Der nächste Knaller aus der Türkei: Die Wehr-Reform

Junge Türken stürmen massenhaft die Konsulate und meterlange Schlangen bilden sich vor den Türen. Die meisten wollen zum „Achete für Wehrdienst“, der Abteilung im Konsulat, die sich um Wehrdienst und Wehrpflicht kümmert. Und in den letzten Tagen ist die Schlange noch länger, als normalerweise. Und was ist der Grund? Eine kleine aber feine Änderung soll bald in der türkischen Wehrpflicht stattfinden. Während die deutsche Regierung endlich die Wehrpflicht abgeschafft hat, können sich türkische Staatsbürger vom türkischen Wehrdienst nämlich „freikaufen“. Doch genau das ist der Grund für die langen Schlangen: Der Preis zum „freikaufen“ steigt bald auf 10000 Euro. Daher der Ansturm auf die Konsulate, viele junge türkische Männer wissen nicht weiter oder sind verzweifelt und wollen sich sobald wie möglich freikaufen, um nicht dienen zu müssen.

Für die türkischen Staatsbürger in Deutschland ist es nicht möglich, aus Gewissensgründen den Wehrdienst zu verweigern oder einen zivilen Ersatzdienst zu leisten. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, man kann den Dienstantritt verlängern, den Dienst komplett antreten oder verkürzen. Aber jeder Schritt ist mit einem Haufen Geld verbunden. Das „Freikaufen“ vom Dienst an der Waffe ist hier aber nur für Privilegierte möglich. Bislang konnten das nur türkische Staatsangehörige außerhalb des Landes tun, indem sie eine stolze Summe von 5112 Euro zahlten und nur den Grunddienst antraten. Für dieses Vorhaben sparten sich viele Jugendliche dumm und dämlich und meist war es nur möglich, wenn die Familie einen dabei finanziell unterstütze oder man einen Job mit ausreichend Einkommen hatte. Denn nicht zu vergessen ist, dass jeder dritte Türkeistämmige in Deutschland entweder arbeitslos ist oder unter der Armutsgrenze lebt. Die Arbeitslosigkeit unter den sich im wehrfähigen Alter befindenden Jugendlichen liegt in manchen Städten sogar fast 50 Prozent. Deswegen zogen es bisher viele vor, zum Wehrdienst anzutreten oder liehen sich Geld, um sich freizukaufen. Doch wenn bald der Preis auf 10000 Euro steigt, woher dann das Geld nehmen? Wie in vielen Städten waren in der vergangenen Woche auch in Köln tausende Jugendliche im türkischen Konsulat, denn wer nämlich noch rechtzeitig bezahlt hat, bevor die Änderung in Kraft tritt, muss nur den „alten“ Preis (trotzdem immerhin 5112 Euro) blechen.

Diese 10000 Euro sind für die meisten zu viel. Wie soll ein Arbeitsloser oder ein junger Geringverdiener denn so ein Haufen Geld ansparen oder beschaffen? Daher wollten viele noch von der alten Regelung Gebrauch machen und versuchten, die 1300 Euro Anzahlung zu bezahlen. Viele hatten sicherlich schon damit Probleme, aber die Differenz zwischen 5000 und 10000 Euro ist schon enorm, so dass viele versuchen, sich irgendwie Geld zu besorgen oder zu leihen, um nicht später das Doppelte zu zahlen.

Nichtsdestotrotz versucht die türkische Regierung unter Ministerpräsident Tayyip Erdogan das neue Wehrgesetz auch noch als Wohltat zu verkaufen. Der Möchtegern-Unser-Ministerpräsident Erdogan erklärte, die neue Situation sei für Türken im Ausland hilfreicher und besser, da sie so auch vom dreiwöchigen Grundwehrdienst frei kommen. Aber bisher hatte sich niemand darüber beschwert, ein Dorn im Auge waren nur die knapp mehr als 5000 Euro.

Abzocke!

Der Regierung scheint es hier nur um neue Einnahmen zu gehen, ohne Rücksicht auf die Situation der Menschen hierzulande und derer im eigenen Land. Denn diese neue Regelung gilt auch für die Türkei, nur da ist schon längst klar, dass hiervon nur die Super-Reichen profitieren. Ansonsten kann sich keiner die 30 Milliarden Lira (ca. 10000 Euro) „Kopfgeld“ bzw. das „freikaufen“ leisten, zumal das monatliche Netto-Einkommen eines normalen Arbeiters bei 400-800 Euro liegt!

Kein Ausweg

Kaum einer kann sich aber hierzulande vor der Zahlung drücken, denn wer nicht zahlt, ist verpflichtet 15 Monate zu dienen oder gilt als Vaterlandsverräter. Und wenn man sich entscheidet, die Wehrpflicht doch noch anzutreten, bekommt man ein „kleines“ Problem mit den deutschen Behörden: Das Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik verfällt bei türkischen Staatsbürgern bereits nach sechsmonatiger Abwesenheit. Hinzu kommt, dass ein Arbeiter alleine schon bei einer Abwesenheit von 15 Monaten Abwesenheit mehr Einkommen verlieren würde, als die 10000 Euro für das „Freikaufen“, daher sehen viele keinen anderen Ausweg, als zu zahlen. Denn zusätzliche Kosten wie Hin- und Rückflug in die Türkei, plus ein Taschengeld würden auch noch hinzukommen. Eine gnadenlose Masche von Abzocke, welche zeigt, auf wessen Seite die türkische Regierung wirklich steht! Für wohlhabende Familien wird diese Regelung zumindest kein Problem darstellen, im Gegenteil: Ihre Kinder werden ohne Probleme und komplett vom Wehrdienst befreit.

 

Suphi Sert 

„460000 junge Männer sollen nicht mehr die Reihen der Armee auffüllen, sondern die Konten der Staatskasse“

Die Interviews führten Erhan Nakis und Gürkan Erdugan

 

Kainat Dakmaz , 17 Jahre alt, aus Esslingen

Ich finde es nicht gut, dass der Staat eine 10000 Euro Summe fordert, damit man sich vom Wehrdienst freikaufen kann. Meiner Meinung nach sollte der Wehrdienst freiwillig sein und der Mensch sollte nicht gezwungen werden, eine so hohe Summe zu bezahlen, um sich davor zu drücken. Zum anderen finde ich es ungerecht, dass Reiche sich freikaufen können und Armen dann weiter zur Armee müssen und ihr Leben riskieren. Die 10000 Euro würde ich lieber sinnvoll investieren, aber woher nehmen?

 

Gökhan Boybeyi, 20 Jahre alt, Azubi aus Stuttgart
Die Idee an sich ist nicht schlecht, nicht verpflichtet zu sein, Wehrdienst in der Türkei leisten zu müssen. Doch ich persönlich finde 10000 Euro zu teuer. Ich würde diese 10000 Euro gerne für meine Zukunft anlegen. Aber um nicht den Wehrdienst zu machen, müsste ich es wohl zahlen, wobei ich gar nicht weiß, woher ich die 10000 Euro finden soll.

 

Can Özcan, 23 Jahre alt, Arbeiter aus Ludwigsburg
Das Gesetz ist meiner Meinung nichts Positives. Vor allem in der Türkei würde ich aber ungern zum Bund gehen, da dort Bombardierungen, Gewalt und Tod an der Tagesordnung stehen. Ich habe 4 Jahre lang gespart, damit ich auf eine Fortbildungsschule gehen kann, wo ich jährlich 10000 Euro zahlen muss. Ich würde lieber für meine Zukunft investieren, statt für eine Armee, die Kriege führt.

 

 

Mehmet Günes, Schüler aus Bochum

Ich finde es nicht gut, dass die Türkei das einzige Land ist, wo man 10000 Euro zahlen muss, um kein Wehrdienst anzutreten. Sie nutzen die Lage der Menschen, die in Deutschland leben, aus, nur um eine zusätzliche Einnahmequelle zu haben. 10000 sind sehr viel Geld und könnten eine ganze Familie ruinieren. Man verschuldet sich bis zum geht nicht mehr. Ich persönlich bin für die Abschaffung des Wehrdienstes und das ohne eine Zahlung. Ich würde aus Protest nicht zum Wehrdienst gehen und nicht bezahlen. Da ich selber noch Schüler bin und mein Aushilfsverdienst definitiv nicht reicht, um die 10000 zu bezahlen, würde ich es auch in Kauf nehmen, die Türkei nicht mehr besuchen zu dürfen oder als „Fahnenflüchtling“ zu gelten. Wenn jeder die Bezahlung von 10000 boykottieren würde, würde die türkische Regierung vielleicht merken, dass sie nicht alles mit uns machen kann. Es ist nicht richtig, die Menschen so auszubeuten.

 

 

Yoldas Turhal, Azubi aus Bochum

Ich würde lieber 10000 Euro bezahlen, als 15 Monate den Wehrdienst in der Türkei anzutreten, da ich nicht weiß, was dort auf mich zukommen würde. Ob ich das Geld habe ist eine andere Frage, die kann man vielleicht auch in Raten zahlen?

 

Taylan Kaplan, Essen

Durch die neue Regelung sorgt man dafür, dass die Jugendlichen, dessen Eltern ein hohes Einkommen haben, sich freikaufen können, aber normale und arme Jugendliche können sich das niemals leisten. Ich selbst würde versuchen, alles Mögliche zu tun, um keinen Wehrdienst in der Türkei machen zu müssen, weil der Dienst in der Türkei gegen jegliche Menschenrechte verstößt. Also lieber verschulden.