Jugendliche nicht „ausbildungsreif“

Ezgi Güyildar
Nach einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) soll die Hälfte der Jugendlichen „nicht ausbildungsreif“ sein. Der Studie nach klagen 74 Prozent der Betriebe über eine „mangelnde Ausbildungsreife“ von Bewerbern, also über fehlende „persönliche Kompetenzen“ und „über zu wenig Schulwissen“. Dabei bemängeln die Hälfte der Unternehmen fehlende weitergehende Mathematik-Kenntnisse sowie Grundlagen, wie das Einmaleins, aber auch Sprachkompetenzen in Deutsch, sowohl im mündlichen als auch im schriftlichen Ausdruck. Laut der Umfrage beschweren sich  46 Prozent der Betriebe zudem, die Azubis haben „eine mangelnde Disziplin“, 48 Prozent kritisieren eine „geringe Leistungsbereitschaft“. Auch die „fehlende Belastbarkeit“ der Bewerber wird angemerkt. Zu dem von der Bundesregierung mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft beschlossene „Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs“, in dem auch Kriterien für die „Ausbildungsreife“ festgelegt wurden, gehören seitdem neben schulischen Kenntnissen auch sogenannte psychologische Leistungsmerkmale zum Mindeststandard für die Aufnahme einer Berufsausbildung. Mittlerweile sorgen sich die Wirtschaft und die Bundesregierung nicht nur um Auszubildende, sondern auch um den Mangel an Facharbeitern.
Lehrstellen werden nicht besetzt
Viele der Unternehmen hätten zwar noch Lehrstellen zu besetzen, jedoch wären viele der Bewerber ungeeignet. Im September diesen Jahres mussten 29700 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Allerdings sind im selben Zeitraum immer noch 18000 Jugendliche ohne einen geeigneten Ausbildungsplatz geblieben. Ganz offensichtlich muss da etwas nicht stimmen.
Die Suche nach den Ursachen lässt verschiedene Aspekte betrachten. Die Unternehmer suchen die Schuld bei den Eltern und Lehrern, weil diese wichtige Eigenschaften wie Disziplin und Pünktlichkeit nicht vermitteln könnten. Aber auch die ungenügenden Schulqualifikationen der Bewerber werden angeführt. So wird in den Medien das Bild eines unqualifizierten und inkompetenten Schulabgängers aufgegriffen.
Die DGB Jugend aber sieht dagegen ein ganz anderes Problem. Nach einer veröffentlichten Studie hat sie Zahlen vorgelegt, aus denen hervorgeht, dass eher die Unternehmen selber nicht „ausbildungsreif“ sind und so häufige Mängel auftreten. Schlechte Ausbildung, keine Perspektiven und auch die Ausnutzung der Auszubildenden als billige Arbeitskräfte würde die „Ausbildungsreife“ der Unternehmen verdeutlichen. Außerdem scheint es für Jugendliche noch weitere Hürden bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu geben. Bewerber mit Migrationshintergrund stoßen immer wieder auf Ablehnung. Eine Befragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)  kam zu dem Ergebnis, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund bei Einstellungsentscheidungen mit Vorbehalten konfrontiert seien, die ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz erheblich verringerten.
Ein weiterer Aspekt ist, dass sich die  Erwartungen der Betriebe erhöht haben. In den letzten Jahren haben sich die Betriebe darauf eingestellt, dass sie es mit jungen Erwachsenen zu tun haben. Diese aber verfügen über ein deutlich höheres Vorbildungsniveau, als ihre jüngeren Konkurrenten von den Hauptschulen oder Realschulen, die ihren Abschluss frisch gemacht haben und auch jünger sind. Die Unternehmen wollen jedoch keine Plätze an jüngere und schlechtere Schulabgänger anbieten.
Die Wirtschaft und Politik verkünden jedes Jahr euphorisch, dass der Ausbildungspakt ein voller Erfolg sei. Doch momentan wird angegeben, dass 18000 Jugendliche ohne einen Ausbildungsplatz auf der Straße sitzen. Darüber hinaus befinden sich noch zusätzlich offiziell etwa 180000 Jugendliche in der „Warteschleife“, weil sie ebenfalls keinen der Plätze ergattern konnten. In der Statistik wird noch die riesige Gruppe von Jugendlichen nicht mitgezählt, die sich in berufsvorbereitenden oder Umschulungsmaßnahmen befindet und somit offiziell gar nicht auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist.
Das Problem beginnt schon in dem dreigliedrigen Schulsystem. Denn Schüler werden schon ziemlich früh in Kategorien eingeteilt, die ihr Leben durchgehend begleiten. Dauernder Unterrichtsausfall, überfüllte Klassen, wenige Förderhilfsmittel und Lehrermangel sind die Gründe, weshalb Jugendliche schlecht abschneiden. Auch nach der Schule geht das Desaster weiter. Nur ein Viertel der Betriebe bieten überhaupt einen Ausbildungsplatz an. Schlechte Arbeitsverhältnisse, geringer Verdienst und Ausbeutung erwarten die Bewerber. Wenn die Unternehmen in Deutschland gute Fachkräfte haben wollen, müssen in diese auch investiert werden. Anstatt dass die Konzerne und Betriebe mehr investieren und sich den Bedürfnissen der Bewerber anpassen, steigen die Erwartungen und somit kann ein gewisser Teil der Gesellschaft wie z.B. der mit einem Hauptschulabschluss, an keinen Ausbildungsplatz rankommen. Das Argument die Bewerber seinen nicht „ausbildungsreif“ dient dabei nur als Ausrede.