Der Kampf geht weiter

Eindrücke aus Tunesien von Kamil Tekin Sürek (Stellvertretender Vorsitzender der Partei der Arbeit in der Türkei)

Während ich diesen Artikel schreibe, bricht für uns der vierte Tag in Tunesien an. In den letzten Tagen haben wir mit vielen Tunesiern gesprochen, waren viel auf den Straßen unterwegs und haben die Tagespresse intensiv verfolgt. Doch einst vorweg: Die Revolution in Tunesien ist noch nicht abgeschlossen.

Noch immer versuchen die alten Machthaber die Wut des Volkes zu besänftigen. Sie wissen nur zu gut, dass ihre Herrschaft nur wie bisher weitergehen kann, wenn das Volk in den Häusern bleibt, seiner Arbeit nachgeht und nicht als Masse auf die Straße geht. So könnte die Revolution allmählich in Vergessenheit geraten, erhofft sie sich.

Aber die Kommunistische Arbeiterpartei Tunesiens(PCOT) ist sich dieser Gefahr bewusst. Sollte das Feuer der Revolution erlöschen und sich nicht in Richtung einer demokratischen Volksregierung bewegen, wird die Herrschaft der Bourgeoisie weiter gefestigt werden, erklärt die Partei.

Die PCOT ruft das Volk zur Ergreifung der Macht auf und genießt sehr großes Ansehen. Ihrer Vorsitzenden Hamma Hammami wird vom Volk Liebe und Respekt entgegengebracht.

Vor allem nach der Ausstrahlung einer zweistündigen Sendung im Fernsehen, ist die Bevölkerung davon überzeugt, dass nur Hammami und seine Partei einen Lösungsansatz haben. Alle wollen mit ihm reden. Wenn sie ihm auf der Straße begegnen, beginnen sie nach einer herzlichen Umarmung direkt mit einer Diskussion. Jugendliche, die keiner Organisation angehören oder Mitglied einer anderen oppositionellen Partei sind, kommen zu Hammami, um ihn nach seiner Meinung über die Zukunft Tunesiens zu fragen. „Wie soll es weitergehen“, wollen sie von Hammami wissen. Journalisten reißen sich darum mit Hammami und seiner Lebensgefährtin Radia ein Interview zu führen.

Das soll jetzt aber nicht missverstanden werden. Die PCOT wird nicht heute oder morgen die Macht im Land übernehmen. Dafür ist sie noch zu schwach. Aber das Volk ist auf der Suche nach einer Führung. Zurzeit ist die PCOT die am besten organisierte und mit einem Programm ausgestatte Partei.

Die islamische Führer Gannusi ist aus dem Exil nach Tunesien zurückgekehrt und wurde am Flughafen von einer großen Menge empfangen. Doch Gannusi ist noch vorsichtig. Noch hat er nicht die Absicht mit einer Partei offen um die Macht zu ringen. Vielmehr macht er den Eindruck, als wolle er abwarten und die Lage beobachten.

Innerhalb von nur wenigen Tagen hat die PCOT entschieden als eine offene Partie weiterzuarbeiten. Es wurden Ortsvorstände gebildet und Parteibüros eröffnet. In manchen Orten hat die PCOT die zurückgelassenen und geplünderten Büros von Ben Alis Regierungspartei RCD in Besitz genommen.

Wie es die Zeitungen immer wieder schreiben, wird die PCOT niemals mit den Überresten des alten Regimes zusammenarbeiten. Sie fordert ihre völlige Entmachtung und, dass ihren Verantwortlichen der Prozess gemacht wird. Die PCOT versucht die Volksfront vom 14. Januar zu vergrößern. Die Zweifler, die daran denken sich an der Regierungsbildung mit den alten Machthabern zu beteiligen, will die PCOT für den revolutionären Weg gewinnen.

Die Regierung gibt sich als technokratisch aus, aber die Abgeordneten sind alle offene oder heimliche Anhänger des alten Diktators Bin Ali. Abgeordnete der Demokratischen Partei sind vergeblich bemüht den Schein zu erwecken, dass die neue Regierung nichts mit dem alten Regime zu tun hätte.

In den nächsten Tagen plant die PCOT eine Nationalversammlung einzuberufen. Dort sollen Anführer der Volksbewegung und die Vertreter des Volkes zusammenkommen, um über ein  gemeinsames Programm zu beraten. Die Prozess der Machtübernahme muss beschleunigt werden, andernfalls werde die Herrschaft der Bourgeoisie fortgesetzt, mahnt die Partei.

Das tunesische Volk hat keine leichte Aufgabe. Aber es sieht auch nicht danach aus, dass es von seiner Forderung nach Demokratie ablassen würde. Alle, mit denen wir uns unterhalten haben, bezeichnen das Bin Ali Regime als „Ancient Regime“. Ein antikes Regime, das sich selbst überlebt hatte. Dementsprechend  beginnen alle Gespräche entweder mit „Vor der Revolution“ oder „Nach der Revolution“.