Arbeiterkultur und Lokalgeschichte

Die „Willi-Bredel-Gesellschaft“ in Hamburgs Stadtteil Fuhlsbüttel verbindet lokale Historie mit dem Wirken des Arbeiterschriftstellers Willi Bredel.

Von Michael Sommer

Die Willi-Bredel-Gesellschaft, 1988 als Kind der Geschichtswerkstättenbewegung ins Leben gerufen, ist nur eine von 15 solcher Einrichtungen in der Hansestadt. Als Verbindung von lokaler Geschichtswerkstatt und literarischer Gesellschaft ist sie jedoch einzigartig. Die Mitglieder des Vereins wollen sich der kritischen Aufarbeitung der Stadtteilgeschichte und dem Werk des Literaten Bredel gleichermaßen widmen.

Der 1901 als Sohn eines Zigarrendrehers in Hamburg geborene Willi Bredel, seit 1919 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde schon während der Weimarer Zeit zweimal – wegen Beteiligung am Hamburger Aufstand 1923 und wegen „Vorbereitung literarischen Hoch- und Landesverrats“ – zu Haftstrafen verurteilt. Seine Schriftstellerkarriere begann Bredel hinter Gefängnismauern. Die ersten Romane, „Rosenhofstraße“ und „Maschinenfabrik N&K“, schrieb Bredel in der Zelle.

Seine Bücher machten Bredel schnell berühmt – und in den Augen der Nationalsozialisten zur Gefahr. Gleich nach ihrer Machtübernahme 1933 wurde Bredel erneut inhaftiert und ins Konzentrationslager in Hamburg-Fuhlsbüttel („Kola-Fu“) gesperrt. Nach 13-monatiger Haft entlassen, floh Bredel nach Moskau. Seine Zeit im „Kola-Fu“ verarbeitete er in seinem Buch „Die Prüfung“. 1934 erschienen, war es der erste international beachtete Roman über Folter, Leid und Widerstand in einem deutschen Konzentrationslager.

„Die Prüfung“ bildet das Bindeglied zwischen beiden Tätigkeitsfeldern der Geschichtswerkstatt. „Unsere Schwerpunkte sind die Pflege der Hamburger Arbeitertradition und Lokalgeschichte. Das Leben Willi Bredels repräsentiert dabei nur die eine Seite unserer Arbeit“, sagt René Senenko von der Bredel-Gesellschaft. „Die andere Seite ist die kritische Aneignung der Geschichte des Stadtteils“, so Senenko weiter.

In der Geschichte Fuhlsbüttels hat der Nationalsozialismus deutliche Spuren hinterlassen. Unweit des „Kola-Fu“ war 1942 ein Lager für ausländische Zwangsarbeiter errichtet worden. 144 Menschen waren hier untergebracht und wurden zu täglicher zwölfstündiger Arbeit gezwungen. Als 1997 der geplante Abriss der letzten beiden erhaltenen Lagerbaracken bekannt wurde, ergriff die Bredelgesellschaft die Initiative. Ihrer Arbeit ist die Rettung der letzten weitgehend im Originalzustand erhaltenen Baracken des Lagers zu verdanken.

Seit 2003 unterhält die Bredel-Gesellschaft in den restaurierten Baracken eine Dauerausstellung zur Geschichte des Fuhlsbüttler Lagers und der dorthin verschleppten Zwangsarbeiter. Exemplarisch soll hier an das Schicksal der mehr als 400 000 Zwangsarbeiter erinnert werden, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Hansestadt zur Arbeit gezwungen wurden.

Doch die Mittel, mit der die Bredel-Gesellschaft kritische Geschichtsaneignung betreibt, sind vielfältiger. Ihr Mitglied Herbert Diercks führt seit Jahren regelmäßig Interessierte zu jenen Grab- und Gedenksteinen auf dem Friedhof in Hamburg Ohlsdorf, die stumm an Terror und Widerstand während des Faschismus erinnern. Stadtteilrundgänge, Filmtage und Zeitzeugengespräche sind das „tägliche Geschäft“ der „Bredels“, wie sich die Vereinsmitglieder selbst nennen. Auf ihrer Internetseite dokumentiert der Historiker Helmut Gewalt mehr als 400 Namen von deutschen Bundestagsabgeordneten, deren vormalige NSDAP-Mitgliedschaft er nachweisen konnte.

Neben dieser Arbeit gerät die Beschäftigung mit Leben und Werk Bredels oftmals ins Hintertreffen. „Willi Bredel ist zwar das eine Standbein – aber im Moment ist es nicht das längste“, räumt Senenko ein.

Trotzdem bleibt das Bemühen um die Pflege des Bredelschen Werkes immer gegenwärtig – sieht sich die Bredel-Gesellschaft doch als „Nachlassverwalter“, so Senenko. Die  Geschichtswerkstatt ist Eignerin der Rechte am umfangreichen Werk des Autors. Vierzehn Bände umfasst die Ausgabe der Romane und Erzählungen Bredels, der im Spanischen Bürgerkrieg in den Reihen der Internationalen Brigaden gestanden hatte und es in der DDR bis zum Mitglied im Zentralkomitee der SED und Präsidenten der Akademie der Künste brachte.

Neben der Schreibmaschine Bredels befindet sich seit 2005 auch die 5600 Titel zählende Privatbibliothek des Literaten im Besitz des Vereins. Der begrenzte Platz, der den „Bredels“ in ihren Räumen unweit des Ohlsdorfer Friedhofes zur Verfügung steht, erlaubt die Präsentation nur eines Bruchteils dieses Schatzes. 200 Kisten voller Bücher sind noch im Keller des örtlichen Ortsamtes eingelagert. Willi Bredels Bibliothek in würdigem Rahmen als Ganzes zugänglich zu machen – diese Aufgabe steht den Vereinsmitgliedern noch bevor.

Ihre Arbeit dokumentiert die Willi-Bredel-Gesellschaft im jährlich erscheinenden „Rundbrief“. Das aktuelle Heft ist erhältlich über die Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V., Im Grünen Grunde 1b, 22337 Hamburg. Das Heft kostet 2,50 €. Weitere Informationen: www.bredelgesellschaft.de