Mehr Studienbewerber als Studienplätze

Seyda Kurt
Für die angehenden Studenten des diesjährigen Wintersemesters hat vor kurzem die heiße Phase begonnen. An Unis bewerben, auf Zulassung bzw. keine Ablehnung hoffen, warten und zittern. Sich am Ende einschreiben. Oder es zumindest versuchen, so wie ich. Denn mein erster Anlauf für meine Einschreibung begann auf der anderen Straßenseite der Universität zu Köln. Genau dort endete nämlich die Warteschlange für die Einschreibung. Um 12.30 Uhr, also zur Schlusszeit des Studiensekretariats, stand ich grad mal mit einem Fuß im Universitätsgebäude. Erster Versuch also schon einmal fehlgeschlagen.
Engpässe und Wartezeiten werden wohl zum Standard an deutschen Hochschulen. Denn der massive Anlauf auf die Universitäten und Fachhochschulen dieses Jahr ist wohl keinesfalls unübersehbar. Gründe dafür sind in manchen Bundesländern die Doppeljahrgänge, bedingt durch die Umstellung auf das G8-Schulmodell, die Aufhebung der Wehrpflicht und des Zivildienstes. Hinzu kommt auch die Abschaffung der Studiengebühren, wie zum Beispiel in NRW, die mehr Schüler dazu motiviert, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Doch während mindestens 140.000 zusätzliche Bewerbungen im Vergleich zu den letzten Jahren eingehen, sind für dieses Wintersemester erst 90.000 neue Plätze geschaffen worden. Was passiert mit den übrigen 50.000 unfinanzierten Plätzen? In Bayern machen zur Zeit 70.000 Schüler ihr Abitur- doppelt so viele wie noch im vorherigen Jahr. Wird jeder von ihnen einen Studienplatz bekommen? Die Frage beantwortet sich wohl von selbst.
„Wir können Bewerbern nicht garantieren, dass sie ihr Wunschstudium aufnehmen können“, sagt  Erich Barke, Präsident der Universität Hannover. Dabei sind die meisten Studienbewerber froh, wenn sie überhaupt einen Platz  bekommen. Anforderungen und Numerus Clausus für die meisten Studienfächer stiegen durch die hohe Bewerberzahl drastisch in die Höhe. Ein mittelmäßiges Abitur reicht heutzutage für die wenigsten Studienfächer. Bewerber für die Universität zu Münster beispielsweise müssen damit rechnen, dass auf ihren erhofften Studienplatz noch mehr als Zehn andere Bewerber zittern.
Und wie wird’s dann erst aussehen an der Uni wenn man es endlich hereingeschafft hat? Überfüllte Hörsäle gehörten schon vorher zu der bitteren Realität. Soll man nun im Universitätsflur Campinglager errichten? „Die Lern- und Lebensbedingungen der Studenten werden sich verschlechtern“ bestätigen auch Rektoren der Universitäten. Auch Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk stellt fest: „Das Problem ist, dass die Hochschulen nicht entsprechend ausgestattet sind und deswegen sowohl die Qualität des Studiums als auch die Lebensbedingungen der Studenten leiden.“
Böse Zungen behaupten indessen, durch die Abschaffung der Studiengebühren sei die Situation nur verschlechtert worden. Die finanziellen Mittel würden vorne und hinten fehlen. Doch schaut man die finanziellen Maßnahmen der Vergangenheit an, sieht man, dass dieses Argument völlig aus der Luft gegriffen ist: Durch das sogenannte Hochschulpaket erhielten die Universitäten im Zeitraum von 2007 bis 2010 insgesamt 250 Millionen Euro Zuschuss, um damit zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Doch ganz im Gegenteil, wurden zum Teil sogar weniger aufgenommen, als vorher vereinbart. Das Geld versickerte und letztendlich hatte jeder was davon, außer den Studenten selbst.
Da darf man sich wohl mit Fug und Recht die Haare bei dem so oft von der Bundesregierung angeprangerten Begriff des „Fachkräftemangels“ die Haare ausreißen. Oder wenn man stundenlang auf seine Einschreibung warten muss.
Es ist nicht verwunderlich, dass neue Bildungsstreiks vor der Tür stehen. Am 16. und 17. Juli gab es in Köln ein bundesweites Schulstreiktreffen, schnell wurde klar „wir brauchen einen Bildungsstreik“, gemeinsam mit Studierenden, Azubis, Lehrern, den Gewerkschaften und Arbeitern. So ist es zu einem bundesweiten Bildungsstreik-Vernetzungstreffen am 12.-14. August in Gießen gekommen. Und nun steht im September eine Bildungsstreik-Konferenz in Berlin an, um gemeinsame Aktionen vorzubereiten und zu koordinieren.
Die Situation der Schüler, Azubis und Studenten hat sich spürbar verschärft, also ist es wieder an der Zeit, die Verhältnisse zum Wanken zu bringen. Ob dies gelingt wird sich am 17. November beim bundesweiten Bildungsstreik auf der Straße zeigen. Aber es brodelt jetzt schon vor den Studierendensekretariaten, in den Berufsschulen und in den Schulen schon lange. Dieses Mal wird’s ein gemeinsamer Streik und vielleicht auch ein Generalstreik, welches die deutsche Geschichte schon lange nicht mehr gesehen hat.