Unruhen in Nordzypern

Ezgi Güyildar

Die Aufruhrwelle in Nordafrika scheint  auch  Nordzypern erreicht zu haben. Durch die Frustration über die türkische Zypern-Politik gingen vergangene Woche mehrere Zehntausend Menschen auf die Strassen.

Die geplanten Kürzungen der finanziellen Unterstützung der Türkei für Nordzypern haben schwere Spannungen ausgelöst. Ende Januar verbreiteten sich Demonstrationen auf der Insel, die sich gegen die geplanten Gehaltskürzungen in Nordzypern richteten, die auf türkische Sparmaßnahmen zurückgehen. Als Reaktion hierzu schimpfte der türkische Ministerpräsident Erdogan öffentlich über die „undankbaren“ Demonstranten und zeigte seine Wut.

Zu der Massenkundgebung hatten Ende Januar mehrere Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen im türkisch kontrollierten Sektor der Inselhauptstadt Nikosia aufgerufen. An der Demonstration nahmen fast 50.000 Menschen teil, die gegen die Sparmaßnahmen der türkischen Regierung protestierten. Die Forderungen der Demonstranten waren eindeutig. „Wir wollen weder eure Beamten, noch euer Geld“, „Ankara weiche uns vom Kragen“, „Hände weg von Zypern“ riefen die Demonstranten. Das wiederum brachte den türkischen Premierminister Tayyip Erdogan auf die Palme. In einem seiner bekannten verbalen Ausfälle herrschte Ministerpräsident Tayyip Erdogan die vermeintlich eigenstaatlichen Nordzyprioten via TV an und sagte: „Wer seid ihr, dass ihr sagen könnt, `Nehmt eure Hände weg´. Erst unser Geld in die Tasche stecken und dann ohne jede Scham demonstrieren.“ Auch bezeichnete der türkische Ministerpräsident die Demonstranten als Schmarotzer, die auf Kosten vom türkischen Staat leben würden.

Nordzypern isoliert

Diese Äußerungen von Erdogan  erregten großes Aufsehen in Zypern. Erdogans rassistische Äußerungen, wie die westliche Kultur würde die Zyprioten negativ beeinflussen, stieß von allen Seiten auf harte Kritik und wurden als Hetze eingeordnet. Übersiedlung, um die Besetzung aufrechtzuerhalten. Die im Jahre 1983 ausgerufene Türkische Republik Nordzyperns (KKTC) ist international isoliert und wird nur von der Türkei anerkannt. Wegen eines internationalen Handelsembargos ist der türkische Inselteil auch wirtschaftlich komplett von Ankara abhängig. Es wurde bekannt, dass rund ein Viertel des KKTC-Haushaltes von der türkischen Staatskasse finanziert wird.

Aber der Frust vieler türkischer Zyprioten bezieht sich nur auf die Sparmaßnahmen, sondern ist viel tiefgreifender. Seitdem die griechische Seite den UN-Plan zur Wiedervereinigung 2004 ablehnte, schwinden die Hoffnungen, jemals zu einer politischen Lösung zu kommen, die das Embargo und die Isolation Nordzyperns beenden würde. Dazu kommt, dass im Laufe der Jahre immer mehr Siedler aus der Türkei auf die Insel übergesiedelt wurden, so dass heute von rund 400.000 Einwohnern nur noch 160.000 Zyprioten sind. Die wirtschaftliche Entwicklung leidet unter dieser Übersiedlung. Auch nationalistische Grundgedanken werden schon seit Jahren durch die eingewanderten Türken gepflegt, um die Zyprioten an das „Türkentum“ zu erinnern.

Ende März sind weiter Demonstrationen geplant

Die Demonstrationen, die in dieser Form erstmals seit Gründung der KKTC 1984 stattfinden, sind deshalb auch so etwas, wie ein letztes Aufbäumen der türkischen Zyprioten. Für Anfang März rufen nun die Gewerkschaften und linken Parteien zu erneuten Demonstrationen auf. Einer der Organisatoren der Proteste sieht schon „Kairoer Verhältnisse“ kommen. Da der türkische Ministerpräsident Erdogan die Bewegung in Ägypten doch unterstützt, müsste er auch nichts gegen die in Zypern haben. Oder vielleicht doch? Jedenfalls kann er gegen Demonstranten mit der nötigen Härte und Gewalt vorgehen, das hat er der Welt jedenfalls oft genug bewiesen. Die friedlichen Demonstranten als „undankbar“ zu bezeichnen, scheint auch eine Gewohnheit des türkischen Ministerpräsidenten geworden zu sein. Erst waren die streikenden Tekel-Arbeiter, dann die Fußballfans im Galatasaray-Stadion, die ihn ausgebuht hatten, „undankbar“ und „unverschämt“, obwohl er das neue Stadion mit Steuergeldern finanziert hatte. Und jetzt sind es die Zyprioten, die gegen die Sparpolitik demonstrieren, deren Ursache die Isolationspolitik ist. Bleibt nur abzuwarten, welche Bevölkerungsgruppe in nächster Zeit wieder „undankbar“ sein wird.