Aufbegehren der Jugend überall!

onur ko­das
Das Jahr 2011 zeichnet sich bish­er, was die po­li­tis­chen Ereig­nis­se an­geht, als ein Jahr sehr ak­ti­ver Ve­rän­de­run­gen ab. Zum ei­nen han­delt es sich um mas­sen­haf­te Ju­gend und- Volkspro­tes­te und zum an­de­ren fin­den sie auf vie­len Tei­len der Welt statt.
Pro­test­wel­le in Nor­daf­ri­ka
Zu Be­ginn des Jah­res fin­gen die­se Pro­tes­te in den nor­daf­ri­ka­nis­chen Län­dern an. Die Ini­tia­to­ren wa­ren hier stets Ju­gend­li­che, die sich ge­gen die so­zia­len Un­ge­rechtig­kei­ten der herrschen­den Dik­ta­to­ren auf­lehnten. Die Er­fol­ge des tu­ne­sis­chen und ägyp­tis­chen Vol­kes ließ die Luft der Dik­ta­to­ren in den üb­ri­gen nor­daf­ri­ka­nis­chen Sta­aten dün­ner wer­den. Die Pro­test­wel­le ver­brei­te­te sich wie ein Lauf­feu­er und selbst der ly­bis­che Dik­ta­tor, Mu­am­mar al-Gad­da­fi ist mittler­wei­le auf der Flucht.
Pro­test­wel­le in Eu­ro­pa
Zeitgleich ging die Pro­test­wel­le auch auf eu­ro­päis­chem Bo­den los. Das Land Grie­chen­land ist inof­fi­ziell schon „plei­te“ und wird mit Dar­le­hen der Eu­ro­päis­chen Zent­ral­bank und des In­ter­na­ti­o­na­len Wäh­rungsfonds „am Le­ben ge­hal­ten“. Ge­nau­er ge­sagt auch aus die­ser mi­se­rab­len La­ge der Grie­chen wol­len die Ka­pi­tal­be­sit­zer in Grie­chen­land und im­pe­ria­lis­tis­che Sta­aten wie Deutschland wei­ter Pro­fi­te schla­gen. Wäh­rend z.B. die Deutsche Bank sich gie­rig die Hän­de reibt und nach Pro­fit he­chelt, rief man in Grie­chen­land zum Ge­ne­ral­streik auf. Auch hier wa­ren es wie­der Ju­gend­li­che, jun­ge Mens­chen und Aka­de­mi­ker die Vor­rei­ter der Pro­tes­te in Grie­chen­land.
Eng­land in Auf­ruhr
Auch in Eng­land herrscht kei­ne Ru­he mehr. Die Po­li­tik der kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rungspar­tei um Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Ca­me­ron sieht in ih­rem Spar­pa­ket vor, dass Stu­dien­ge­büh­ren er­höht wer­den sol­len. Das ist al­ler­dings nicht al­les. Nach dem Tod ei­nes Fa­mi­lien­va­ters durch ei­ne Po­li­zei­ku­gel im Lon­do­ner Stadtteil Tot­ten­ham ist ei­ne Pro­test­wel­le in den ar­men Stadttei­len von Lon­don, Man­ches­ter und an­de­ren großen Städ­ten Eng­lands ent­facht. Die in Tot­ten­ham le­ben­den Mens­chen sind be­son­ders arm. Sta­tis­tisch ge­se­hen, gilt je­des zwei­te Kind als arm.
Eben­falls in Auf­ruhr ist die fran­zö­sis­che Ju­gend. In den vers­chie­den­sten Stadttei­len der Hauptstadt Pa­ris pro­tes­tie­ren die jun­gen Mens­chen mit den Ge­werkschaf­ten zu­sam­men ge­gen die so­zia­len Kür­zun­gen und das Er­he­ben des Ren­te­nal­ters.
Spa­nien ist auch dran
Spa­nien steht kurz vor der Plei­te. Mit ei­ner Ver­fas­sung­sän­de­rung möchte die spa­nis­che Re­gie­rung die Schul­den­brem­se er­hö­hen. Die ge­sellschaft­li­che Si­tu­a­ti­on in Spa­nien ist sehr kri­tisch. Je­der fünfte Er­werbsfä­hi­ge ist ar­beitslos und die Ar­beitslo­sen­qu­o­te bet­rägt bei den Ju­gend­li­chen 45 Pro­zent.
Ins­ge­samt ge­se­hen hat Spa­nien ei­ne Ar­beitslo­sen­qu­o­te von über 22 Pro­zent. Die eu­ro­päis­chen Wirtschaftsmächte, wie Deutschland und Fran­kreich hin­ge­gen ver­su­chen die Ret­tungsschir­me durch die Par­la­men­te zu peitschen. Denn sie wit­tern bei die­ser La­ge näm­lich das große Ges­chäft. Die Kre­di­te, die ver­ge­ben wer­den, ha­ben näm­lich zwei we­sent­li­che Vor­tei­le.
Zum stärkt man den ei­ge­nen Fi­nanzmarkt und zum an­de­ren wer­den die Kri­sen­sta­aten ab­hän­gig ge­macht. Das hat beis­piels­wei­se zur Kon­se­qu­enz, dass ei­ne Pri­va­ti­sie­rungspo­li­tik ges­tar­tet wird und die­se nach den In­te­res­sen der deutschen oder fran­zö­sis­chen Wirtschaft ver­läuft. Es sind al­so kei­ne Ret­tungsschir­me, son­dern Mög­lichkei­ten für die Wirtschaftsmächte, in Kri­sen­zei­ten sat­te Ge­win­ne ein­zu­fah­ren.
To­te in Chi­le
Auch in La­tei­na­me­ri­ka neh­men die Pro­tes­te zu. In der chi­le­nis­chen Hauptstadt San­tia­go de Chi­le ha­ben die Ju­gend­pro­tes­te neue For­men an­ge­nom­men. Die seit Mo­na­ten an­hal­ten­den Pro­tes­te ge­gen die Kür­zun­gen im So­zial- und Bil­dungssys­tem ha­ben nun die er­sten To­ten ge­for­dert. So ist im Stadtteil Ma­cul der Hauptstadt ei­ne 14-jäh­ri­ger sei­tens der Sta­atsge­walt ge­tö­tet wor­den.
Mehr als 300 De­mon­stran­ten wur­den ver­haf­tet. Un­ter­stützt wer­den die­se Ju­gend­pro­tes­te vom Ge­werkschafts-dachver­band CUT und 80 wei­te­ren Or­ga­ni­sa­ti­o­nen. Nach An­ga­ben des Stu­die­ren­den­ver­ban­des Fech wa­ren am zwei­ten Streik­tag al­lein in der Hauptstadt San­tia­go 300.000 De­mon­stran­ten an den Ak­ti­o­nen be­tei­ligt, die CUT spricht von 600.000 in ganz Chi­le, lan­des­weit wur­den über 50 De­mon­stra­ti­o­nen an­ge­mel­det.
Tel Aviv bro­delt
In Tel Aviv, der is­rae­lis­chen Hauptstadt, konn­ten die jun­gen De­mon­stran­ten ei­nen be­son­de­ren Er­folg ver­bu­chen. Als sie am 6. Au­gust mas­sen­wei­se auf die Straßen ström­ten, um ih­ren Un­mut ge­gen die über­höh­te Mehrwert­steu­er, den ho­hen Miet­zin­sen, über­teu­er­ten Kin­der­gar­ten­löh­nen und dem nied­ri­gen Min­dest­lohn Luft zu ma­chen, wur­den sie da­bei von den ab­hän­gig Bes­chäf­tig­ten und Beam­ten un­ter­stützt. Ins­ge­samt nah­men al­lei­ne in Tel Aviv 300.000 Mens­chen an den De­mon­stra­ti­o­nen teil.
Es ist das Sys­tem
Als zu Be­ginn des Jah­res die Pro­tes­te in den nor­daf­ri­ka­nis­chen Sta­aten an­fin­gen, war die Ur­sa­che für die Pro­tes­te für die west­li­che Welt klar. Die Dik­ta­to­ren ha­ben sich den größten Teil des Ku­chens für sich selbst ein­ver­leibt. Die Völ­ker wer­den un­ter­drückt, hieß aus der west­li­chen Sicht.
Auf dem er­sten Blick war es auch so, dass die Dik­ta­to­ren ih­re Völ­ker re­gel­recht aus­beu­te­ten. Al­ler­dings muss man die Grün­de für die Pro­tes­te in ei­nem Kon­text se­hen. Tut man dies, keimt näm­lich ei­ne zent­ra­le Fra­ge auf: Wenn doch die dik­ta­to­ris­chen Sta­aten so schlecht sind, weil sie kei­ne De­mo­kra­tie ha­ben, wa­rum pas­sie­ren dann die­se Pro­tes­te auch in den west­li­chen Sta­aten? Bei ge­nau­er Bet­rachtung wird er­sichtlich, dass die Pro­tes­te übe­rall auf die­ser Welt den­sel­ben Urs­prung ha­ben; näm­lich die ka­pi­ta­lis­tis­che Pro­duk­ti­ons­wei­se und die da­mit ver­bun­de­ne Fi­nanz- und Wirtschaftskri­se.
Bei dem Vergleich der Sta­aten und den For­de­run­gen der un­ters­chied­li­chen Völ­ker wird deut­lich, dass die Völ­ker al­le das­sel­be wol­len, näm­lich Ar­beit, Si­cher­heit, so­zia­le Ge­rechtig­keit und Frei­heit. Beis­piels­wei­se 50 Pro­zent des tu­ne­sis­chen Vol­kes ist un­ter 35 Jah­re alt. Die Ar­beitslo­sen­qu­o­te bet­rägt liegt bei knapp 28-30 Pro­zent. Dass die Dik­ta­tur die Mens­chen zer­mürbt, ist richtig, aber der Grund für die­se so­zia­le Schief­la­ge in Tu­ne­sien und in den üb­ri­gen nor­daf­ri­ka­nis­chen Sta­aten ist die ka­pi­ta­lis­tis­che Grun­dord­nung die­ser Dik­ta­tu­ren.
Das­sel­be Bild ist auch in Eu­ro­pa er­sichtlich. Beis­piels­wei­se hat Spa­nien ei­ne Ar­beitslo­sen­qu­o­te von 22 Pro­zent die Ju­gen­dar­beitslo­sig­keit bet­rägt 45 Pro­zent. Dass die­se Sta­aten vor dem Ban­krott ste­hen, hat nicht den Grund, dass das Volk an­geb­lich „faul“ sei, son­dern die spa­nis­che oder grie­chis­che Wirtschaft kann nicht mit der deutschen oder fran­zö­sis­chen Wirtschaft mit­hal­ten. Und im ka­pi­ta­lis­tis­chen Sys­tem ist der Weg des Schwä­che­ren klar ge­eb­net: Sie ist dem Un­ter­gang ge­weiht. Hin­zu kommt, dass die Ju­gend auf die Straße geht, eben weil die Bil­dung kom­mer­zia­li­siert wird, sie kei­ne Aus­bil­dung be­kom­men, kei­ne Ar­beit ha­ben. Sie stel­len nicht ein­zel­ne Dik­ta­to­ren oder Pre­miers in Fra­ge, son­dern richti­ger­wei­se das Sys­tem.

Zeit­leis­te der Ju­gend­ pro­test­wel­le

Ja­nu­ar / Tu­ne­sien:
Das tu­ne­sis­che Volk stemmt sich ge­gen die Ben Ali-Dik­ta­tur. Das jun­ge tu­ne­sis­che Volk schafft es ve­reint, den Dik­ta­tor in die Knie zu zwin­gen. Die­ser gibt schließlich auf und flieht ins Aus­land.

Feb­ru­ar / Ägyp­ten:
Die Pro­test­wel­le aus Tu­ne­sien schwappt auf das Nachbar­land Ägyp­ten über. Al­len vo­ran die Ju­gend, die den Pro­test­zug ge­gen das Mu­barak-Re­gi­me an­führt, ist sehr entschlos­sen. Mu­barak kün­digt Re­for­men an und vers­pricht Ver­bes­se­rung. Doch das Volk lässt sich nicht beir­ren. Und anschließend muss auch Hosni Mu­barak sei­nen Stuhl räu­men.

Feb­ru­ar, März /Al­ge­rien, Sy­rien,  Lib­yen und Je­men:

Der Er­folg der Tu­ne­sier und Ägyp­ter lässt Hoffnung und Mut auf­kom­men. So ver­brei­tet sich die Pro­test­wel­le in Win­de­sei­le auf das ge­sam­te nor­daf­ri­ka­nis­che und ara­bis­che Ge­biet. Hun­der­te von De­mon­stran­ten wer­den ge­tö­tet und Tau­sen­de ver­letzt. Al­ler­dings sind die Völ­ker sich ei­nig. Sie wol­len ih­re Frei­heit und Rechte.

Feb­ru­ar / Grie­chen­land:
Re­la­tiv Zeitgleich wird in Grie­chen­land der Ge­ne­ral­streik aus­ge­ru­fen. Mil­li­o­nen Grie­chen ge­hen auf die Straßen, um ge­gen die Spar­maßnah­men und den Mil­liar­den­kre­di­ten der EU und des IWF zu pro­tes­tie­ren. Die grie­chis­che Re­gie­rung ver­kauft  in Zu­sam­men­hang mit den Spar­maßnah­men öf­fent­li­che und sta­at­li­che Ein­richtun­gen. Die Pro­tes­te dau­ern bis heu­te an.

Mai / Spa­nien:
Seit lan­ger Zeit steht auch Spa­nien kurz vor der Sta­atsplei­te. Auch hier wit­tern die  star­ken, eu­ro­päis­chen Wirtschaftsmächte Pro­fit und wol­len die Ret­tungsschir­me durch die Par­la­men­te rasch peitschen. Auch hier geht das Volk, vor al­lem die Ju­gend­li­chen, ge­gen die­se Po­li­tik auf die Bar­ri­ka­den.

Ju­li / Is­rael:
Nun steht auch noch das is­rae­lis­che Volk auf den Bei­nen. Ih­re Pro­tes­te richten sich ge­gen die un­ter an­de­rem über­höh­ten Nah­rungsmit­tel­prei­se und Miet­zin­sen.

Au­gust / Eng­land:

Im Sta­ate der Que­en Eli­sa­beth II. ge­hen vor­nehmlich Stu­den­ten und jun­ge Ar­beitslo­se auf die Straßen. Grund hier­für sind die neu­en Spar­maßnah­men der Re­gie­rung.

Seit Mai / Chi­le:
Auch in La­tei­na­me­ri­ka bro­delt es. In San­tia­go de Chi­le, der chi­le­nis­chen Hauptstadt, pro­tes­tie­ren jun­ge Mens­chen seit Mo­na­ten ge­gen nicht nur ge­gen die Spar­maßnah­men der kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rung. Auch wol­len sie ei­ne ge­rechte­re Bil­dung und bes­se­re Ar­beitsver­hält­nis­se und Ar­beitsplät­ze. Bei den Pro­tes­ten gibt es be­reits meh­re­re To­te.