Unzufriedenheit unter den Jugendlichen steigt

Interview mit dem DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf  über die Ziele der Kampagne „Wie wollen wir leben?“.

Neues Leben: Was ist das Ziel der Kampagne „Wie wollen wir leben“?
Rene Rudolf: Wir wollen uns ernsthaft und ehrlich mit der Lebensrealität der jungen Generation auseinandersetzen und wollen dabei möglichst viele Jugendliche zu Wort kommen lassen und aktiv einbinden. Erst einmal vollkommen unabhängig davon, ob sie Mitglied einer Gewerkschaft sind. Sie sollen mitreden und mitbestimmen. Dabei steht die Leitfrage „Wie willst du leben?“ im Mittelpunkt. Mit einer Befragung rund um die Themen Arbeit, Bildung und Freiheit wollen DGB und Gewerkschaften die Interessen und Vorstellungen der jungen Generation erfassen und in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte rücken. Gleichzeitig aber auch die Durchsetzungsfähigkeit und Wahrnehmbarkeit der Gewerkschaftsjugend mit ihren Themen erhöhen.
Wir werden herausfinden, welche die wichtigen Themen sind und wie sich die junge Generation ihr Leben vorstellt. Und wir hoffen, dass wir die Jugendlichen überzeugen können, sich aktiv bei den Gewerkschaften, Schülervertretungen, in studentischen Gremien und in Jugend- und Auszubildendenvertretungen einzumischen und sich zu engagieren.
Der Zeitpunkt ist aus meiner Sicht günstig. Denn mehr als 60 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren finden Gewerkschaften und Betriebsräte wichtiger denn je. Gleichzeitig steigt ihre Unzufriedenheit mit dem Wirtschaftssystem und den politischen Entscheidungsträgern: Denn viele Erwerbsbiografien von jungen Menschen werden immer prekärer: Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit, Minijobs, unbezahlte Praktika und Befristungen bestimmen oft den Berufseinstieg Jugendlicher. Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Generation steht im Zentrum unserer Arbeit.

NL: Wollt ihr diese Kampagne alleine durchführen oder auch andere Jugendverbände einbeziehen?
RR: Nicht nur Jugendverbände, sondern auch Organisationen und aktive Gruppen sind ausdrücklich eingeladen, sich an der Debatte zur Zukunft der jungen Generation zu beteiligen. Es ist ausdrückliches Ziel, möglichst das gesamte Spektrum der Jugend heute einzubeziehen. Denn wir wollen nach einer ersten Befragungsphase in einen qualitativen und intensiven Diskussionsprozess einsteigen und vor Ort in sogenannten Dialogwerkstätten über die Anliegen der Jugend diskutieren.
Eingeladen sind auch Schülerinnen und Schüler. Für sie haben wir Aktionspakete aus unserem Aktionsfond bereitgestellt. Mit eigenen Ideen können sie Projekte im Rahmen unserer Initiative an ihrer Schule durchführen.

NL: Wir stellen bei der Jugend eine Politisierung fest! Wie macht sich dieser Prozess in den Gewerkschaftsjugenden bemerkbar?
RR: Die Protestbereitschaft nimmt allgemein zu. Der überwiegende Teil der Jugendlichen ist bereit, sich politisch zu engagieren. Allein eine viertel Million Schülerinnen, Schüler und Studierende beteiligten sich am Bildungsstreik 2010. 47 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 12 und 25 Jahren sind bereit, sich persönlich politisch auf unterschiedliche Weise zu engagieren. Und 60 Prozent sind bereit, für ihre Interessen gemeinsam mit anderen auf die Straße zu gehen und an Protestaktionen teilzunehmen. Diese Bereitschaft junger Menschen, sich für die Gestaltung ihrer Zukunft zu engagieren, ist ein enormes Potenzial, das wir ansprechen, aktivieren und organisieren wollen. Denn die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Generation steht für uns als DGB-Jugend im Zentrum unserer Arbeit.

NL: Welche konkreten Aktionen sind geplant? Und wo?
RR: Mit der Initiative „Wie wollen wir leben?“ bieten wir eine Plattform, um ihre Meinungen, Ängste und Utopien zu artikulieren und sie in den Fokus der öffentlichen Auseinandersetzung zu rücken, gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln und öffentlich zu machen. Wer im Rahmen der Jugendinitiative aktiv werden will, wird von der Gewerkschaftsjugend unterstützt. Aktivitäten unterschiedlicher Aktionsgruppen vernetzen sich auf der Initiativen-Zentrale im Netz. Einen Schwerpunkt bilden alle Aktivitäten zu den Landtagswahlen, die dieses Jahr in sieben Bundesländern stattfinden.

NL: Die Forderungen der DGB Jugend umfassen alle Forderungen der Jugendlichen! Könnte durch diese Kampagne eine neue Jugendbewegung entstehen?
RR: Möglicherweise. Im ersten Schritt geht es uns allerdings darum, mit möglichst vielen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihnen eine Plattform zur Artikulation ihrer Bedürfnisse zu bieten und bereits aktive Gruppen zu bündeln und miteinander zu vernetzen. Gelingt es, diese vielen Akteure und Aktionen unter einen Hut zu bringen, hat dies ein enormes Potential.

NL: Wie will denn die Jugend leben?
Das werden die Befragung und der Diskussionsprozess ergeben. Allerdings ist klar, es muss sich einiges verändern. Die Lebensrealität vieler junger Menschen sieht doch so aus: Ein großer Teil der jugendlichen Schulabgänger findet immer noch keinen betrieblichen Ausbildungsplatz, oder sie müssen sich mit einer schlechten Alternative zufrieden geben. Überdurchschnittlich oft müssen sie in unsicheren Verhältnissen arbeiten und finden sich in Leiharbeit, Schein-Selbständigkeit oder unfreiwilliger Teilzeit wieder. Sie werden in langen Praktikaphasen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und arbeiten oftmals zu Niedriglöhnen, die kaum zur Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse ausreichen. In Zahlen heißt das: Jedes Jahr verschwinden fast 400.000 Jugendliche nach der Schule in Warteschleifen und Maßnahmen – ohne Aussicht auf eine qualifizierende Ausbildung. Etwa 1,5 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 haben keine abgeschlossene Ausbildung – das entspricht etwa 17 Prozent dieser Altersgruppe. Knapp 40 Prozent der Beschäftigten zwischen 15 und 24 Jahren arbeiten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen und mehr als 30 Prozent der Erwerbstätigen unter 35 Jahren arbeiten zu prekären Bedingungen. Junge Beschäftigte sind somit die unfreiwilligen Vorreiter einer immer flexibler werdenden Berufswelt. Sie bezahlen den Preis für eine jugendfeindliche und einseitige Politik der letzten Jahre. Das wollen wir mit den Jugendlichen verändern.

Das Interview für Neues Leben führte Yusuf metin