Deutsch oder doch Türkisch? Einbürgerung, Optionsmodel und Doppelpass!

Suphi Sert

Seit 2006 verzeichnen wir einen deutlichen Rückgang der Einbürgerungen in Deutschland! Es heißt, „kaum ein Ausländer will noch den deutschen Pass“, aber was steckt wirklich dahinter? Ist es der Einbürgerungstest, die steigende emotionale Verbundenheit mit der Heimat oder doch die immer weiter steigenden Hürden der Einbürgerung?
2008 wollte lediglich nur einer von 45 „Ausländern“, welche die Bedingungen zur Einbürgerung erfüllten, die deutsche Staatsbürgerschaft, so das Statistische Bundesamt. Damals begründete die Bundesregierung die rückläufigen Zahlen durch die neuen Einbürgerungstests. Aber nicht, dass die Menschen sich diskriminiert und ausgeschlossen fühlen würden, nein, deswegen, weil noch nicht alle Behörden vorbereitet seien und es so zu Verzögerungen bei der Bearbeitung käme. 2009 hatte sich aber leider nichts an den Zahlen zum Positiven hin verändert. Schon kam eine neue Begründung: „Emotionale Bindung lässt sich nicht verordnen“, 2 Millionen Ausländer, alle lang genug hier für eine Einbürgerungsbeantragung! Oder sind doch die Tests selbst das Problem!
Solche Aussagen hören wir oft, doch wir sind uns sicher, wenn es kürzere Fristen, die Anerkennung von Mehrstaatlichkeit und die Aufhebung der Sprachanforderungen und Gebühren bei der Einbürgerung geben würde, gäbe es bestimmt mehr Einbürgerungen. Zudem gibt es momentan 44 verschiedene Aufenthaltstitel und die Ämter blicken hier nicht einmal durch, wie soll das unsereiner… Mehr Infos und Transparenz täten auch seine Wirkung!
Warum Optionszwang, wenn auch Doppelpass geht!?!
Seit Beginn 2000 gilt für Neugeborene mit ausländischen Eltern das „ius soli“, heißt sie bekommen mit Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft. Vorausgesetzt ein Elternteil hat eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Das bedeutet konkret seither ungefähr 40.000 Kinder pro Jahr, welche die deutsche und zudem die elterliche Staatsbürgerschaft von Geburt an haben. Hört sich ja erst einmal nicht schlecht an, bis diese Kinder 18 werden, denn innerhalb der nächsten 5 Jahre müssen sie sich zwischen dem elterlichen oder dem deutschem Pass entscheiden. Und verlieren somit je nachdem einen Pass und das Ganze nennt sich Optionsmodel, obwohl Optionszwang passender wäre. Allein zwischen 2000 und 2008 gab es 336 356 „ius-soli-Kinder“, dann kommen noch die 49 200 Kinder der früheren Jahrgänge hinzu. Heißt also, wir haben ca. 450 000 Kinder, die sich bald irgendwann entscheiden müssen, aber erst mal auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben.
So kann festgestellt werden, dass vor dem Jahr 2000 noch ca. 13 Prozent der Neugeborenen Ausländer waren und heute sind es nur noch etwas über 5 Prozent. Dies könnte uns schon mal einen Grund für die rückläufige Entwicklung der Einbürgerungen liefern. Denn wer schon die deutsche bzw. bis zum 18. Lebensjahr zwei Staatsbürgerschaften hat, der kann sich auch nicht Einbürgern lassen. Und falls man sich ab dem 18. Jahr für die Deutsche entscheidet, taucht man in der Statistik nicht als Neueingebürgerter auf. Dies wäre aber nur ein Versuch bzw. bei dem ganzen statistischen Wirrwarr auch nur eventuell eine von vielen Erklärungen oder Faktoren für die rückläufige Entwicklung.
Recht ist nicht gleich Recht
Wie mag sich wohl ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund mit 18 Jahren fühlen, welcher sich bis Dato keine Gedanken über seine Staatsbürgerschaft gemacht hat. Warum auch, er lebt hier und seine Eltern sind ursprünglich aus dem Ausland, daher hat er beide Staatsbürgerschaften. Und nun soll, nein, muss eine Entscheidung getroffen werden. Welche emotionalen Gefühle, welche Beweggründe und Hürden gemeistert werden müssen… Eine Frage wird dieser Jugendliche sich aber stellen, wie Hasan (19 Jahre aus Duisburg) „Warum kann mir die deutsche Staatsbürgerschaft wieder weggenommen werden, wenn ich doch mit dieser geboren wurde?“ und er fährt fort: „Die Türken stellen mich ja auch nicht vor die Wahl!“. Verständlicherweise kommt auch das Gefühl der Minderwertigkeit, denn obwohl Hasan auch in Deutschland geboren ist, hier zur Schule geht, muss er sich entscheiden. Er will nichts davon hören, dass es eine der verfassungsrechtlich offenen Fragen ist, „für mich muss die Verfassung für jeden gleich sein, vor allem für jeden der hier geboren wurde, was kann ich dafür, dass die Eltern meines Kollegen aus der EU sind und meine nicht? Wo ist hier die Gleichberechtigung?“.
Fakt ist die Existenz einer Generation, welche eine bikulturelle Selbstbewusstseinsprägung hat. Das heißt, diese Jugendlichen haben schon einen festen Platz in der Gesellschaft, sind also ein Teil von ihr. Keiner dieser Jugendlichen stellt sich die Frage, wie einige Politiker, „Kann man Deutscher und Türke zugleich sein?“. Sie sind ein Teil dieser Gesellschaft und in dem man sie erst vor die Wahl stellt, sich entscheiden zu müssen, werden solche Fragen erst aktuell. Diese Art der Integration ist nicht förderlich und heuchlerisch ist es zugleich. Und dann zu behaupten, dass man sich mehr Einbürgerungen der schätzungsweise 2 Millionen Ausländer wünsche!
„Wenn ich hier aufgewachsen bin, meine Schullaufbahn und Jugend hier durchgemacht habe, mein erstes Bier hier getrunken und meine erste Liebe hier gefunden habe… wie zig andere auch, kannst du oder sonst wer mich doch nicht ernsthaft Fragen, ob ich hier integriert bin! Oder?“ Ja, auf die eine oder andere Weise ist Duygu es bestimmt und ich hätte es mit keinem Wort besser formulieren können.
Also sollten viele der Hürden rückgängig gemacht werden und ein Anfang wäre die doppelte Staatsbürgerschaft erst mal wieder zu akzeptieren. Vor allem, wenn ein wirkliches Interesse daran besteht „möglichst vielen der hier in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Menschen den Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft frei zu machen“.