„Ist doch klar: In die Atomindustrie!“

Ibrahim Celik

Die Atomkatastrophe in Japan ist verheerend. Durch das Erdbeben und den Tsunami kamen wahrscheinlich mehrere 10.000 Menschen ums Leben. Ganze Städte, Dörfer und Landstriche an der Ostküste Japans sind von den Flutwellen überspült worden. Das schwerste Erdbeben in der Geschichte des Landes löste eine Tsunamiwelle aus, die Häuser, Autos, Schiffe, Güterzüge, Menschen usw. mit sich riss und kilometerweit ins Landesinnere schleppte. Die Wucht des Erdbebens und die damit ausgelöste Flutwelle haben wahrscheinlich dazu geführt, dass im weniger entfernten Atomkraftwerk (AKW) Fukushima die Kühlsysteme und Generatoren ausgefallen sind. Es wird seitens der japanischen Behörden über die Gefahr von Kernschmelze berichtet und eine nukleare Katastrophe wird von Experten nicht mehr ausgeschlossen. Dass es sogar in einem Reaktor bereits zu einer Kernschmelze gekommen sein könnte, wird auch nicht mehr geleugnet. Das hoch technologisierte Land Japan ruft den atomaren Notstand aus.
Und was passiert hier in Deutschland?
Die Bundesregierung erklärte, das Deutschland kein erdbebengefährdetes Land sei und mit einer Naturkatastrophe in dem Ausmaße, wie ein Tsunami, sei in Europa nicht zu rechnen. Dabei wurde das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz 1988 sogar selbst wegen Erdbebengefahr stillgelegt. Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Westerwelle haben in einer Presseerklärung bekannt gegeben, dass die Kernkraftwerke in Deutschland sicher seien. Aber gleichzeitig wurde eine Überprüfung der Sicherheitsstandards für alle AKW`s in Deutschland verkündet. Dies ist nicht nur zynisch, sondern auch Volksverdummung. Auf der einen Seite wird behauptet, dass alle 17 Atomanlagen in Deutschland sicher seien und auf der anderen Seite wird deren Überprüfung angekündigt. Es ist eindeutig ein Eingeständnis, dass die betriebene Atompolitik und Atomenergie an sich eine Einbahnstraße ist –mit enormen Folgen, wenn es drauf ankommt.
Auch in Japan wurde noch bis vor einigen Wochen von der Atomlobby und der Regierung behauptet, Atomanlagen seien sicher. Was für ein Irrtum! Eigentlich sagt man: Irrtümer sind tolerierbar. Aber bestimmt nicht in der Atompolitik. Hier kann und darf man sich keine Fehler erlauben. Das Ausmaß eines derartigen Irrtums hat derzeit unvorstellbare, zerstörerische Folgen für Mensch und Natur in Japan. Atomkraftwerke sind nicht beherrschbar. Ein Restrisiko bleibt und ist unverantwortbar. Auch der sicherste AKW ist verwundbar.
Es ist auch ein Irrtum, dass alle 17 deutschen Atomkraftwerke in Deutschland sicher seien. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt unlösbare Sicherheitsprobleme in allen Atomkraftwerken. Vor allem in den älteren Atomanlagen.
Hier drei Beispiele: AKW Neckarwestheim
Es ist seit längerem bekannt, dass das Fundament auf dem sich das AKW Neckarwestheim befindet, nicht sicher ist, da sich im Erdreich unter dem AKW Hohlräume befinden. Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende vom BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) äußerte große Bedenken „an der geologischen Eignung des Untergrunds am AKW Standort Neckarwestheim.“ Dahlbender gab weiter an: „Bei einem Erdbeben können sich wegen der Hohlräume Erschütterungen um bis zum 30-fachen verstärken“.
In dem seit ca. 35 Jahren bestehende Kraftwerk Neckarwestheim ereigneten sich einige Zwischenfälle. So ist bei einem Unfall kontaminiertes Wasser trotz großer Einsatzmaßnahmen in den Neckar gelangt.

AKW Brunsbüttel
Im Jahre 2001 meldete das Atomkraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein eine Wasserstoffexplosion. Hierbei wurden direkt am Reaktor befindliche Rohrleitungen mehrere Meter zerfetzt. Der Störunfall endete zwar glimpflich, aber nach diesem Störunfall wurden immer wieder Störungen und  Schäden vom AKW Brunsbüttel gemeldet.

AKW Biblis
Der älteste noch laufende Atommeiler in Deutschland war des öfteren wegen verschiedener Störunfälle in den Schlagzeilen. Vom Ausfall der Stromversorgungssysteme bis hin zu defekten Absperrklappen und defekten Wasserkühlern war die Rede. Für viele kritische Atomexperten ist diese Anlage ein „Schrottmeiler“, welches schon längst hätte abgeschaltet werden müssen. Alle Störunfälle müssen in Deutschland dem Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter gemeldet werden. In den vergangenen 30 Jahren seien über 4000 Meldungen der Behördenstelle eingegangen.
Es war Merkels Kabinett, welche die Laufzeiten der 17 deutschen Kernkraftwerke um viele Jahre verlängerte, obwohl einige von ihnen bereits seit den 70`ern und 80`ern laufen. Die Atomlobby klatschte Beifall für ihre Fürsprecher. Jeder weitere Tag, an dem die Reaktoren nicht abgeschaltet werden, füllt die Konten der Atomlobbyisten.
In den kommenden Wochen stehen drei Landtagwahlen an. Die Bundesregierung hat ein dreimonatiges Moratorium für die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke verkündet, um das Wahlvolk zu beruhigen. Die Atomunfälle in Japan machen es der Kanzlerin und ihrem Koalitionspartner nicht einfach, für Atomkraftwerke zu plädieren. Stattdessen wird v,ersucht auf Zeit zuspielen. Wir haben aber keine Zeit. Die Atomkraftwerke sind tickende Atombomben. Dieser Gefahr müssen wir uns bewusst sein. Die Kanzlerin kann nach den Störfällen in Japan ihre Atompolitik bis zu den Wahlterminen nicht mehr aufrechterhalten und läuft Gefahr, für ihre waghalsige Atompolitik abgewählt zu werden.
Aber sicher hat die Physikerin Dr. Angela Merkel vorgesorgt. Etwa ein Posten im Aufsichtsrat der Atomlobby?