Deutschland und sein Fachkräftemangel – Ein Märchen oder doch Realität?

Murat Köroğlu

Die Diskussion um den Fachkräftemangel ist keine Eintagsfliege. 10 Jahre ist es mittlerweile her, dass mittels Greencard versucht wurde, indische IT-Spezialisten nach Deutschland locken die dann doch nicht kamen. Schon wieder hören wir das Winseln der Industrie und die Verlogenheit unserer Politiker und den vermeintlich fatalen Folgen für die Wirtschaft. Dabei suchen viele verzweifelt einen Job oder Ausbildungsplatz und landen in der Sackgasse – in Hartz IV. Sind die Fachkräfte dieser Republik wirklich unterqualifiziert oder wird hier etwas verschleiert und rumgetrickst?
Die Ökonomen wissen es auch nicht so genau!
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) legte den Schluss nahe, von Fachkräftemangel könne kaum die Rede sein. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hält dagegen. Bei der Untersuchung streitet man sich um die Zahlen von Hochschulabsolventen. Das DIW stellt die Zahl der Studierenden – der Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ingenieuren gegenüber, um daraus einen Knappheitsindikator zu berechnen. Das IW dagegen unterscheidet zwischen dem Beruf und dem formalen Bildungsabschluss Ingenieur und berücksichtigt damit auch andere als den klassischen Ingenieurberufen und damit auch doppelt soviel erwerbstätige Ingenieure.
Bei Knappheit müsste es eine überdurchschnittliche Gehaltssteigerung geben: Während das DIW als Indikator für Knappheit (Fachkräftemangel) auf die Lohnentwicklung verweist, kontert dass IW auf den Anstieg des Lohnvorsprungs der Hochqualifizierten in den letzten Jahren. Das DIW weist darauf hin, dass nicht alle Arbeitslosen gemeldet werden und seit Anfang 2009 ein kleiner Teil der Erwerbslosen von privaten Vermittlern betreut wird. Das IW ist der Meinung, dass Langzeitarbeitslosigkeit im Ingenieurbereich nur in Ausnahmefällen vorliegt und in einem quantitativ nicht bedeutsamen Ausmaß arbeitslose Ingenieure vorhanden sind. Das DIW vermerkt, dass die Arbeitsmarktsituation sich seit 2008 verschlechtert hat und dass mehr Arbeitslose offenen Stellen gegenüberstehen – Bei fast allen Fachkräften ist die Zahl der Arbeitslosen höher als die Zahl der offenen Stellen. Das IW verweist darauf , dass zwei unterschiedliche konjunkturelle Situationen verglichen werden und deutet auf das geringe Niveau an Arbeitslosen. Des weiteren müsste man doch zwischen Hochschulabsolventen und Fachkräften mit betrieblicher Ausbildung differenzieren, so Karl Brenke vom DIW.
Hohe Erwartungen in  Stellenanzeigen doch an der Bildung wird kaputt gespart!
Woher kommt die Diskrepanz? Tatsache ist, dass Deutschland durch das Altern der Gesellschaft in den kommenden Jahren vor einem Problem stehen wird. Die älteren Fachkräfte gehen in Ruhestand, deren Stellen nicht besetzt werden, weil andere Kollegen die Arbeit mit erledigen. Die deutschen und ausländischen Absolventen und gut ausgebildeten Fachkräfte wandern aus und immer weniger qualifizierte Jüngere kommen nach. Trotz dieser dramatischen Lage, leisten sich die Firmen den Luxus unpassende Kandidaten abzulehnen. Berufsanfänger werden gar nicht eingestellt, weil das Personal unter Druck steht und neue Mitarbeiter kaum einarbeiten können. Der bzw. die Bewerberin sollte möglichst jung, flexibel und ungebunden sein, Berufserfahrung mitbringen und „nicht viel“ kosten. Das sind die gängigsten Einstellungsvoraussetzungen vor der wir als deutsche und ausländische Absolventen und Fachkräfte tagtäglich uns messen müssen.
Deutsches Jobwunder auf Kosten der arbeitenden und schlechtbezahlten!
In Deutschland haben wir heute die höchste Armut seit 50 Jahren. Über 6,5 Millionen arbeiten für Armutslöhne und weitere 6,7 Millionen Menschen leben von Hartz IV. 3,144 Millionen Menschen waren im November 2010 arbeitslos und beziehen Arbeitslosengeld I. Die ca. 2,5 Millionen erwerbsfähige Hilfebedürftige (ALG II) sind dabei gar nicht mit einberechnet. Wie können Wirtschaft und Politik nach Fachkräften verlangen, wenn seit Jahren nach und nach Arbeitsplatze zerstört und ins Ausland nach Kecskemet, Györ (Ungarn), Cluj (Rumänien) verlagert werden? Die Politik muss umdenken! Es kann nicht sein, dass so viele Hochschulabsolventen in Call-Center, als Kassierer in Supermärkten arbeiten oder Taxi fahren, wenn händeringend nach Fachkräften gesucht wird. Ein grundsätzliches Problem ist aber auch, wenn qualifizierte Arbeiter oder Absolventen schlechtbezahlte Jobs annehmen müssen und damit verhöhnt und als nutzlos dargestellt werden.

BRD nicht nur Export-Europameister sondern auch Europameister der Lohnzurückhaltung!
Bei der Entwicklung der Bruttolöhne zeigt Deutschland sein wahres Gesicht. So entwickelten sich die Löhne im Zeitraum 2000 bis zum I. Quartal 2010 wie folgt. Rumänien weist eine Lohnentwicklung von 559,3 Prozent auf, Ungarn sogar 126,8 Prozent, die Europäische Union eine 35,5 Prozent und Deutschland liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz mit einer Lohnentwicklung von „nur“ 21,8 Prozent. Dabei ist es schon fast überflüssig, warum gerade in diesen Ländern die Lohnentwicklung sich in den letzten Jahren so positiv entwickelt hat. Vermutlich fehlten dem deutschen Automobilherstellern und dem finnischen Telekommunikationskonzern am Standort Deutschland entsprechende Fachkräfte, die diese anspruchsvolle Arbeit erledigen könnten?

Das Know-How, womit sich die deutsche Industrie und der Standort Deutschland auszeichnete ist verschwunden. Der Rückgang der angemeldeten Patente und Gebrauchsmuster ist nur ein Indiz von vielen, das diese Entwicklung charakterisiert. Stattdessen werden Unternehmen in die Hand der Finanzjongleure gelegt, die den Technologievorsprung aufgeben, damit auch den Ursprung des Erfolgs. Mit dieser Gier und Abzockermentalität wird der Nachwuchs nicht gefördert sondern vertrieben. Die Wirtschaft lässt mit dieser Einstellung ein riesiges Potenzial verkümmern, weil nur Profite zählen und Aktionäre und Investoren zufrieden gestellt werden müssen. Die arbeitenden brauchen kein Geld, die sollen arbeiten und immer weiter den Umsatz steigern. Fakt ist, dass Fachkräfte nicht auf Bäumen wachsen. Man muss sie selber ausbilden. Denn Ausbildung kostet Geld und Fachkräfte-Tourismus ist günstiger und drückt das Lohnniveau nach unten. Deshalb wird gespart und deswegen herrscht Fachkräftemangel. Der angebliche Fachkräftemangel ist Mogelei um die Konkurrenz zu vergrößern, ältere Fachkräfte auszumustern und die Löhne zu drücken und nichts anderes.