Längeres gemeinsames Lernen statt Zweiklassenschulen

RHEINBLICK

Özlem Alev Demirel *

In Nordrhein-Westfalen ist die Schuldebatte wieder entbrannt. „Längeres gemeinsames Lernen“ und „Eine Schule für ALLE!“, beide Forderung konnte man bei den Bildungsstreiks letztes Jahr auf vielen Aufklebern, Plakaten und Transparenten sehen.

Das deutsche Schulsystem unterscheidet sich grundlegend von fast allen anderen
Schulsystemen der Welt. Nach der 4. Klasse – also mit 9 bzw. 10 Jahren – werden
die Kinder je nach Bundesland in bis zu sechs verschiedene Schulformen aufgeteilt. In NRW soll es demnächst noch eine weitere Schulform geben – nämlich die
sog. Gemeinschaftsschule, die verschiedene Schulformen „unter einem
Dach“ bündeln soll. Diese Gemeinschaftsschule hat die Minderheitsregierung in NRW bereits als Modellprojekt eingeleitet. Es wurde während der Bildungsproteste aber nie gefordert, eine weitere Schulform zu kreieren. Denn diese Schulform ersetzt nicht das mehrgliedrige Schulsystem, sondern ergänzt dieses nur.

Die Einordnung von Kindern in unterschiedliche Schulformen ist ein Erbe des
„Deutschen Kaiserreichs“ entsprechend ihrer Klassenzugehörigkeit. Zwar heißt es heute nicht mehr, dass ein Arbeiterkind nicht auf das Gymnasium gehen könnte,
aber faktisch gehen Kinder aus den unteren Schichten und Klassen immer noch eher auf die Hauptschule, als auf das Gymnasium. Heute wird die frühe Auslese nicht mehr direkt mit der Klassenzugehörigkeit begründet, sondern mit der pädagogisch abstrusen Vorstellung, dass homogene Lerngruppen notwendig seien. Diese Vorstellung wird insbesondere von Reichen vertreten, die sich von ärmeren Teilen der Bevölkerung soweit wie möglich abgrenzen wollen. Insbesondere der Hamburger Volksentscheid gegen ein längeres gemeinsames Lernen hat das deutlich gezeigt. Diese Reichen argumentieren auf Basis des Sozialdarwinismus, die Sarrazin und co in den letzten Jahren immer offener verbreitet haben, nämlich, dass „stärkere“ und „schwächere“ Schüler nicht zusammen lernen könnten. Schließlich hielten die „Schwächeren“ die „Stärkeren“ zurück und umgekehrt würden die Stärkeren die Schwächeren überfordern.

Dass dies absurd ist, zeigt das Abschneiden der skandinavischen Länder bei der Pisastudie oder auch die Teilerfolge der Gesamtschule, in denen ebenfalls Kinder mit unterschiedlichen Schulempfehlungen unterrichtet werden. Eine erdrückende Mehrheit der Eltern und auch viele Wissenschaftler sprechen sich für längeres gemeinsames Lernen bei einer guten Ausstattung und mit individuellen Bildungsmöglichkeiten aus. Selbst SPD und Grüne haben im Wahlkampf das gemeinsame Lernen in den Vordergrund gestellt. Doch das Ergebnis der leeren Wahlkampfversprechungen scheint lediglich das beschriebene Modellprojekt zu sein.

Interessanter ist die Frage, wie denn ein Schulkompromiss aussehen soll. Derzeit läuft alles auf ein zweigliedriges Schulsystem hinaus. Auf der einen Seite das Gymnasium, in dem nach wie vor die „Elite“ unterrichtet werden soll und auf der anderen Seite die Gemeinschaftsschule, die alle möglichen anderen Schulformen miteinander vereint. Zumindest scheint die FDP mittlerweile ein solches Modell mitzutragen und auch die CDU scheint sich in ihren Parteidiskussionen in diese Richtung zu bewegen. Dieses Modell hat sich bereits in einigen anderen Bundesländern durchgesetzt.

Doch ein Kompromiss zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Systemen ist nicht möglich! Es kann nur entweder ein mehrgliedriges oder ein einheitliches Schulsystem geben. Ein Zweisäulenmodell würde nur das bestehende System zementieren und Zweiklassenschulen schaffen. Letztlich braucht eine Schulreform im Sinne der Mehrheit der Schüler den notwendigen politischen  Willen, sich auch gegen eine mächtige Minderheit, die vermeintlich vom mehrgliedrigen System profitieren, anzulegen.