Die Medien und die Kurdenfrage

Ihsan Caralan

Die Schlagzeilen fast aller türkischen Zeitungen waren am 15. Juli inhaltlich mit den ungefähr folgenden Wörtern formulierten, giftigen und unruhestiftenden Überschriften versehen: „Ein verräterischer Hinterhalt, dem die Soldaten zum Opfer fielen“. Es war auch nicht anders zu erwarten, dass viele Nachrichtensendungen und Diskussionsrunden, die im Fernseher ausgestrahlt wurden, im gleichen Stil und Manier vonstatten gingen. Hierbei konnte man sehen, dass die Fernsehberichte über die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen der türkischen Armee und den HPG–Guerillas der PKK, dem 13 Soldaten und 7 HPG–Guerillas zum Opfer fielen, auch nicht viel anders aussahen, als die Tagespresse.
Natürlich ist sich die Tagespresse genau im Klaren, dass ihre Schlagzeilen und die Fernsehnachrichten, die nach Blut und Schießpulver riechen, innerhalb der Bevölkerung explosionsartig einschlagen werden. Bei ähnlichen Vorkommnissen wurde seit Jahren sehr oft ähnlich berichtet und ein ähnlicher „literarischer Ton“ ausgewählt. Diese Art von Journalismus wirft noch einmal berechtigerweise die Frage auf, wem diese Berichterstattung in erster Linie nützt und wer aus dieser Berichterstattung profitiert.
Das wird hier insbesondere unterstrichen, da die Berichterstattung zu dem oben genannten Vorfall in einer den Prinzipien der Publizistik und Journalismus widersprechenden Art und Weise durchgeführt wird oder diese  Prinzipien dabei gar nicht beachtet werden. Es besteht auch seitens der Berichterstatter gar kein Zweifel und Bedenken, wie das Volk diese Berichterstattung aufnehmen und verstehen wird.
Wenn Sie die Zeitungsberichte und die vielen “Liveberichte” der verschiedenen Fernsehsender zu dieser bewaffneten Auseinandersetzung  gelesen oder gesehen haben, dann wird Sie die folgende Frage noch weiterbeschäftigen: Eine “verräterische, hinterhältige, separatistische Gruppe der PKK, die aus 20 Personen bestand, hat, während sich die elite Truppe eines großen Bataillons der Türkischen Streitkräfte im Wald ausruhten, (obendrein befanden sich auf allen Hügeln in der Umgebung Wachposten, die das Gebiet hinreichend absicherten) das Lager des Bataillons gestürmt und 13 Soldaten getötet und 10 Soldaten verletzt!” Aufmerksame Leser werden zudem noch mitbekommen, dass die gestorbenen Soldaten nicht während der bewaffneten Auseinandersetzung ihr Leben verloren haben, sondern durch den Waldbrand ums Leben gekommen seien, den die PKK`ler durch das Abwerfen der Handgranaten entfacht hätten. Auch die Berichte des Großen Generalstabs bestätigen diese Version. Aber auch diese Information ist sehr nebelhaft, ambivalent, verworren und in sich sehr unschlüssig.
Wenn Sie sich noch andere Quellen aufmerksam anschauen, dann werden Sie auch schnell fündig und werden die Informationen erhalten, dass der Waldbrand in diesem Gebiet durch die Bomben der  Militärflugzeuge, die das Gebiet bombardierten, losgetreten wurde. Dass die Todesfälle auch mit dieser Bombardierung zusammenhängen, dass sogar im diesem Gebiet keine ernstzunehmende bewaffnete Auseinandersetzung stattfand oder dass diese bewaffnete Auseinandersetzung nach der Bombardierung und den Todesfällen stattfand.
Welche von den genannten Informationen ist denn jetzt richtig? Zur jetzigen Zeit kann man keiner von diesen drei unterschiedlich ausgerichteten Nachrichten “hundertprozentig zustimmen”. Aber wir können jetzt schon sagen, dass “die erste Variante” der Berichterstattung, die sich um die Achse des  “verräterischen Hinterhalts” in den Schlagzeilen der Tagespresse und den Fernsehberichten bewegt und damit sogar die Aussage des Großen Generalstabs vernebelt, gänzlich als eine große Lüge anzusehen ist.
Es ist sicherlich so, dass die Familien der verstorbenen Jugendlichen einen bitteren Schmerz erfahren. Aber dieser bittere Schmerz wird nicht alleine von den Familien der verstorbenen Soldaten gespürt, sondern auch den Familien der verstorbenen Guerillas! Nichtsdestotrotz schrecken die Medien, der Staatspräsident, der Ministerpräsident und andere zuständige Persönlichkeiten, die sich zum Thema äußern, davor ab, ihr Beileid auch an die Familien der verstorbenen Guerillias auszusprechen. Sie vermeiden das und tun lieber so, als ob diese Familien keine Staatsbürger wären. Der Einzige, der den Mut gezeigt hat, diese hetzerische und “parteiische” Haltung zu durchbrechen, ist Selahattin Demirtas, der zugleich der Fraktionsvorsitzende der BDP im türkischen Parlament ist. Demirtas wandte sich sowohl zu den Familien der verstorbenen Soldaten, als auch der verstorbenen Guerillas und sprach sein Beileid mit diesen aus. Er betonte in seiner Erklärung seinen Wunsch, nach einer friedlichen Lösung dieser Problematik, damit dieser Schmerz gelindert werden kann und rief alle Menschen dazu auf, sich für die friedliche Lösung stark zu machen.
Es ist wirklich ein großes Leid, das das Land erschüttert. Dennoch ist die Haltung der Presse, die die Tatsachen verdreht und  unter Ausnutzung dieses Leid und den Schmerzes versucht, Profit zu schlagen, nicht akzeptabel und weiter hinnehmbar. Das kann und darf nicht die Haltung der Presse und Medien sein.
Die Medien unterstützen mit der oben beschriebenen Einstellung und Haltung diejenigen, die sich gegen eine friedliche Lösung der kurdischen Frage stellen und diejenigen, die aus der Fortführung dieser Gewalt profitieren wollen. Diese Haltung der Medien bei der Berichterstattung, die sich über die gefallenen Soldaten und  “dasVaterland, die Nation, ein Staat, die Gefallenen“ ausstreckt, gewähren der AKP und seinem Anführer, die die friedliebenden und Frieden fordernden kurdischen ausgrenzen wollen und selber nicht mehr in der Lage sind, eine friedliche Lösung der Kurdenfrage herbeizuführen, neuen Kredit, sich zu profilieren.
Es ist doch völlig unstrittig, dass sowohl für die Türken, als auch für die Kurden der Schmerz und das Leid sehr groß ist. Und kein einziger einsichtiger Bürger wird wollen, dass sich so ein schmerzhaftes Ereignis noch einmal wiederholt. Und die Ausnutzung dieses Leides, um zwischen den Völkern die Feindseligkeit zu vergrößern und eine friedliche, demokratische Lösung zu sabotieren, wird im Klartext bedeuten, diejenigen zu stärken, die propagieren, die Kurdenfrage durch Gewalt und Krieg lösen zu wollen. Sowohl die Medien, als auch die bürgerlichen Parteien in der Türkei, die sich diese Haltung einverleiben, tun der Türkei und den Völkern das schlimmste an, was man machen kann.

* Übersetzt von Özgür Metin Demirel