Segelt auch ihr der Zukunft entgegen!

 Sinem Uğurlu

Der deutsche Textilhersteller Hugo Boss bietet Studierenden der „Universität 9. September“ in Izmir Praktikumsplätze an. Das Projekt von Boss hat sogar ein Motto: „Hugo Boss lädt Praktikanten ein, die ihrer Zukunft entgegen segeln möchten“. Die Voraussetzungen, die bei potentiellen Praktikanten erwartet werden, seien: hohe Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Kreativität und analytisches Denkvermögen. Hugo Boss ist eines der bekanntesten Marken im Bereich Mode- und Textilbereich, ihr Hauptproduktions- und Forschungszentrum in der Türkei befindet sich in der Ägäischen Freihandelszone. In dieser Freihandelszone besitzt Hugo Boss zwei Fabriken und beschäftigt über 3500 Arbeiter. Hugo Boss beschreibt die eigenen Produktionsstätten als „eine Fabrik, in der jeder gerne arbeiten möchte”. Doch die Realität zeigt ein ganz anderes Bild.
Für die Arbeiter steht der Name für Ausbeutung
Auch wenn die Firmenleitung sich mit schönen Worten und selbstgegebenen Titeln schmückt, so ist doch die Realität für die Arbeiter eine ganz andere. Auf dem Markt sichert sich Hugo Boss einen großen Vorsprung gegenüber Konkurrenten. Dieser Vorsprung bedeutet für die Arbeiter jedoch mehr Arbeit mit gleichzeitig weniger Einkommen. Über die Arbeitsbedingungen bei Hugo Boss in verschiedenen Ländern ist viel berichtet worden. Auch in der Türkei glänzt Hugo Boss nicht mit Wohltaten. Erst kürzlich wurden Arbeiter, die sich für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einsetzten und in die Gewerkschaft eintraten, fristlos entlassen.
Aufruf zur Beteiligung an Unrecht
Während bei Hugo Boss berufsbedingte Erkrankungen sehr häufig anzutreffen sind und allein in den letzten Monaten über 150 Arbeiter unrechtmäßig gekündigt wurden, ist die „Praktikantenkampagne“ von Hugo Boss regelrecht ein Aufruf zur Beteiligung an Unrecht. Den Studierenden, die als Praktikanten eingestellt werden, wird eine Arbeitergruppe untergeordnet, die sie als „Gruppenführer“, „Qualitätsexperte“ oder „Produktionsingenieur“ leiten und kontrollieren sollen. Die Hauptaufgabe der Praktikanten ist es, dafür zu sorgen, dass die Produktivität der Arbeiter stets hoch bleibt. Sie sollen als Sklaventreiber fungieren und wenn sie sich für diese Aufgabe als geeignet erweisen, dann winkt ihnen möglicherweise eine Anstellung bei Hugo Boss nach Abschluss der hochschulischen Ausbildung. Die Universitäten und Studierenden werden durch Hugo Boss zu Werkzeugen gemacht, um die Produktivität und die eigenen Profite zu steigern.

Ziel ist die „Hugo-Boss-Kultur“
Ein Arbeiter von vielen, Mustafa Kilic, der wegen seiner Gewerkschaftsmitgliedschaft gekündigt wurde und Widerstand leistete, beschreibt die Situation der Praktikanten mit folgenden Worten: „Die Studierenden, die ein Praktikum bei Hugo Boss absolvieren, müssen sich die „Hugo-Boss-Kultur“ einverleiben, damit sie eine Anstellungsmöglichkeit bekommen. Das heißt, wenn z.B. ein Produkt innerhalb von 5 Minuten produziert wird, wird von ihnen erwartet, dafür zu sorgen, dass diese Zeit auf 4 Minuten gesenkt wird. Je  mehr zeitliche Raffung die Praktikanten erreichen und je mehr sie die Produktivität der Arbeiter steigern, umso mehr steigt auch die Wahrscheinlichkeit der Anstellung. Die Angestellten und Arbeiter werden im Prinzip gegeneinander ausgespielt.”
„Den Praktikanten wird die Anweisung gegeben, dass sie mit den Arbeitern keinen Kontakt auf persönlicher Ebene eingehen dürfen. Auf diese Weise wird zwischen den Praktikanten und den Arbeitern ein Klassenunterschied suggeriert und hergestellt“, berichtet Recep Yildirim. Recep Atay, ein Arbeiter von Hugo Boss, berichtet, dass es eine hohe Fluktuation von Arbeitern gebe, weil ständig neue eingestellt und andere gekündigt werden. „Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Löhne gedrückt werden und Arbeiter sich mit einem minimalen Lohn zufrieden geben oder gekündigt werden, bevor sie rechtlich weitere Ansprüche erlangen“.
Damit Träume nicht zu Frust werden…
Faruk Aksoy, Gewerkschaftsvertreter der TEKSİF Izmir, der zuständig ist für die Aktivitäten gewerkschaftlicher Organisierung bei Hugo Boss, betont, dass ihre Kämpfe sowohl im Interesse der Arbeiter, als auch der Praktikanten sind. Das gewerkschaftliche Ziel formuliert Aksoy mit den Worten „Wir versuchen, auf der einen Seite ein menschenwürdiges Arbeitsleben zu erkämpfen, auf der anderen Seite kämpfen wir dafür, dass die Träume unserer jungen Freunde nicht in Frust umschlägt.”