„Nur eine organisierte Kraft kann etwas verändern“

Rede von Yusuf As, (Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand der DIDF- Jugend) beim Freundschafts- und Solidaritätsfestival der DIDF in Essen

Liebe Freunde verehrte Gäste,
ich möchte euch alle im Namen der DIDF Jugend ganz herzlich willkommen heißen, es ist für uns eine große Freude, so viele von euch hier zu sehen.
50 Jahre Migration aus der Türkei- 30 Jahre DIDF. Deshalb, liebe Freundinnen und Freunde, haben wir uns heute versammelt.  Die allermeisten von uns Jugendlichen hier haben diesen Prozess so nicht miterlebt.
Wenn man an Migration denkt, fallen einem sofort Sehnsüchte, bittere Erfahrungen, Einsamkeit und ähnliche Empfindungen und Erfahrungen ein. Diese waren in den ersten Jahren sicherlich unumgänglich. Doch nach 50 Jahren sind wir doch an einem Punkt angekommen, wo wir uns nach den Erfordernissen, Sorgen und Interessen des Lebens hier orientieren. Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft, mit all ihren negativen und positiven Seiten, auch wenn große Teile der etablierten Politik sich schwer tun, dieses anzuerkennen oder die politische Elite der Türkei uns immer noch als ihr „Hinterhof“ sieht und so beibehalten möchte.
Es ist doch offensichtlich, dass weder Annährung noch Integration gelingen kann, wenn die Probleme des Integrationsprozesses zu „Sicherheitsproblemen“ reduziert werden.
Wir sind weder Kriminelle noch Terroristen, liebe Freunde.
Für uns hängen sowohl die Migrationspolitik als auch der Integrationsprozess sehr eng mit den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen und Auseinandersetzungen oder Forderungen zusammen.
Migration ist ein objektiver, unaufhaltsamer Prozess des Kapitalismus. Unabhängig von dem Willen des Einzelnen werden Millionen Arbeiter in diesen Prozess miteinbezogen.
Diesen Prozess benutzen die Herrschenden vor allem zu einer verschärften Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeitermigranten und auch zur Verschlechterung der Lage der einheimischen Arbeiter.
Darüber hinaus wird die Migration von den Herrschenden dazu benutzt, um die ArbeiterInnen der verschiedenen Nationen gegeneinander aufzuhetzen, zu spalten und den Chauvinismus in der einheimischen Arbeiterschaft gegenüber den einwandernden ArbeiterInnen zu verankern.
Aber liebe Kollegen,
wir sind uns doch alle bewusst, dass der eigentliche Nährboden für Rassismus die bestehenden sozialen und politischen gesellschaftlichen Verhältnisse sind.
Und gerade die, die für diese Verhältnisse verantwortlich sind, nämlich für die soziale Schieflage, Abbau von demokratischen Grundrechten, Stigmatisierung und feindliche Stimmungsmache, Angst und Hysteriekampagne  gegen migrantische Jugendliche usw. treten in der Öffentlichkeit auf, und drehen den Spieß um. Sie reden geschwollen über „Integrationsunwillige“, „gescheiterte Integration“, „fehlende Leitkultur“ etc.
Für sie ist das alles eine Sache der Verordnung. Die Herren und Damen haben angeordnet wie das sein muss – also geschehe es so.
Dass es hierbei um Menschen geht, kommt denen wohl nicht in den Sinn.
Liebe Freunde, lange Rede, kurzer Sinn:
Von denen da oben haben wir schon lange nichts mehr zu erwarten. Wir müssen anfangen oder besser gesagt, weiter machen, von „unten“ den Kampf für eine bessere Zukunft, somit auch für gleiche Rechte zu stärken. Überall, wo wir sind, ob im Betrieb, in der Schule oder in der Nachbarschaft. Natürlich dürfen wir die bestehenden Defizite oder Probleme, auch seitens der Migranten nicht ausblenden. Denn, dann verlieren wir an Glaubwürdigkeit.
Die einen „verkünden“ und „verordnen“ Integration, die Anderen verteufeln Integration unterschwellig als Assimilation und „Identitätsverlust“.
Auch die rückständigen und reaktionär nationalistischen Kräfte unter den Migranten versuchen, diese Debatten für sich zu nutzen.
Der Missbrauch von nationalen und religiösen Gefühlen der MigrantInnen dient nur dem Zweck, sich von der restlichen Gesellschaft abzukapseln und Mauern um eine eigene, kleine Welt zu bauen.
Diesen Kräften müssen wir ebenso entschieden entgegentreten wie den Rassisten.
Liebe Freunde,
vor allem Der Tayip Erdogan soll uns hier in Ruhe lassen, wir brauchen keinen „Sahip“ Schutzherren wie er das nennt. Was er unter „Schutz“ meint, sehen wir an der herrschenden Politik in der Türkei. Das kurdische Volk wird dieses mal im Namen der „Öffnungspolitik“ unterdrückt und unermesslichen stattlichen Aggressionen ausgesetzt, weil sie ihre elementaren Menschenrechte fordert. Schüler und Studenten werden brutal niedergeschlagen, weil sie gegen ein korruptes und ungerechtes Bildungssystem protestieren. Arbeiter werden von der Polizei und Gendarmerie brutal zusammengeschlagen, weil sie vor den Betriebstoren streiken. Diese Herren und diese Politik kann uns gestohlen bleiben.
Liebe Freunde,
Ich möchte von hier aus unsere Solidarität und Kameradschaft mit der kämpfenden Jugend und der Demokratiebewegung in der Türkei noch einmal unterstreichen. Unsere Solidarität gilt denen, die für Freiheit, Frieden und Demokratie kämpfen. Die tagtäglich ihre Forderungen nach „Is,Ekmek ve Özgürlük“, rufen.
Wir sind aber auch mit dem griechischen Volk und ihrer Jugend, die gegen die Lasten der Krise, gegen das Diktat der reichen Staaten wie Deutschland und gegen die griechische Regierung und ihre Ausverkaufspolitik seit Wochen und Monaten kämpft, solidarisch.
Auch wenn es bei uns hier noch nicht so weit ist, weht in Europa und den arabischen Staaten ein Wind des Aufbegehrens, des Kampfes gegen Ausplünderung und Unterdrückung durch. Die Jugend und die Völker lassen die Repressionen und Angriffe nicht mehr über sich ergehen. Nicht das griechische Volk ist faul und korrupt, sondern das herrschende System und die unersättlichen Kapitalisten sind es. Waren denn nicht Siemens und Telekom, die besonders in Griechenland unter Bestechungsverdacht standen.
Ja, ja deutsche Konzerne sind korrupt und gierig, nicht das griechische Volk. Das Kapital besticht, korruptiert, diktiert und nimmt die Arbeiter und Jugend bis zum letztem Hemd aus, und beschimpft sie noch als faul und ähnliches. Das ist empörend, liebe Kollegen. Ja, denken die denn wir sind völlig bekloppt? Sie ringen doch darum, wer daran am meisten Profit schlagen kann.
Wir wissen, dass die heutigen Auswirkungen der Krise nur Vorboten eines noch heftigeren Gewitters sind. Deswegen ist es Zeit, zu handeln. Deswegen sind wir hier!
Haben wir denn nicht die selben Probleme wie Arbeitslosigkeit, Sozialkürzungen oder Bildungsprobleme , wie unsere deutschen Freunde, Nachbarn oder Kollegen? Haben wir denn nicht die gleichen Forderungen im Bezug auf eine sichere und bessere Zukunft.
Wir haben angeblich das Recht auf Arbeit. Vorausgesetzt es gebe eine Arbeit.
Wenn man nach einigen Hundert Bewerbungen mal die Chance hat einen Ausbildungsplatz zu finden, ist es natürlich nicht der Beruf, den Mann oder Frau sich als 12 jährige vorstellte. Also bildet euch ja nicht ein, dass ihr Pilot werdet. Wir nehmen, was wir kriegen.
Das Beste kommt nach der Ausbildung. Und zwar, die Frage der Übernahme. 50 % der Azubis werden nach der Ausbildung nicht übernommen. Und das, was uns trifft, nennt man prekäre Beschäftigung, auf gut Deutsch gesagt, heißt das, dass wir für 5 / 6€ die Stunde arbeiten müssen, das wir Schlange an den Türen der Leiharbeitsfirmen stehen müssen.
Wir brauchen Ausbildungsplätze für alle, wir wollen eine Übernahme nach der Ausbildung und das Verbot der Leiharbeit, das uns zu Sklaven macht.
Wir alle fordern, die Abschaffung des Turbo Abis, wir wollen eine Schule für alle, die Abschaffung des Bologna Systems, wir wollen an den Unis Wissenschaft anstatt Wirtschaft.
Freunde,
Die Großkonzerne reden vom großen Aufschwung nach der Krise.
Ja schön und gut. Aber wo ist das Geld ?
Sicherlich nicht in den Taschen der über 1 Millionen Leiharbeiter, sicherlich nicht in den Taschen der Tausenden Jugendlichen, die kostenlose Praktika machen.
Das darf es nicht sein, liebe Freundinnen und Freunde. Das ist gegen jedes demokratisches Verständnis.
Und wovon berichten unsere Medien?  Von Kachelman und der Gurke mit der Grippe. Nach dem Schwein und dem Vogel hat es auch die Gurke getroffen. Und in der Zwischenzeit marschiert jeder darein, wo er Profite für sich sieht. Und dass wir wieder beim Moratorium für die AKWs den Schwarzen Peter ziehen werden, ist auch schon klar.
Sie zerstören alles, was dem Profit im Wege steht.
Das ist unsere Welt, unsere Zukunft, unser Leben. So einfach dürfen wir es ihnen nicht machen.
Wir haben keine Integrationsprobleme, wie sie es behaupten. Wir sind vielleicht wie einzelne Finger, gehören aber der selben Hand an, die eine Faust bildet, und genau mit dieser Faust werden wir ihnen zeigen, dass es anders geht, als sie es uns vorgaukeln.
Gemeinsam und organisiert. Nur so können wir etwas verändern, nur so können wir unsere Forderungen durchsetzen. Organisiert euch in den Gewerkschaften, in den Schüler- und Studierendenvertretungen. Organisiert euch in der DIDF- Jugend. Denn nur eine organisierte Kraft kann etwas verändern.
Liebe Freunde, liebe Kollegen,
Ich möchte euch zum Schluss auf unseren Sommercamp aufmerksam machen.
Vom 29.07 bis zum 07.08 findet unser traditionelles Sommercamp bei Döbrriach in Österreich statt. Das ist eine gute Gelegenheit, einen alternativen Urlaub am See zu machen, vieles zu lernen, aber auch vieles anderen Jugendlichen beizubringen. Ent-
spannung und Spaß werden da sicherlich nicht auf der Strecke bleiben, das kann ich euch versprechen. Auch möchte ich auf unsere Zeitschrift hin weißen, die Junge Stimme – unsere Stimme. Aber alles dazu und Infos zur DIDF Jugend kriegt ihr im Foyer an unserem Stand.
Vielen Dank für eure Auf-
merksamkeit