Fukushima beweist: keine Atomenergie ohne Katastrophe

Daniel Tanuro

Es ist eingetreten, was eintreten musste: ein weiterer schwerer atomarer „Unfall“. Zu dem Zeitpunkt, an dem diese Zeilen geschrieben werden, steht noch nicht fest, dass er die Dimensionen einer Katastrophe ähnlich wie der in Tschernobyl annehmen wird, aber die Dinge scheinen sich leider in diese Richtung zu entwickeln. Ob es nun eine Katastrophe von großem Umfang gibt oder nicht, es hat sich einmal mehr erwiesen, dass diese Technik nicht hundertprozentig sicher sein kann. Die Risiken sind dermaßen entsetzlich, dass die Schlussfolgerung auf der Hand liegt: Ein Ausstieg aus der Atomenergie ist dringend geboten, und zwar so schnell wie möglich. Das ist die erste Lehre, die aus Fukushima zu ziehen ist, deren Umsetzung wirft aber absolut fundamentale soziale und politische Fragen auf, die eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte und eine Alternative zur kapitalistischen Zivilisation mit unbegrenztem Wachstum notwendig machen. […]
Eine anfällige Technik
Die Reaktion, die in einem Atomkraftwerk stattfindet, ist eine Kettenreaktion: Urankerne werden mit Neutronen beschossen; durch Absorbieren eines Neutrons spaltet sich ein Urankern in zwei Teile, und dabei wird eine große Menge Energie freigesetzt (dies ist die Kernspaltung); zugleich setzt er weitere Neutronen frei, und jedes kann die Spaltung eines weiteren Urankerns bewirken. Ist die Reaktion erst einmal in Gang gesetzt, kann sie von alleine weitergehen. Das einzige Mittel, um sie (und die Temperatur) zu kontrollieren, besteht darin, zwischen die Stäbe mit Brennstoff Stäbe mit Legierungen zu schieben, die Neutronen auffangen können, ohne dass eine Spaltung der Materie in Gang kommt. Damit kann der Reaktorkern wieder abgekühlt werden. Doch erfordert dieses Abkühlen eine gewisse Zeit. Die Brennstäbe müssen während dieser Zeit von Wasser umschlossen sein, ansonsten droht deren Überhitzung.
Die Atomkraftbefürworter wiederholen unablässig, dass die Vorkehrungen ausgesprochen sicher sind, vor allem weil die Pumpen in dem Fall, dass das Stromnetz ausfällt, mit Notfallstromaggregaten betrieben werden können. Der Unfall in Fukushima zeigt, dass diese beruhigenden Äußerungen nicht viel taugen. […] Es mangelt an präzisen Informationen: Dass die Firma Tokyo Electric Power (Tepco) und die japanischen Behörden einen Teil der Wahrheit verheimlichen, ist mehr als wahrscheinlich. Die beiden Fragen, die am meisten Angst machen, sind zum einen, ob das Schmelzen der Brennstäbe beherrscht wird oder ob es weitergeht, und zum anderen, ob die Sicherheitsstruktur, in der sich der Behälter befindet, halten wird. […]
Am schlimmsten wäre jedoch die Schmelze des Kerns des zweiten Reaktors, der am 13. März explodiert ist. Der dort verwendete Brennstoff ist Mox, eine Mischung von abgereichertem Uranoxyd und Plutonium 239. Dieses Plutonium 239 ist ein wieder verwendeter Abfall aus dem Betrieb von klassischen Urankraftwerken. Dessen Radioaktivität ist extrem hoch, und seine „Halbwertzeit“ (die Jahre, die für eine Verminderung der Radioaktivität um die Hälfte nötig sind) wird auf 24 000 Jahre geschätzt. Die JapanerInnen kennen dieses Element und dessen fürchterliche Folgen gut: Die thermonukleare Bombe, die am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Nagasaki abgeworfen wurde, enthielt Plutonium 239.
Ein nicht akzeptables Risiko
Nach der Katastrophe von Tschernobyl erklärten die BefürworterInnen der Atomkraft, der Unfall gehe auf die schlechte sowjetische Technik, unzureichende Sicherheitsbestimmungen und den bürokratischen Charakter des Systems zurück. Würde man ihnen glauben, kann bei den Kraftwerken, die mit der guten kapitalistischen Technik laufen, nichts dergleichen passieren, vor allem nicht in unseren „demokratischern“ Ländern, in denen der Gesetzgeber auf allen Ebenen alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen trifft. Jetzt sieht man, dass dieser Diskurs rein gar nichts taugt.
Japan ist ein Land mit sehr hoch entwickelter Technik. Die Behörden wissen durchaus um das Erdbebenrisiko und haben für den Bau von Kraftwerken sehr strenge Bestimmungen erlassen. Der Reaktor 1 von Fukushima I war sogar mit doppelten Sicherheitsvorrichtungen versehen, mit dieselbetriebenen Aggregaten einerseits und batteriebetriebenen andererseits. Es hat nichts genutzt, weil auch die ausgefeilteste Technik und die strengsten Sicherheitsbestimmungen niemals eine absolute Garantie geben werden, weder im Fall von Naturkatastrophen noch im Fall von möglichen kriminellen Akten von irrsinnigen Terroristen (einmal abgesehen von immer möglichen menschlichen Fehlern). Man kann das Risiko der Atomkraftwerke vermindern, es aber nicht vollständig ausräumen. Wenn man es relativ gesehen vermindert, die Zahl der Kraftwerke jedoch zunimmt, wie das zur Zeit der Fall ist, kann das absolute Risiko ansteigen.
Es ist wichtig festzustellen, dass dieses Risiko nicht akzeptabel ist, da es menschlichen Ursprungs, vermeidbar und das Ergebnis von Entscheidungen über Investitionen ist, die von engen Zirkeln im Zusammenhang mit ihren Profiten getroffen werden, ohne wirkliche demokratische Konsultation der Bevölkerung. Zu schreiben, dass die „Atomunfälle (sic) in Japan bei weitem nicht so viele Opfer gefordert haben wie der Tsunami“, wie es zum Beispiel im Leitartikel von [der belgischen Tageszeitung] Le Soir (14. März) heißt, läuft darauf hinaus, den qualitativen Unterschied zwischen einer unvermeidlichen Naturkatastrophe und einer technisch ohne weiteres vermeidbaren Katastrophe wegzuwischen. Wenn es weiter heißt, „wie bei jedem komplexen industriellen Prozess enthält die Energieproduktion auf der Grundlage des Atoms einen beträchtlichen Anteil von Risiken“ (an gleicher Stelle), so läuft dies zudem darauf hinaus, die Besonderheit des atomaren Risikos wegzuwischen, das vor allem darin besteht, dass diese Technik das Potential enthält, die menschliche Gattung auf der Erde auszuradieren. Solche Äußerungen gilt es unermüdlich aufzuspießen, sie sind Ausdruck des enormen Drucks, den die Atomlobby auf allen Ebenen ausübt.

Gekürzt aus: La Gauche/Belgien