Das Gefecht mit dem NATO-Schwert gegen Frankreich

İhsan Çaralan

Die Übergabe des Kommandos an die Nato bei dem imperialistischen Angriff gegen Libyen wird in den türkischen Medien als Erfolg der Türkei bejubelt. Ob regierungsnah oder -kritisch, alle Medien sehen in der Entscheidung einen Sieg der türkischen Regierung, die die Interessen der Türkei gewahrt und Sarkozy eine schwere Niederlage zugefügt habe.
Diejenigen Kräfte, die in den letzten Jahren die Außenpolitik der AKP-Regierung kritisiert und darin die Signale dafür gesehen haben, dass die Türkei Schritt für Schritt ihre pro-westliche Haltung aufgebe, sind jetzt begeistert, dass ihre Befürchtungen doch nicht ganz berechtigt waren. Die Medien, die eine Annäherung an die „islamische Welt“ favorisieren und in diese Richtung ausgemachte Schritte entdecken, sehen in der Entscheidung keine Kehrtwende, sondern ein geniales außenpolitisches Manöver.
Diese „Waffenbruderschaftshal-tung“ verschiedener Medien in Diensten der Nato, die ansonsten gegensätzliche Standpunkte vertreten, kommt sicherlich nicht zufällig. Vielmehr spiegelt sie die „nationale Koalition“ wieder, die auch bei der Zustimmung des Parlaments zum Einsatz des türkischen Militärs zum Ausdruck kam. Außer der [kurdischen] BDP hatten alle im Parlament vertretenen Parteien dem Einsatz zugestimmt.
Obwohl er dafür sorgte, dass das Land bis zum Hals im Militäreinsatz gegen Libyen steckt, rühmt sich jetzt Ministerpräsident Erdogan, die türkischen Soldaten würden ihre “Waffen nicht gegen die libyschen Schwestern und Brüder richten”. Wer wird dann den Finger am Abzug haben? Die Antwort ist ganz einfach: es sind die französischen, britischen, US-amerikanischen, kanadischen und italienischen Kampfjets und Kriegsschiffe, denen die türkischen Kampfjets und Kriegsschiffe den Rücken freihalten werden.
So einfach kann man es sich machen. Dem Mörder und Räuber Schutz und die Möglichkeit gewähren, dass er unter diesem Schutzschirm seine Morde begehen kann, und dann die Hände in Unschuld waschen.
Ein Fernsehjournalist beschrieb die Aufgabe, die die Türkei bei dem Militärschlag gegen Libyen übernommen hat, mit folgenden Worten: “Die Kampfjets der türkischen Luftwaffe werden in der flugfreien Zone die Durchsetzung des Flugverbots kontrollieren. Ziele am Boden werden sie aber nicht beschießen. Die Aufgabe übernehmen US- und französische Jets, die die Koordinaten dieser Ziele von türkischen Piloten bekommen.”
So schlicht ist die Wahrheit. Und das wird von der Regierung als “Nichtbeteiligung an Kampfhandlungen” verkauft. Und bei ihrem Dienst an die Nato kennt sie keine Grenzen. Bei ihren Bemühungen um die Übergabe des Einsatzes an die Nato müssen sich die USA nicht mit Sarkozy rumärgern. Diese Aufgabe wird auch der Türkei zugeteilt. Und bekommen von ihr auch noch einen “Bonus”, indem der Nato-Stützpunkt in Izmir auf Vorschlag der Türkei als Kommandozentrale bestimmt wurde. Das wird dann von der türkischen Regierung als weiterer Erfolg dargestellt, als würden vom türkischen Boden startende Nato-Jets weniger Schaden anrichten.
Sie sagt, wenn das islamische Geschwistervolk in Libyen bombardiert werden soll, muß der Stützpunkt in der Türkei sein. Sonst würde der Militärschlag – Gott behüte – in der “islamischen Welt” als ein “Kreuzzug” wahrgenommen. Das Kommando liegt jetzt also bei der Nato, und die Kontrolle bei der Türkei. So können Frankreich, USA und die anderen, Libyen bombardiern, ohne sich mit dem Vorwurf des “Kreuzzuges” konfrontiert sehen zu müssen.
Das erinnert stark an den berühmten Spruch des Gouverneurs von Ankara, der 1944 nach der Verhaftung von jungen Revolutionären sagte: “Wenn der Kommunismus irgendwann in unser Land kommt, werden wir dafür sorgen, und nicht ihr.” In der AKP-Version heißt dieser Spruch jetzt: “Wenn Libyen bombardiert werden soll, dann werden wir das übernehmen. Der Westen soll da nicht vorpreschen.”
Die gleiche Logik steckt auch in den Äußerungen von Erdogan, der Sarkozy nach dessen Vergleich des Militärschlags gegen Libyen mit “Kreuzzügen” als “dreist” bezeichnete. Und die regierungsfreundlichen Medien nahmen diese Steilvorlage gerne an und schmückten ihre Titelseiten damit.
Eigentlich hätte aber jemand, der für sich in Anspruch nimmt, die islamische Welt zu verteidigen, die Richtigkeit der Äußerung Sarkozys beweisen müssen. Aber unsere Islamverteidiger stören sich daran. Denn sonst würden sie ja zugeben, dass sie selbst auch an diesem Kreuzzug beteiligt sind.
Zusammengefaßt kann man sagen: Die Türkei wird zur Beteiligung am Krieg gegen Libyen gezwungen. Und die USA (in diesem Falle ist die Nato mit den USA gleichzusetzen) drücken der Türkei das Nato-Schwert in die Hand. Das wiederum wird als Erfolg gegen Frankreich und als “Heldentum” vermarktet.
So schlicht ist die Wahrheit. Alles andere sind Nebelbomben. Die Bevölkerung im eigenen Lande würde ja sonst die Wahrheit erkennen.

Übersetzung: Mehmet Çallı