Migration bewegt die Stadt

Diversität als Ressource für urbane Kommunikation

Prof. Dr. Erol Yildiz *
Wer heute die Zeitung aufschlägt, braucht nicht lange zu suchen, bis er den ersten Bericht über Integrationsproblem mit Migranten oder „Parallelgesellschaften“ findet. Dieser Blick prägt  die öffentlichen Debatten und führt zur Verzerrung bzw. Ausblendung konkreter urbaner Wirklichkeiten. Der Beitrag von Migranten zur urbanen Kultur und Kommunikation kommt im öffentlichen Diskurs kaum vor, wenn er überhaupt zur Kenntnis genommen wird, dann als Abweichung von der „hiesigen Normalität“.
So geraten beispielsweise heute noch migrationsgeprägte Viertel – manchmal sind es nur einzelne Straßenzüge –  pauschal ins Gerede. Sie werden vielfach als „Ghettos“ oder „Parallelgesellschaften“ abgewertet und zum Symbol einer verfehlten Migration und Integration stilisiert. Das Thema wird nicht historisch, sondern hysterisch diskutiert. Aus dieser Sicht ist es wenig erstaunlich, dass die Binnenentwicklung solcher Stadtquartiere und die Potentiale, die sie für die Städte bieten, bisher übersehen bzw. ignoriert wurden.
Wenn man die Perspektive umkehrt und migrationsgeprägte Entwicklungen genauer in den Blick nimmt, dann sieht man sich mit einem völlig anderen Bild konfrontiert. Städte ohne Zuwanderung sind nicht denkbar. Migration und dadurch bedingte Diversität ist ein integraler Bestandteil des Städtischen und damit eine eher unspektakuläre Alltagspraxis. Statt von „Parallelgesellschaften“ sollte man – wenn auch unter prekären Bedingungen realisierten – Erfolgsgeschichten sprechen. Stadtteile, die von Stadtplanern und Behörden aufgegeben und ihrem Schicksal überlassen wurden, gerieten erst in Bewegung durch den Zuzug von Migranten, die trotz vielfältiger rechtlicher und politischer Barrieren heruntergekommene oder leer stehende Häuser übernahmen, kleine Geschäfte gründeten und informelle Netzwerke errichteten.
Kölns Geschichte als Migrationsgeschichte – Ein pragmatischer Blick
Kölns Stadtentwicklung und die Ausprägung der lokalen Kultur sind für eine Migrationsgeschichte geradezu exemplarisch. Mobilität und Migration haben die Stadt im Laufe der Zeit geprägt, haben der Sozialgeschichte ebenso wie der Alltagskultur ihren Stempel aufgedrückt und eine Vielfalt hervorgebracht, die zu Recht als ein Ergebnis der 2000- jährigen Kölner Migrationsgeschichte anzusehen ist. Ob als römische Kolonie, als Pilger-, Wallfahrts- oder Handelszentrum, als französische oder preußische Garnisonsstadt, als Ziel von Arbeitsmigration, Touristenmagnet oder als selbsternannte „nördlichste Provinz Italiens“ – die Entwicklung Kölns mit ihrem Image als Rheinmetropole hat schon immer von grenzüberschreitenden und heute längst weltweiten Einflüssen und Verbindungen profitiert. Und sogar scheinbar „urkölsche“ Aspekte des Alltagslebens wie die romanischen Kirchen, der Kölner Dom, der Karneval, die kölsche Sprache, der „rheinische Katholizismus“ bis hin zur regionalen Küche, dem „Kölsch“ und den „Heinzelmännchen“ sind so unterschiedlicher Provenienz, dass eigentlich nichts als der „Kölner Klüngel“ wirklich kölnischen Ursprungs sein mag. Diversität ist jedenfalls überall gegenwärtig.
Dass Zuwanderung ein konstitutives Element der Stadtentwicklung ist, kann man in der Rheinmetropole heute täglich erleben. Migranten und deren Nachkommen werden in zunehmendem Maße im Stadtbild sichtbar, melden sich zu Wort, stellen Ansprüche, organisieren in manchen Stadtvierteln große Teile der Infrastruktur und tragen durch ihre ökonomischen und kulturellen Aktivitäten wesentlich zur Lebensqualität bei. Wir sehen hier eine Art selbst organisierter Integration und urbaner Kommunikation.
Obwohl politisch unerwünscht, ließen sich immer mehr Migranten nach und nach nieder und versuchten unter rechtlich erschwerten Bedingungen, sich städtische Orte anzueignen, neue Räume zu schaffen und zu gestalten. In den 1970er Jahren bezogen immer mehr Migranten mit ihren Geschäften ehemalige Ladenzeilen in Stadtteilen, die im Zuge weltweiter ökonomischer Umstrukturierungsprozesse von einheimischen Gewerbebetreibenden verlassen wurden, brachten damit wieder Leben in die Straßen und auf die Bürgersteige und trugen entscheidend zur Sanierung heruntergekommener urbaner Räume bei. Kioske, Speiselokale, Cafés und Lebensmittelläden wurden dabei zur Haupterwerbsquelle und prägten nach und nach die Kölner Stadtteile, so dass heute das Leben mancher Plätze und Straßenzüge schon ein mediterran-orientalisches Flair hat.
Wie in alten Filmen und auf Photos jener Zeit zu sehen ist, war beispielsweise der Kölner Hauptbahnhof in den ersten Anwerbejahren ein Haupttreffpunkt der Gastarbeiter, die imaginäre Verbindung zu ihren Herkunftsorten. Sie hatten kaum Deutschkenntnisse und noch selten Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Auch die Verbindung zu ihren Familienangehörigen war beim damaligen Stand der Fernkommunikation zunächst unterbrochen. Unter diesen Umständen war der Gang zum Kölner Hauptbahnhof mit der Hoffnung verbunden, Bekannte aus den Herkunftsregionen zu treffen. Der Bahnhof blieb lange der einzige Ort für Begegnung und Kommunikation; kaum einer traute sich in die kölschen Lokale oder Cafés. Es war daher nicht verwunderlich, dass bald die ersten Migranten den Versuch wagten, in bahnhofsnahen Quartieren wie dem Eigelsteinviertel und der dort gelegenen Weidengasse Speiselokale, Teehäuser und Cafés zu eröffnen. Vor allem mit der Wirtschaftskrise Anfang der siebziger Jahre verloren viele Anwohner dieses bahnhofsnahen Viertels ihre Arbeitsplätze. Die einzige Möglichkeit, der Arbeitslosigkeit zu entkommen, sahen viele Migranten in der Selbstständigkeit, übernahmen nach und nach die leer stehenden Geschäfte und trugen im Lauf der Zeit wesentlich zur Wiederbelebung des Viertels bei.
Heute werden in der Weidengasse die meisten Geschäfte von Einwanderern betrieben. Sie wandelte sich zu einer Einkaufsstraße mit internationalem Flair. Auf den ersten Blick scheint die Weidengasse – von Kölnern gern „Klein-Istanbul“ genannt – türkisch geprägt. Hier kann man in allen Preislagen gut essen. Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings, dass sich die Geschäftsleute mit türkischem Hintergrund, die inzwischen auch Schmuck, Musikinstrumente und Brautkleider verkaufen, neben alteingesessenen „Alträuchern“ und Second-Hand-Läden angesiedelt haben, wodurch die Straße eigentlich eine mediterran-kölsch-orientalische Atmosphäre hat. Hier, in diesem innenstädtischen Raum, hat sich tatsächlich inzwischen eine Alltagsnormalität entwickelt, die von der Kölner Öffentlichkeit mittlerweile als solche anerkannt und geschätzt wird, wenn auch mit einem exotischem Blick.
Diese quartierspezifische Entwicklung spiegelt eine gleichermaßen von lokalen und globalen Einflüssen geprägte urbane Alltagswirklichkeit. Hier wird in zahlreichen Beispielen sichtbar, was in der Fachliteratur als „transkulturelle Praxis“ bezeichnet wird.

Obwohl Migranten zu einem Herzstück der urbanen Kultur und der lokalen Ökonomie Kölns geworden sind und zur Versorgungs- und Lebensqualität von Stadtteilen wesentlich beitragen, findet diese Tatsache nur in Ausnahmefällen eine stadtentwicklungspolitische Wertschätzung. Es wäre endlich an der Zeit, solche Entwicklungen offiziell als Leistung der Einwanderer anzuerkennen und die von Migration ausgehenden kulturellen und ökonomischen Impulse in den Mittelpunkt urbaner Kommunikation zu rücken.
Die Kölner Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“ im Jahr 2004 war in dieser Hinsicht ein bezeichnendes Beispiel für die Formulierung eines Selbstverständnisses, das zum ersten Mal den Beitrag der Zuwanderer zur Kölner Urbanität betonte. Sie stand unter dem für Außenstehende rätselhaften Motto „Wir leben das“. Gemeint war die lebenspraktische Relevanz migrationsbedingter Diversität für das urbane Zusammenleben und deren Selbstverständlichkeit im Kölner Alltag. Diese durch den gezielten Rückgriff auf Migration inszenierte symbolische Aufwertung städtischer Räume und der neue Habitus der Stadt als Migrationsstadt fiel leider abrupt in sich zusammen, als die Bewerbung für die Kulturhauptstadt scheiterte. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man auch in der Kölner Öffentlichkeit ein Bewusstsein der Wertschätzung von Zuwanderung und städtischer Vielfalt erzeugen kann, mit dem sich neue Perspektiven für das urbane Zusammenleben auftun. Angemessen und zukunftsweisend wäre es, wenn Kommune und Medien das Phänomen Migration als konstitutives Element urbaner Entwicklung auch längerfristig zum Leitbild erklären würden.

* Fakultät für KulturwissenschaftenAlpen-Adria-Universität Klagenfurt