„Wir riefen Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen“

Feray Demir *

Bereits 1961, kurz nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei bemerkte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in einem seiner Dramen: „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen aber Menschen.“ Dieses berühmte Zitat aus dem Drama Siamo Italiani, hebt die Seite hervor, die in der Debatte um Integration seit den Anfängen zu wenig in Betracht gezogen wurde. Als das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet wurde, war es für beide Staaten selbstverständlich, dass die Arbeiter nach einer befristeten Zeit zurückkehren würden. Die angeworbenen Gastarbeiter sollten nicht länger als zwei Jahre in Deutschland verbleiben, sondern nach einiger Zeit des Arbeitens wieder in ihre Heimat zurückkehren und durch neue Gastarbeiter ersetzt werden. Die Arbeitsmigration hat sich dann allerdings anders entwickelt, als von Seiten der Bundesrepublik vorgesehen. Bereits in der Zeit von 1961 bis 1966 stieg die Gesamtzahl der ausländischen Arbeiter auf 1,3 Millionen.

Familiennachzug und Anwerbestopp

Die Arbeitgeber kritisierten diesen permanenten Wechsel der Arbeiter und auch die Behörden sahen ein, dass die 2-jährige Befristung für die türkischen Arbeiter abgeschafft werden sollte. Allerdings stellte sich das Bundesinnenministerium quer, denn man wollte jegliche Einwanderung von türkischen Migranten schon von vornherein vermeiden und forderte deshalb ein ausdrückliches Verbot des Familiennachzugs. Jedoch traf das Bundeskabinett zum 30. September 1964 einen entscheidenden Beschluss: Demnach fiel die Befristung des Aufenthaltes von 2 Jahren weg und ebenso wurde die Familienzusammenführung nicht ausgeschlossen. Für die Gastarbeiter war die Chance gekommen, in einem fremden Land eine neue Zukunft aufzubauen. Viele Arbeiter beabsichtigten jedoch trotzdem, nicht länger als 5 Jahre im neuen Lande zu bleiben. Seit Anfang der 70`er Jahre bildet nun die türkische Bevölkerung die mit Abstand größte Migratengruppe in der Bundesrepublik. Dieser rapide Anstieg hatte dann auch zur Folge, dass nun die Bundesrepublik einen Anwerbestopp beschloss. Damit erhoffte sich die BRD, dass nicht noch mehr ausländische Arbeiter nach Deutschland zuzogen.

Erste Anzeichen für Integrationsprobleme

Die mit der Verhängung des Anwerbestopps beabsichtigte Abnahme der Migration erreichte nicht ihr Ziel, denn die Zahl der in Deutschland lebenden türkischen Migranten nahm sogar weiter zu. Durch die Familienzusammenführung in Deutschland wuchs nun auch der Anteil der Frauen, Kinder und Jugendlichen. Am schwierigsten hatten es die Gastarbeiterkinder, denn viele kamen schon im hohen Alter in ein Land, mit dessen Sprache oder Kultur sie nicht vertraut waren. Besonders schwer fiel diesen Kindern die Integration in das deutsche Schulsystem, weil sie sich neben den neuen Verhältnissen auch noch mit den Werten und Normen der Heimat ihrer Eltern auseinander zusetzen hatten und diese nicht verlieren sollten. Das diente auch der damaligen Politik, weil sie die Rückkehrbereitschaft fördern konnte, von der die türkischen Migranten irgendwann einmal Gebrauch machen sollten. Gezielt wurde die Rückkehroption gefördert. Diese waren negative Bausteine, die den Weg der Integration erschwert haben; die nachfolgenden Generationen haben damit bis heute noch zu kämpfen. Die Folgen der unklaren Politik und die Probleme, die damals nur „als vorübergehend“ begriffen wurden, entfalteten sich allerdings weiter. Die steigende Arbeitslosigkeit und die Angst bei den Einheimischen vor Überfremdung haben auch teilweise dazu beigetragen, dass es zu einer Abkapselung aus der Mehrheitsgesellschaft kam. Die Probleme betrafen nicht nur Wohnsiedlungen, sondern auch die Schul-, Ausbildungs-, Arbeits-, und generell die Lebenssituation. Im weiteren Verlauf tauchten weitere Probleme auf: Die Sorge um „den inneren Frieden des Landes“ auf der einen Seite und die Konzentration der türkischen Migranten auf bestimmte Bezirke und ihre Abwehr gegen eine schnelle und konsequente Eingliederung, führten zu einer Phase erfolgsloser Integrationskonzepte. Zudem stand nicht „Integration“ zu dieser Zeit auf der politischen Agenda, sondern wenn, dann „Integration auf Zeit“. Das Hauptaugenmerk lag auf der Unterschiedlichkeit der türkischen Kultur, man empfand dabei die türkischen Gastarbeiter als Fremde, allein deren Erscheinungsbild schon entsprach nicht dem des Gewohnten. Der nächste Schritt war die Auszahlung einer Prämie für eine Rückkehrbereitschaft, die im Juni 1983 in Kraft trat. Damit signalisierte man: „Ihr seid nicht erwünscht“.

Fehlende Integrationskonzepte

Da weder die Gastarbeiter selbst, noch die Gesellschaft, noch die Politik davon ausgingen, dass sich die Gastarbeiter in diesem Land dauerhaft niederlassen würden, wurde dementsprechend faktisch auch keine Integrationspolitik betrieben. Sogar während schon die Familienzusammenführung anlief, wurde weiterhin debattiert, Deutschland sei kein Einwanderungsland, es solle auch keins werden. Die derzeitige Politik versucht nun, die Versäumnisse von 50 Jahren Integrationspolitik aufzuarbeiten. Die Darstellung der Geschichte seit Beginn der ersten Migrationswelle nach Deutschland sollte die ursprüngliche Entstehungssituation der unterzeichneten Anwerbeabkommen mit den verschiedenen Ländern zeigen. Die Migration aus der Türkei stellte sich, wie auch bei den anderen Anwerbeländern aus wirtschaftlichen Gründen ein und tendierte auf eine zeitlich befristete Laufzeit.

„Integration“ ist nicht gleich „Integration“

Die Geschichte der Gastarbeiter spielte sich auf einer völlig anderen Ebene ab, als dies heute der Fall ist. Integration wirkt nicht auf eine beliebige Einwanderergruppe in stets gleicher Weise, sondern es bilden sich je nach ethnischer Gruppe oder je nach politischen Maßnahmen andere Formen der Integration heraus. Es gibt also nicht eine einzige Art der Integration, die man für alle verallgemeinern könnte. Der Integrationsexperte Klaus Bade stellte treffend fest: „Der Weg von einem anatolischen Kleinlandwirt, der nicht lesen und schreiben konnte, zu einem Enkel mit deutschem Abitur ist bei weitem steiler als derjenige von einem deutschen Industriearbeiter mit abgeschlossener Volksschulausbildung zum Enkel mit bestandener Reifeprüfung.“ Bade macht den Aspekt bewusst, dass Migration aus unterschiedlichen Gründen einsetzen kann. Wenn Mitglieder der ersten Generation lediglich zum Erwerb von Arbeit ihre Heimat verließen, so gelten für die Zielsetzung der Kinder oder Kindeskinder andere Maßstäbe. Der Weg dorthin ist allerdings als ein Prozess aufzufassen, der Zeit in Anspruch nimmt und der mit Sicherheit mit Schwierigkeiten und Hürden verbunden ist und unter Umständen erst in den nachfolgenden Generationen faktisch einsetzen kann. Integration ist kein einmaliger Akt, sondern ein stetiger Vorgang in der Gesellschaft. Wenn dieser Prozess positiv verläuft, besteht die Möglichkeit, auf der Basis von Gleichberechtigung, sozialer Gerechtigkeit, der Bereitschaft zur Aneignung von Sprachkenntnissen und kulturellen und sozialen Gepflogenheiten des entsprechenden Landes eine gegenseitige Haltung der Wertschätzung und Anerkennung zu erzielen. Das Integrationsgeschehen besitzt nicht nur eine äußere Dynamik, die sich in Form von Gesetzen oder Regelungen in der Integrationspolitik kennzeichnet, sondern auch eine innere, die zwischenmenschliche Ebene, auf der Mechanismen wirken, die die Richtung der Integrationsleistung mitdefinieren. Einige der zentralen Thesen in Bezug auf türkische Migranten wären, dass diese generell schlechtere Schulabschlüsse und dementsprechend eine geringere Bildung haben oder die Migranten sich in einer „Parallelgesellschaft“ organisieren und sich gegen Integrationsbestrebungen wehren oder generell gewalttätiger sind oder schlechtere Aussichten für Berufsperspektiven haben. Mit Sicherheit kann man, ohne zu verallgemeinern, durchaus annehmen, dass ein bestimmter Prozentteil der hier angesprochenen Probleme tatsächlich ein Problem darstellt. Allerdings dürfen diese nicht an der Herkunft festgemacht werden, sondern müssten als ein gesamtgesellschaftliches „Phänomen“ betrachtet werden.

Wie weiter mit der Integration?

Sowohl die Mehrheitsgesellschaft, als auch die türkischen Migranten müssen ein Umdenken zulassen, damit ihnen bewusst wird, dass die Verantwortung für ein gleichberechtigtes Zusammenleben in ihrer Zugehörigkeit liegt. Ohne Zweifel gibt es innerhalb der Integration der türkischen Migranten Defizite. Integration ist ein wechselseitiges Geschehen, an dem nicht nur die migrantische Gruppe, sondern auch die Instanzen der deutschen Gesellschaft gefragt sind. Dabei müssen kulturelle Differenzen nicht als Hindernis aufgefasst werden und einer Hegemonie kultureller Diskurse (Leitkultur) muss die Alternative eines demokratischen und solidarischen Miteinanders entgegengehalten werden. Das Bild von Kultur, das sich ungut bei der Thematik Migration und Integration aufdrängt, scheint das Bild von einem Ort des Austragens von Machtpraktiken und des Erzeugens von Fremdbildern zu sein, die aber obwohl wirkmächtig, keine gute Grundlage für eine Integrationspolitik der Zukunft bilden können.

* Diplom Soziologin