Verdrehte Wirklichkeiten

Ali Candemir

10 Jahre nach der ersten Afghanistan-Konferenz trafen sich am ersten Dezember Wochenende Vertreter aus 68 Nationen auf dem Bonner Petersberg, um über einen eventuellen Truppenabzug aus Afghanistan und die weitere Zukunft des Landes zu beraten. Es wurden weitere finanzielle Hilfen zugesagt und die „Unabhängigkeit“ von Afghanistan für das Jahr 2014 in Aussicht gestellt. Über all dem ragten jedoch „Erfolgsmeldungen“ aus dem Kriegsgebiet. Afghanistan sei auf dem Weg zu einer langfristig stabilen Demokratie. Doch wie viel Wahrheit steckt in diesen Aussagen?
Opferzahlen weiterhin hoch
Erstmals seien die „sicherheitsrelevanten Zwischenfälle“ auf NATO Truppen  im dritten Quartal gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres gesunken, so verantwortliche Militärs. In einem größeren zeitlichen Zusammenhang betrachtet ergeben sich allerdings andere Erkenntnisse. Das Jahr 2011 ist das zweitverlustreichste, seit Kriegsbeginn. 542 NATO- Soldaten sind dieses Jahr bisher ums Leben gekommen. Insgesamt 2823. Die Zahl der zivilen Opfer liegt knapp unter 30000.
Analphabetismus auf dem Vormarsch
Selbst das Auswärtige Amt räumt „erhebliche Schwierigkeiten“ in der Sicherheitslage ein. Doch der „zivilgesellschaftliche Fortschritt gehe gut voran“. Es gingen in Afghanistan noch nie so viele Kinder zur Schule und die Entwicklungschancen der ganzen Bevölkerung seien besser als je zuvor.  Den Statistiken des amerikanischen Geheimdienstes CIA lässt sich jedoch eine andere Entwicklung ablesen. Seit Kriegsbeginn ist der Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung von 32 Prozent auf 28 Prozent gesunken. Das Pro-Kopf Einkommen pro Jahr ist um nur 100 Dollar gestiegen, bei einer Arbeitslosigkeit von 35 Prozent. 36 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Das Haushaltsdefizit beträgt 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, damit liegt Afghanistan weltweit auf Platz 203 von 208.
Kindersterblichkeit steigt
Die Lebenserwartung und die Sterblichkeitsrate in Afghanistan habe sich laut Angaben des afghanischen Gesundheitsministeriums deutlich gebessert. Das „CIA –World Factbook“ spricht allerdings eine andere Sprache. Die Sterberate ist seit 2001 von 1,772 unmerklich auf 1,739 Prozent gesunken. Die Kindersterblichkeit ist sogar von 14,7 auf 14,9 Prozent leicht gestiegen. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit Kriegsbeginn um ein Jahr auf 45 verringert. Damit belegt Afghanistan den vorletzten Platz, sowohl bei der Sterblichkeitsrate als auch bei der Lebenserwartung. Die Müttersterblichkeitsrate ist mit 1,4 Prozent in keinem Land der Welt höher. Jedes zweite Kind ist chronisch unterernährt. Hier von „deutlicher Verbesserung“ zu reden ist makaber und bösartig.
Zweckentfremdete Hilfsleistungen
Trotz der humanitären Katastrophe erfolgen die Hilfszahlungen nur langsam. Hilfsgelder in Höhe von 90 Milliarden Dollar wurden zugesagt, lediglich 57 Milliarden kamen bislang an. „Geradezu skandalös ist dabei aber, dass von diesem Betrag 29 Milliarden Dollar in den Aufbau der afghanischen Armee und Polizei flossen – eine dreistere Zweckentfremdung von Entwicklungshilfe ist schwer vorstellbar“, so Dr. Angelika Clausen, ehemalige Vorsitzende der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.)
Demokratie mal anders
Besonders deutlich zeichnet sich das Versagen der NATO-Truppen in den vermeintlichen demokratischen Strukturen ab. Das Deutsche Institut für internationale Politik und Sicherheit beschreibt die Demokratie in Afghanistan wie folgt. „Am 18. September 2010 wurde in Afghanistan zum zweiten Mal seit 2001 das Unterhaus gewählt. Doch anstelle der erhofften Stärkung des demokratischen Prozesses haben diese Wahlen die Skepsis vieler Afghanen gegenüber dem politischen System und der herrschenden Klasse noch verstärkt. Korruption, Stimmfälschung und Gewalt dominierten den Wahlprozess. Im Ergebnis, so der Eindruck in Kabul, haben vor allem die Wohlhabenden gewonnen, die sich genügend Stimmen kaufen konnten.“ Die Korruption zeigt sich insbesondere im wiedererblühtem Opiumanbau. „Afghanistan war im Jahr 2008 mit etwa 7700 Tonnen für etwa 93 Prozent der weltweiten Opiumproduktion verantwortlich. Die Drogenindustrie durchdringt das ganze politische und ökonomische System Afghanistans. Sie wird dominiert von Politikern, die selbst Drogenbarone waren und nun zu politischen Schutzherrn der Drogenökonomie aufgestiegen sind.“  Der Afghanistaneinsatz wird den deutschen Steuerzahler, der mehrheitlich gegen diesen Krieg ist,  bei einem möglichen Abzug der Truppen 2014 etwa 35 Milliarden Euro gekostet haben. Humanitäre Erfolge sind mit Krieg nicht zu erreichen. Wohlstand, Demokratie und Freiheit wird es in einem besetzten Land nicht geben.