Wie neutral ist der Politikunterricht in der Schule?

UNTER DIE LUPE

Şeyda Kurt

Mein Sozialwissenschafts-Leistungskurs mit dem ich zwei Jahre meiner Schullaufbahn intensiv verbracht habe, bot wohl allen Beteiligten mehr Raum für politische Diskussionen und Fragestellungen, als in den gesamten 11 Jahren „Schulbank drücken“ zuvor. Vorwürfe, wie zum Beispiel „Kapitalistenschwein“ oder „blöde Emanze“ gehörten dabei zu den hitzigen Auseinandersetzungen, die wir führten- wenn natürlich mal Zeit dafür war! Denn die  Themen, die behandelt wurden, bewegten sich oft auf einer zu abstrakten Ebene und um aktuelle politische Geschehnisse zu besprechen, war oft zu wenig Zeit, wie mein Lehrer es betonte. So bewegte sich der Unterricht oft auf der Oberfläche und man fragte sich: Wenn schon in einem Sozialwissenschafts-LK aus Zeitmangel nicht auf das aktuelle politische Geschehen eingegangen wird, wie sieht es wohl dann bei den anderen der Jahrgangsstufe aus? Kommen diese überhaupt mit solchen Themen in Berührung?
Auch wenn die Wahlbeteiligung der Jugendlichen etwas Anderes zeigt, stellt eine neue Studie fest: das Interesse der Jugendlichen für politisches Weltgeschehen ist im Gegensatz der Vermutungen relativ hoch. Über die Hälfte der weiblichen Schüler und drei Viertel der Männlichen gaben an, dass sie sich sehr für das politische Geschehen interessieren, wenn nicht sich sogar mit verantwortlich fühlen. Dabei wird die Institution Schule von drei Viertel noch vor Medien wie Fernsehen, Internet oder Radio als primäre Quelle für politisches Wissen angegeben. Wo politische Vereine mit allen Mitteln versuchen, Jugendliche ansprechen zu können (dabei werden sie nur von 8,6 Prozent der Jugendlichen als Informationsquelle für Tagespolitik angegeben), liegt also in der Einrichtung, auf die sich  jugendliches Lebens konzentriert, die größte Wichtigkeit und wird sogar von den meisten Jugendlichen gewünscht. Eigentlich selbstverständlich, oder? Denn hier sind sie mit gleichaltrigen zusammen, können auf ihre Art und Weise und aus ihrem Blickwinkel über Politik diskutieren. Denn es ist auch bemerkenswert, dass die meisten Schüler denken, die Sprache der Politiker sei „zu kompliziert und hochgestochen“. Die Identifikationsmöglichkeiten sind da sehr gering. Daher wünschen sich fast 80 Prozent der befragten Schüler, mehr mit aktuellen politischen Themen im Unterricht auseinandersetzen zu können. Das Interesse und die Forderung der Schüler sind also da. Was steht dem also im Wege? Warum scheitert das Interesse und Engagement der Jugendlichen, besonders in der Schule?
Lehrer und Unterrichtsstoff geben sich meist neutral und ergreifen besonders bei politischen Themen dem Anschein nach keine Partei. Meiner Meinung nach soll genau diese Neutralität auch bei Schülern erzeugt werden. Jedoch ist diese „Neutralität“ nur ein Schein. Denn system-konforme ideologische Ansichten sind teil des Lehrplanes und der Unterricht ist festgelegt in dem Rahmen, in dem dieses System Normen und Werte, die vermittelt werden, vorschreibt. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, wie alles funktioniert, es jedoch nicht hinterfragen und sich dem Gelernten fügen. Für alles andere fehlt ja die Zeit: Hier erstickt das Interesse der Jugendlichen, genau da, wo sie eigentlich entflammen sollte.