Ay Carmela!

Es ist das Jahr 1936 und in Spanien ist der Faschismus zum Alltag der Menschen geworden. Der Militärputsch, der von Francisco Franco Bahamonde geführt wurde, seit 1933 einer der Befehlshaber der spanischen Armee, sorgte in den Jahren für den Tod vieler republikanischen, demokratischen, sozialistischen Menschen in Spanien. Auch die Stadt Guernica, bekannt durch das Bild von Picasso, ist aus den Jahren bekannt geworden, denn 1937 wurde die Stadt bombardiert und dem Erdboden gleich gemacht.
Das Stück „Ay Carmela“, welches aus der Feder von Jose Sanchis Sinisterra entstammt, wird derzeit von einer Theatergruppe aus Ankara („Theaterfabrik Ankara“) aufgeführt. In dem Stück geht es um ein Schauspielerpaar, Carmela und Paulino. Diese geraten in die Hände von Francos Truppen und werden von ihnen gezwungen, eine Show für die Generäle und die Gefangenen vorzubereiten. Paulino ist bereit, für sein Leben alles zu tun und beschließt mitzuspielen. Somit versteckt er seine eigene Identität und Ideologie, während Carmela es nicht ertragen kann. Nach und nach gibt Carmela von ihren Gedanken mehr preis und riskiert ihr Leben. „Tod oder Überleben, Held oder Scheisser – härter lässt sich die Frage nicht stellen.“, so verkörpert Carmela die mutige Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt.
Derzeit ist das Stück in Deutschland und wir haben die Schauspieler befragt.

Neues Leben (NL): Kannst du dich vorstellen?
Murat Demirbas (MD): Ich bin Murat Demirbas. Seit der Mittelstufe beschäftige ich mich mit Theater. Nachdem ich jahrelang im „Ankara Sanat Tiyatrosu“ gearbeitet habe, kreuzten sich unsere Wege mit dem „Ankara Tiyatro Fabrikasi“. Ich bin gleichzeitig auch einer der Gründer dieser Theatergruppe.

Ebru Üstündas (EÜ): Ich bin Ebru Üstündas und spiele Carmela in dem Stück. Seitdem ich klein bin, beschäftige ich mich mit Theater. Gleichzeitig bin ich Musikerin und singe.

NL: Warum habt ihr ausgerechnet dieses Stück ausgesucht?

MD: Bei der Auswahl der Stücke suchen wir meistens Stücke, die universell sind und einen politischen Inhalt haben. Natürlich ist es uns auch wichtig, dass es einen Bezug zu heute hat.
Ay Carmela ist ein Stück, das wir seit Jahren kennen. Altan Erkekli und Asli Öngören aus dem Ankara Sanat Tiyatrosu hatten das Stück gespielt. Wir haben versucht, die Sprache so einfach wie möglich zu machen.

EÜ: Als ich das Angebot bekam, in dem Stück zu spielen und den Text las, hat er mir sehr gefallen. Deshalb wollte ich unbedingt mitspielen und habe zugesagt.

Yilmaz Demiral (YD): Kriege sind noch immer unsere grausame Realität. Sie sind globale Probleme die noch andauern, daher haben wir dieses Stück bevorzugt. „Ay Carmela“ ist ein Anti-Kriegsstück, indem auch Lösungen gegen den Krieg präsentiert werden. Dies ist ein Stück, welches an die internationale Solidarität erinnert und von ihr erzählt. Einige der extremsten Beispiele von internationaler Solidarität wurden in Spanien erlebt. Zu jener Zeit herrschte nicht nur Krieg im eigenen Land. Wir wollten an die revolutionären Internationalisten erinnern, die damals gegen den Faschismus in Spanien kämpften. Wir wollten nicht, dass diese Zeit in Vergessenheit gerät. Damit Kriege nicht vergessen werden und die Geschehnisse auf der Erde in Erinnerung bleiben. Wenn wir eine lebenswerte Welt wünschen, muss uns bewusst sein, das auch einige Opfer gemacht werden müssen, auch daher darf die Geschichte nicht vergessen werden. Damit die internationale Solidarität stets in Erinnerung bleibt, da Ay Carmela hierfür ein vorbildliches Beispiel zeigt und von Frieden und Freiheit erzählt, wählten wir dieses Stück.

NL: Meint ihr, dass der Zuschauer das Stück verstanden hat, ohne den historischen Hintergrund zu kennen?

MD: Das Schöne ist, dass die meisten über den Bürgerkrieg informiert sind. Viele wissen, was die Menschen dort durchgemacht haben. Das ist auch ein Grund gewesen, warum wir das Stück ausgesucht haben. Aber selbst, wenn das Publikum nicht so viel weiß, denke ich schon, dass das Geschehen auf der Bühne alles zeigt. Man lernt schon einiges aus dem Stück. Dennoch bleibt viel dem Publikum überlassen. Das Publikum müsste schon weiter recherchieren, um die Details herauszufinden. Wir nehmen einen Punkt aus der Geschichte und zeigen die heutige Situation. Die Schauspielerin Carmela leistet nicht nur gegen den spanischen Faschismus Widerstand, sondern auch gegen die heutige Unterdrückung. Sie ist die Stimme der heutigen Ausgebeuteten. Ohne Angst zeigt Carmela vor allen Generälen ihre Republikanische Flagge und sagt damit allen ein lautes „Hallo“.

EÜ: Absolut, weil es hier um viel mehr geht, als um die „Spanische Geschichte“. Wir haben den Fokus sehr auf Freiheit gesetzt und Freiheit wollen wir immer und überall. Normalerweise endet das Stück mit den Worten „Spanien! Spanien!“. Wir haben es aber in „Freiheit! Freiheit!“ umgewandelt. Und diese Freiheit ist die Antwort auf die vielen Kriege von heute. Ay Carmela ist sowieso ein Lied der Freiheit. Deshalb denke ich schon, dass alle das Stück verstanden haben müssten

NL: Ihr konntet das Stück in der Türkei nicht so oft zeigen….
MD: Wir haben das in der Türkei zwei Mal zeigen können. In Ankara und in Van. Direkt danach war die Europatour angesetzt. Wenn wir zurück sind, ist die Saison sowieso schon vorüber, aber für die nächste Saison sind schon viele Anfragen da. Ab Oktober wird es eine Türkeitourne geben.

EÜ: Wir kamen direkt nach Deutschland und werden anschließend nach Frankreich und in die Schweiz gehen.

NL: Wie sind die Reaktionen bis jetzt?
MD: Als wir nach Deutschland kamen, hatte ich schon meine Ängste, ob auch jeder das Stück versteht, aber nachdem die ersten positiven Feedbacks kamen, war ich erleichtert. Das Publikum war wirklich immer sehr aufmerksam und es gab viele, die emotional wurden. Ich meinerseits bin bis jetzt zufrieden. Niemals erreicht eine Kunst das Publikum hundert prozentig, das würde nämlich Populismus bedeuten. Und das ist nie unser Ziel gewesen. Mit Sicherheit wird es auch Zuschauer gegeben haben, denen es nicht gefallen hat oder die nicht alles verstanden haben. Aber ein Fragezeichen zu hinterlassen, ist auch unsere Aufgabe. Es ist wichtig, dass die Zuschauer etwas hinterfragen. Wir erwarten nicht, dass alle gleichermaßen zufrieden sind, aber ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, dass die meisten zufrieden nach Hause gingen.

EÜ: Wir konnten mit dem Publikum unsere Freude teilen, unseren Erfolg. Das Stück kam immer gut an. Die Zuschauer waren emotional berührt. Und ich denke, dass wir sie zum Nachdenken angeregt haben. Manchmal sind die Leute verwirrt gewesen, weil Carmela in zwei Formen auf die Bühne kommt. Einmal als die Erscheinung von ihrem Mann und zum anderen rückblickend an ihre Lebenszeit. Ansonsten wurde das Stück gut verstanden, denke ich.

YD: Wir haben viel mehr Interesse geweckt, als wir Anfangs erwartet hatten und dies dauert noch an. Wir werden überall mit diesem Stück sehr positiv empfangen. Einige Zuschauer berichteten, dass sie die Geschichte des Stücks nicht kannten, doch dies ist nicht das Entscheidende. Das Stück soll anregen, über das heutige Desinteresse der Menschen, über das Negative nachzudenken. Auch wenn es Probleme sind, die ihre Wurzeln in der Geschichte haben, ist es für den Zuschauer nicht notwendig, die Geschichte zu kennen. Dies ist ein Theaterstück, welches von einer Geschichte aus damaliger Zeit erzählt. Aber es ist möglich, dass das Stück den Zuschauer zum Reflektieren und Nachdenken in Bezug auf die heutigen Situationen anregt. Weil „Hamlet“ vor mehreren Hundert Jahren geschrieben wurde, bedeutet das nicht, dass das Spiel heutzutage nicht in Dänemark aufgeführt werden kann. Wir tragen die Geschichte von Spanien in den Jahren 1936- 1938 auf die Bühne. Über diese Zeit existieren auch viele Filme. Es ist nicht wichtig, ob das Stück Carmela, Berivan oder anders heißt. Wir wollen noch einmal betonen, für bestimmte Werte muss etwas investiert werden, es müssen Opfer gebracht werden. Einerseits kann man wie Carmela eine ehrenvolle, standhafte Position beziehen, andererseits seine Seele an den Teufel verkaufen. Dieses Verständnis wollten wir schildern. Und zumindest das kam bei den Zuschauern an.