Protest vor der Europäischen Zentralbank

Gülcin Mengi, Enis Tumay, Seval Mengi

„Wir sind die 99%“ ist eines der Mottos, unter dem sich seit Mitte Oktober nach Vorbild der Proteste auf der Wallstreet in den USA auch die Frankfurter versammelten, um die Finanzmächte zu boykottieren.

Weltweit blüht zur Zeit das Bewusstsein auf, dass 1 Prozent der Weltbevölkerung 99 Prozent des weltweiten Vermögens besitzen und dass den einfachen Bürgern das genommen wird, was ihnen zusteht. Grund genug, um Aktionen zu starten, die diese 99 Prozent zusammenbringen – denn Millionen sind stärker als Millionäre. Doch wer sind diese „1 Prozent“? Es sind die großen Weltkonzerne, Banken und andere Akteure der Wirtschaft. Hierzu gehört auch die Europäische Zentralbank auf dem Willy-Brandt-Platz in Frankfurt am Main, vor der sich seit einigen Wochen hunderte von Menschen versammeln, um gegen ihren gemeinsamen Gegner zu protestieren: die Finanzmächte.

Das Startsignal der Aktion wurde am 15. Oktober gegeben, an dem zunächst etwa 5000 Demonstranten im Rahmen der „Occupy World  Bewegung“ die Straßen der Frankfurter Innenstadt füllten. Anschließend ließ sich ein Teil der Demonstranten vor der Europäischen Zentralbank nieder und errichtete ein Camplager.

Für alles ist gesorgt: Essen, Trinken, Zelte zum Schlafen und sogar ein Feuer in der Tonne, denn selbst die Kälte und der Regen schrecken die Aktivisten nicht ab.

Die Forderung ist eine Reform im Finanzsystem, welches eine Umverteilung und damit auch Gerechtigkeit in diese einführen soll. Hierzu werden  Tag und Nacht Diskussionen, Work-Shops und Seminare geführt, um die gemeinsamen Ziele zu besprechen und zu konkretisieren.

Auch seitens der Polizei wird die friedliche Bewegung respektiert, sodass ein Kaffeebesuch  nicht selten vorkommt.

Andere Besucher sind Banker, welche mit ihren Krawatten und Aktentaschen auf dem Campgelände unschwer als solche zu identifizieren sind. Dieser Auftritt ist ein Zeichen des Erfolgs. Denn selbst die Akteure der Kapitalträger interessieren sich für die Aussagen und Forderungen der 99 Prozent.

„Es handelt sich um eine Bildungsbewegung“

Auch der 35 Jährige Politologiestudent Tino ist davon überzeugt, dass man gemeinsam viel erreichen kann. „Wir wollen eine Bewegung starten“ sagt er und betont, dass diese eine Bildungsbewegung sei, welche friedlich und mit Entschlossenheit geführt werden soll – Denn die größte Waffe sei die Bildung.

Tino ist der Meinung, dass eine große Angst bzw. Abneigung vor einer politischen Meinungsbildung in der Bevölkerung herrsche. Da auch die Medien vieles nicht realitätsgetreu übermitteln, sieht er es als eine Aufgabe dieser Bewegung, Menschen über die wirtschaftliche Misslage zu informieren. „Es muss diskutiert werden! Und genau dies ist es, was wir hier aufrecht zu erhalten versuchen. Denn primär ist nicht wichtig, was wir hier sagen, sondern dass wir etwas sagen.“ Mit diesen Worten hebt Tino hervor, wie wichtig es ist, Menschen zu organisieren und ihnen eine Gelegenheit zu geben, ihre Unzufriedenheit über das System zu äußern.

Die Vorwürfe der Banker, dass die Demonstranten das Finanzsystem nicht verstehen können und daher auch kein Recht dazu haben, es zu kritisieren, streitet der Politologiestudent ab.

„Wenn ich meine Hand abhacke, muss ich auch nicht wissen, welche Muskeln und Arterien ich durchtrennt habe, um zu merken, dass es weh tut. Die Tatsache ist- meine Hand ist ab!“

Interviews: Baran Kiraz

Sebastian Droster, Student

Wie lange bist du schon hier?

Ich bin seit Samstag hier, schon zur ersten Demo, die hier stattgefunden hat und wollte eigentlich Samstagabend wieder abreisen. Hab mich dann aber dann dazu entschlossen, doch noch eine Nacht hier zu zelten. Das war wirklich Toll wie uns die Leute hier unterstützt haben. Es war im Prinzip sehr wenig vororganisiert, aber es hat sich gezeigt, dass hier von überall her Leute kommen und uns Essen, Kaffee usw. bringen und das finde ich wirklich schön.

Wie habt ihr euch hier zusammengefunden?

Wir sind hier zusammen gekommen, weil wir alle das Gefühl haben, dass irgendwas mit dem Finanzsystem falsch läuft. Was das aber genau ist, da gibt’s ganz verschiedene Ansichten unter den Leuten hier im Camp. Die Leute haben ganz verschiedene Vorschläge, irgendwie Lösungen zu entwickeln und wir sind gerade dabei, gemeinsame Positionen zu entwickeln. Im Moment spricht jeder für sich selbst, die gemeinsame Lösung ist aber in Arbeit, die wir jeden Tag in unseren Versammlungen besprechen, wo jeder Ideen mit einbringen und sich zu Wort melden kann. So werden wir wahrscheinlich in den nächsten Tagen eine gemeinsame Position entwickeln, die wir dann auch nach außen tragen wollen.

Stört euch momentan etwas?

Die Bevölkerung hier nimmt das ganze sehr positiv auf, da gab es noch keine Anfeindungen. Insgesamt kann man sagen, ist das Camp, soweit es läuft, ein voller Erfolg und wir sind auf einem guten Weg. Die weitere Arbeit wird in den Vollversammlungen beschlossen, wir planen verschiedene Aktionen, um Interesse zu wecken.

Daniel Disancic, Arbeiter

Warum habt ihr euch hier versammelt?

Prinzipiell geht es um die Bewegung, dass sehr viel passiert im Moment, was die Banken angeht, was nicht so gut ist. Es sind aber nicht nur die Banken, es sind auch die ganzen Sachen, die im Moment entschieden werden, die gegen das Volk sind. Deswegen auch die Sprüche: „Wir sind die 99%“! Wir wollen einfach, dass Leute, die Mist gebaut haben, zur Rechenschaft gezogen werden, was im Moment nicht passiert.

Wie wollt ihr weiter vorgehen?

Wir wollen jetzt erst mal versuchen, dass die Bewegung größer wird. Wir hoffen, das noch mehr Leute kommen, denn erst dann haben wir die Möglichkeit, unserer Idee Gehör zu verschaffen.

Was genau stört euch?

Es stört uns vieles z.B. was die Banken angeht. Gerade deswegen, weil wir hier vor der EZB sind, stört uns, dass der Reichtum komplett unter 1% der Weltbevölkerung verteilt wird. 99% der Menschen kriegen immer weniger und 1% wird immer reicher und das ist nicht fair und nicht gut und das passiert schon sehr lange so. Es soll sich endlich ändern.