Machtergreifung, Machtübernahme oder Machtübergabe?

Ali Candemir

Die Frage um den Begriff, der den Aufstieg und die Etablierung der faschistischen NSDAP-Herrschaft beschreibt, ist nicht nur von historischer, sondern auch von großer politischer Bedeutung. Sie birgt die Frage von politischer Verantwortung und Schuld, kennzeichnet den notwendigen Umgang mit der faschistischen Vergangenheit Deutschlands, ebenso sehr wie den mit dem modernen Faschismus. Die Bezeichnung Machtergreifung ist insofern problematisch, da sie suggeriert, dass die bestehende politische Ordnung einzig und allein durch illegale Mittel gestürzt worden sei. Dem Rechtsstaat und  Parlament seien entgegen dem Willen der ehemaligen etablierten Parteien in der „Weimarer Republik“ die Macht entzogen worden.
Aufstieg der NSDAP
Doch, wie sieht die historische Realität aus? Nach dem gescheiterten Hitlerputsch im November 1923 entschloss sich die NSDAP-Führung zu einer „Legalitätsstrategie“.  Die Herrschaft in Deutschland sollte auf legalem, parlamentarischem Wege errungen werden. Zur Durchsetzung  ihrer Ziele wurden aber nicht ausschließlich legale Mittel genutzt. So gehörte es zur Tagesordnung und bildete ein wichtiges  Instrument, politische Gegner einzuschüchtern, zu verletzen oder zu ermorden. Die SS und SA nahmen hierbei eine heraus stechende Rolle ein. Aus der konservativen und revisionistischen Justiz und dem Beamtenapparat genossen rechtsradikale Gruppierungen großen Rückhalt, so dass der Großteil der von ihnen begangenen politischen Morde nicht hinreichend geahndet wurde. Insbesondere die Zustimmung der Bevölkerung für eine Revision des Versailler Vertrages, welcher die Alleinschuld des deutschen Volkes am ersten Weltkrieg und sehr hohe Reparationszahlungen an die Alliierten manifestierte, wusste die NSDAP propagandistisch in Wählerstimmen umzumünzen.

Übergabe der Macht
Mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise 1929 und der damit verbundenen Verelendung und Verrohung der Gesellschaft, welches in immer aggressiverem Vorgehen der Faschisten mündete, zeigte die Weimarer Demokratie ihre Schwächen. Die Unbeständigkeit der Regierungen führte dazu, dass innerhalb von 3 Jahren das Parlament viermal vom jeweiligen Reichspräsidenten aufgelöst wurde. Hitler und die NSDAP wurden 1933 demokratisch als stärkste Partei ins Parlament gewählt. Reichspräsident von Hindenburg ernannte Hitler verfassungsgemäß legal zum Reichskanzler. Hitler hatte sowohl nicht unerhebliche Unterstützung aus der deutschen Bevölkerung, als auch von den konservativen Parteien, die sich in ihrem Anti-Kommunismus der NSDAP nahe sahen. Mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetzes übergaben sie die Macht endgültig der NSDAP. Einzig und Allein die KPD, welche vor ihrem Verbot 1933 drittstärkste Partei im Parlament war, rief zum Generalstreik gegen die NSDAP-Regierung auf. Der Streik blieb jedoch ohne größere Bedeutung. Des Weiteren spielt die Unterstützung durch die Wirtschaft eine erhebliche Rolle für den Aufstieg der NSDAP.  Namhafte Industrielle, wie Henry Ford, überwiesen hohe Geldbeträge an die NSDAP. Manchmal aus antisemitischer, zumeist aber aus ökonomischer Motivation.

Machtergreifung und Schuldfrage
Obwohl die Geschichte die Bezeichnung Machtergreifung als Lüge entlarvt, wird er noch immer verwendet. Wie konnte sich dieser Begriff so lange halten? Die Verzerrung der historischen Realität zieht Folgendes nach sich. Zum einen wird mit diesem Begriff die politische Verantwortung abgewiesen. Zum anderen, stellt sich eben dann die Schuldfrage nicht mit derselben Dringlichkeit. Die Notwendigkeit, die eigene Rolle oder die der bürgerlichen Parteien in der Weimarer Republik kritisch zu betrachten, existiert nicht, solange man davon ausgeht, dass die NSDAP ohne den Rückhalt der Bevölkerung und Parteien an die Macht kam. Erst mit der Tatsache, dass den Faschisten unter großer Zustimmung der deutschen Bevölkerung und vor allem der Wirtschaft die Macht übergeben wurde, erhebt sich der Zwang sich mit der faschistischen Vergangenheit und dem aktuellem Faschismus auseinanderzusetzen. Die Denazifizierung Deutschlands fand, aufgrund des sich anbahnenden Kalten Krieges, niemals vollständig statt. Beamte und alte Eliten erhielten sehr bald ihre Stellungen wieder. Parteien, die die Machtübergabe an Hitler befürworteten, stellten sich neu auf. Die eigene Verantwortung an den faschistischen Verbrechen in Deutschland wurde ausgeblendet. So passte der Begriff einer Machtergreifung dementsprechend besser in das eigene Weltbild.

Von Kollektivschuld und Verantwortung
Doch wie ist die Kriegsschuldfrage zu bewerten? Kann von einer Kollektivschuld gesprochen werden? Gar von einem Tätervolk? Tatsächlich wurde die Kollektivschuld in Großbritannien und der USA diskutiert, ohne jemals Einfluss auf die Politik zu haben. Insbesondere wird dieser Begriff in der rechtsextremistischen Szene dazu instrumentalisiert, um historischen Begebenheiten entgehen bzw. abwehren zu können. Solange man sich über etwas so unsinniges wie kollektive Schuld brüskieren kann, ist es nicht notwendig, Diskussionen über die Verantwortung Deutschland seiner Geschichte gegenüber führen zu müssen. In diesem Zusammenhang spricht der Philosoph Karl Jaspers von kollektiver Verantwortung. „Wir Überlebenden haben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht, als unsere jüdischen Freunde abgeführt wurden, auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man uns vernichtete. Wir haben es vorgezogen, am Leben zu bleiben[…]“  Damit sprach er sich in den frühen Nachkriegsjahren gegen den Zeitgeist des Verdrängens aus. Aus dieser Verantwortung erwächst die Notwendigkeit aller nachkommenden Generationen, den Faschismus und Rassismus zu bekämpfen. Die deutsche Geschichte hat uns dies auf schrecklichste Art und Weise bewiesen. Der industrielle Mord an Millionen Menschen in deutschen Konzentrationslagern darf niemals aus unseren Gedächtnissen weichen. Das Leid, dass der Faschismus millionenfach in der ganzen Welt verursacht hat ist nicht einfach nur Geschichte! Und da trifft man doch auf Kollektivschuld. Die kollektive Schuld, die wir alle erbringen müssen, damit so etwas Schreckliches nicht noch einmal geschieht.