Aus, der amerikanische Traum!

Seyda Kurt

Der Spruch „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist  ziemlich fest in unserem Sprachgebrauch verankert. Wer seinem ehemaligen Englisch-Lehrer auf der weiterführenden Schule ein wenig Gehör geschenkt hat, weiß auch, dass sich diese Redewendung auf das Land „der unbegrenzten Möglichkeiten“ bezieht: Amerika! Und wer für einen kleinen Augenblick das ganze hinterfragt hat, weiß auch, dass der „American Dream“ DAS Märchen unserer Zeit ist.
Wer die aktuellen Proteste und die zahlreichen unbegründeten Festnahmen der Polizei, die zum Teil sehr hart gegen die Demonstranten vorgeht, über das Internet verfolgen möchte, hat es sehr schwer: nur sehr wenige Treffer über eine Suchmaschine geben Auskunft darüber, was in  den USA zu Zeit vor sich geht. Kann das Zufall sein? Wenn überhaupt, dann wird es kurz in den Tagesnachrichten erwähnt. Die Bilanz bisher:  Schon vor einer Woche gab es 700 offizielle Festnahmen, wie hoch diese Zahl nun mittlerweile gestiegen ist, weiß keiner so Recht. Und erst Recht weiß niemand, mit welcher Begründung genau die Polizei so hart gegen die friedlichen Demonstranten vorgeht.
Unter dem Motto „Occupy Wall Street“ („Besetzt die Wall Street“) protestieren seit etlichen Monaten mehrere Tausende Menschen, Jugendliche, Erwachsene, Langzeitarbeitslose, Studenten- kurz alle Menschen, die sich Sorgen um ihre Existenz machen und nicht mehr zulassen möchten, dass Spekulanten und Finanzriesen der Wall Street ihre Zukunft zerstören, was bei vielen seit der Finanzkrise zur Alltagsrealität geworden ist. Einige Gewerkschaften bekennen sich auch zu der Bewegung, wie zum Beispiel die Lehrergewerkschaft, eine Gewerkschaft der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes und der New Yorker Ortsverband der Transportarbeitergewerkschaft.  Wie Recht sie haben bei ihren Protesten, belegen auch folgende Zahlen: 25 Millionen Arbeitslose (insgesamt 9%), vierzig Prozent der Bürger sind im Niedriglohnsektor beschäftigt, keine regelmäßige Auszahlung der Arbeitslosengelder in mehr als 30 US-Staaten, 50 Millionen Menschen, die sich keine Krankenversicherung leisten können und insgesamt ist die Ungleichverteilung des Nationaleinkommens in Amerika erschreckend hoch: 40 % der US Einkommensbezieher besitzen weniger als 1% des nationalen Vermögens.
Besonders große Unterstützung bekommt die Bewegung natürlich von der Jugend, genau so wie es auch in großen Teilen von Europa und auch den Protesten in Chile ist. Sogar Studenten der bekannten Eliteuniversitäten des Landes äußern ihren Frust: Man mache ja im Grund alles „richtig“ und bekomme nach dem Studium trotzdem keinen Arbeitsplatz. Mit mehreren Zehntausend Dollar Schulden, die man für das Studium aufgenommen hat, bleibt man dann verzweifelt zurück.
Und wie antwortet darauf  die Politik des hochgepriesenen Landes der Freiheit? US-Präsident Obama zeigt sich nach außen hin verständnisvoll, der New Yorker Bürgermeister Bloomberg mit einem überwiegend an der Wallstreet erworbenen Gesamtvermögen von ca. 19,5 Mrd. Dollar sprach sich für die ungerechten Maßnahmen der Polizei und die Verhaftungen der vergangenen Tage aus. Viele erschienenen Videos, die im Internet kursieren, zeigen Gewaltausbrüche der Polizei gegenüber den Demonstranten. Eine Frau hat man nur festgenommen, weil sie mit Kreide abseits des Geschehens die Straße bemalte, eine andere, weil sie eine Maske auf dem Hinterkopf trug.
Mit diesem Wissen würde man sich wohl gerne wieder in die Schulzeit katapultieren lassen und dem Englisch-Lehrer sagen, wie lächerlich sein Vortrag ist. Denn, dass das, was in Amerika vor sich geht, hat nun gar nichts mit Freiheit oder unbegrenzten  Möglichkeiten zu tun hat, ist nicht zu übersehen. Die Weltpolizei und ihr „Demokratieverständnis“- es ist einfach nur absurd und zählt wohl nur, wenn es um die Besetzung anderer Länder geht.