale durch die betriebliche Ausbildung nicht hinreichend genutzt werden. In diesem Beispiel die Metall- und Stahlarbeitgeber, ignorieren die Risiken bei den Fachkräften und stehlen sich aus der eigenen Verantwortung.
Genau das bestätigt Hundt in seinem Interview. Er erwartet von der Politik „wirksame Maßnahmen zur Sicherung des Fachkräftebedarfs“. Dazu müsse die Politik gemeinsam mit den Unternehmen und den Tarifpartnern „die Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen früh erkennen und fördern“. Aber sofern Kosten entstehen, ziehen sich die Arbeitgeber zurück und überlassen diese ihrem „Schicksal“. Die Logik: Jeder Einzelne und der Staat sollen dafür sorgen, dass wir qualifizierte Arbeitskräfte haben, ohne selber viel zu investieren. So kann das ganze ja nur scheitern. Aber an dem Scheitern ist ja nicht das kaputte System schuld, nein! Es sind die „ungeeigneten“ Jugendlichen, deren Zukunft verbaut wird, damit die Unternehmer und Aktionäre noch mehr einheimsen können!

Rentenaltererhöhung alternativlos !?!
Hundt geht noch weiter in seinem Interview und sagt: „In einer alternden Gesellschaft gibt es auch keine Alternative zu einer schrittweisen Erhöhung des Rentenalters. Sonst werden die Renten sinken oder die Beiträge steigen. Beides wollen wir nicht.“ Er ignoriert jedoch einen wichtigen Punkt. In „unserer fortschrittlichen Zivilisation“ haben wir längst einen Punkt erreicht, in der eine gerechte Gesellschaft möglich wäre. Der Alltag eines jeden Menschen auf der Welt könnte frei von Armut, Hunger, beruflichem Stress und kultureller Verarmung sein, wären die Mittel anders verteilt. In einer Gesellschaft, in der jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen in Gemeinschaft leben könnte, ist schon heute keine Utopie. Dann müssten lediglich einige Hunderttausend Überpriviligierte auf Luxus verzichten, statt Milliarden auf ihre Grundbedürfnisse, wie Ruhe im hohen Alter statt Arbeit bis ins Grab!

Sparen, Sparen, Sparen!
Aber was sagt Herr Hundt weiter? Auf die Frage, ob die Bundesregierung mehr als bisher sparen sollte, antwortet er: „Ja. Je zügiger dem Bund und insbesondere auch den Ländern die Rückführung der hohen Defizite gelingt, desto besser ist es für unser Land. Dazu sollten vor allem die konsumtiven Ausgaben gesenkt werden.“ Mit unserem Land meint er sicherlich sich und seines gleichen! Er setzt die Interessen der Wirtschaft mit den Interessen seiner Bevölkerung gleich, was ein fataler Fehler ist. Denn ein Arbeiter, der für Hundt arbeitet, kann bei dieser geführten Politik nicht die gleichen Interessen haben, wie sein Arbeitgeber. Denn zu den konsumtiven Ausgaben, deren Kürzung Herr Hundt fordert, gehören neben Gebäude z.B. auch Verwaltungskräfte und Jobs im öffentlichen Dienst. Hundt fordert die Regierung praktisch auf, Arbeiter und Angestellte zu feuern, damit es seinem Land besser geht. Eigentlich müsste die Formulierung lauten: Damit es seinem Konto noch besser geht, denn schließlich muss er nicht um seine Zukunft bangen, wie die Staatsdiener und Angestellten des Bundes und der Länder!

Lohnverzicht für die  Wirtschaft!
Sein wahres Gesicht zeigt der Arbeitgeberpräsident vor allem in seiner Aussage bezüglich des Spielraumes für Lohnerhöhungen. Hierzu sagt er „Die wirtschaftliche Entwicklung ist zwar besser als erwartet, dies gilt aber nicht für alle Branchen und Unternehmen. Wenn es weiter gut läuft, wird die Wirtschaft frühestens Ende 2011 wieder auf dem Stand vor der Krise sein.“ Und jetzt kommt das große ABER: „Wir dürfen unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht einschränken und brauchen deshalb flexible und produktivitätsorientierte Tarifabschlüsse unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage in den einzelnen Branchen.“ Bedeutet: Lohnverzicht damit unser Land und unsere Wirtschaft sich besser erholt und konkurrenzfähig bleibt. Und das Ganze auf unsere Kosten! Zu den Vorstößen einiger Politiker für eine spürbare Beteiligung der Arbeiter am Wirtschaftsaufschwung sagt Hundt deswegen auch nur (bildlich vorgestellt schulterzuckend): „Sie waren überflüssig. Viele Menschen profitieren bereits vom Aufschwung: Es gibt mehr Beschäftigung, die Kurzarbeit ist weitgehend überwunden, viele Firmen leisten Sonderzahlungen oder ziehen Tariferhöhungen vor. Das spüren die Beschäftigten im Portemonnaie.“ Mehr Arbeit mit weniger Bezahlung, so dass man trotz Vollbeschäftigung auf Staatshilfen angewiesen ist! Und in welchem Portemonnaie spürt man das bitte? In seinem?