Masseker an Kurden in Uludere

Das Jahr 2011 ging für das kurdische Volk mit einem Massenmord zu Ende. Am Abend des 28. Dezember 2011 wurden in der Nähe des Dorfes Roboski in der kurdischen Provinzstadt Şırnak bei Luftangriffen 35 Menschen getötet. Die Mehrheit der Getöteten waren Kinder und Jugendliche, die Schmuggelhandel betrieben. Sie wurden zum Ziel von Angriffen türkischer Kampfjets, als sie mit Schmuggelware bepackten Maultieren aus dem Irak in ihr Dorf zurückkehren wollten.
Der „Zwischenfall“, wie das Massaker von türkischer Armee und der Regierung bezeichnet wurde, soll nach offiziellen Angaben ein „Unfall“ sein, der auf falsche Informationen zurückzuführen sei. Von unbemannten Aufklärungsflugzeugen gesendete Aufnahmen sollen danach von der Kommandozentrale falsch gedeutet worden sein. Man habe die Menschen für eine Gruppe von PKK-Kämpfern gehalten und sie unschädlich machen wollen.
Augenzeugenberichten zufolge handelt es sich bei dem „Zwischenfall“ jedoch um die bewußte Tötung von Dutzenden von Menschen. An der Grenze postierte Einheiten der türkischen Armee hätten die Menschen zunächst am Weitermarsch verhindert und kurze Zeit später seien die Luftangriffe der Kampfjets erfolgt.

Ein Massaker mit dutzenden Toten
Die Provinz Şırnak liegt an der Grenze zum Irak. Da in der Region infolge des Krieges die Landwirtschaft und Tierzucht fast völlig eingebrochen und auch so gut wie keine Industriebetriebe angesiedelt sind, stellt der Schmuggelhandel mit dem kurdischen Norden des Iraks fast die einzige Einnahmequelle für die kurdischen Dorfbewohner dar. Dabei bringen sie auf dem Rücken von Maultieren Dieselkraftstoff aus dem Nordirak, den sie an Händler in ihren Dörfern verkaufen. Dieser Schmuggelhandel läuft seit Jahren unter Kenntnis der vor Ort stationierten Armeekräfte. Nach Angaben der Bevölkerung in der Provinz Şırnak hielt sich die Armee im letzten Monat gänzlich aus dem Schmuggelhandel heraus und ließ die Bevölkerung gewähren.
Auch die angegriffenen Menschen hatten in den Dörfern Nordiraks Dieselkraftstoff gekauft, den sie mit Maultieren transportierten. Die Verkäufer und die Abnehmer bei diesem Handel sind kurdische Dorfbewohner, die größtenteils miteinander verwandt sind und dies- und jenseits der Grenze leben.
Augenzeugen, die das Massaker überlebten, berichteten, sie seien seit Anfang Dezember nicht am Handel gehindert worden. Es gebe zwei Handelswege in den Nordirak, die von türkischen Grenzposten kontrolliert würden. Auch bei der letzten Tour hätten die Grenzsoldaten sie in den Nordirak ziehen lassen. Auf dem Rückweg hätten allerdings die Späher der Schmuggler berichtet, dass Soldaten den Weg gesperrt hätten.
„Wir wollten unsere Schmuggelware nicht an die Soldaten abgeben. Deshalb haben wir gewartet und damit gerechnet, dass sich die Soldaten in den späten Abendstunden in ihre Posten zurückziehen. Dann wollten wir in unser Dorf weiterziehen“, berichtete ein Überlebender. In dieser Zeit seien weitere Schmugglergruppen zu ihnen gestoßen, die ebenfalls gewartet hätten. Dann seien die Kampfjets gekommen und ihre Bomben abgeworfen.
Diese Aussagen bestätigt auch der Anruf einer der Schmuggler, der bei dem Angriff sein Leben verlor. Er hatte bei seinem Onkel im Dorf angerufen und berichtet, dass die Soldaten sie am Weitermarsch hindern würden und sie ihre Rückreise erst einmal nicht fortsetzen könnten.

„Ein bedauerlicher Unfall“
Der Mord an 35 Menschen wurde vom Generalstab der Türkischen Armee zunächst als ein „erfolgreicher Schlag gegen Terroristen“ dargestellt, bei dem mehrere Dutzend Terroristen getötet worden seien. Erst 12 Stunden später wurden die ersten Meldungen verlautbart, man würde Vorwürfe überprüfen, die Opfer seien Zivilisten. Erst 24 Stunden nach dem Massaker gab der Generalstab ein zweizeiliges Kondolenzschreiben heraus, in dem Beileid mit den Hinterbliebenen bekundet wurde. Das Pressereferat arbeitete fleißig an der Zusammenstellung von Argumenten, die das Massaker plausibel, entschuldbar und nachvollziehbar machen sollten. So hätten sich die Schmuggler in einer größeren Gruppe bewegt, wie man es von der PKK kenne. Die Anzahl der eingesetzten Maultiere seien ebenfalls für Schmugglerverhältnisse zu hoch gewesen.
Auch die Regierungs- und Oppositionsparteien ließen sich Zeit. Sie bedauerten den Tod an 35 zivilen Personen. In ihren Erklärungen wurde die von Militärs zusammengestellte Argumentationshilfe verwendet. Ministerpräsident Erdoğan ging sogar so weit, dass er die PKK für den Tod der Menschen verantwortlich machte. „Würde die PKK keinen bewaffneten Kampf in dieser Region führen, würde unsere Armee auch keine Zivilpersonen für Terroristen halten und militärisch angreifen“, so Erdoğan. Der Regierungssprecher sah keinen Anlaß für eine offizielle Entschuldigung. Man werde die laufenden Ermittlungen abwarten und danach entscheiden, ob man sich entschuldigt und die Hinterbliebenen entschädigt. Den „Zwischenfall“ als ein Massaker darzustellen, sei jedoch nichts anderes, als die Unterstützung von Terroristen.

Die Rolle der Medien
Auffallend war auch die Rolle der etablierten Medien, die im Einklang mit den Verlautbarungen des Militärs und der Regierungspartei standen. Obwohl die wahren Hintergründe des Massakers längst feststanden, begnügten sie sich mit der Wiedergabe von offiziellen Erklärungen. Sie gaben sich die größte Mühe, die Getöteten als Schmuggler darzustellen, die die Gefahr der militärischen Angriffe bewußt in Kauf nehmen würden. Andere verhöhnten sie als „Schmuggler, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren und infolge von Verkettung unglücklicher Umstände ihr Leben verloren“. Schlagzeilen machte auch der Versuch des Chefs von einem privaten Nachrichtensender, der eine Redakteurin bei ihrer Live-Sendung 12 Stunden nach dem Massaker daran zu hindern versuchte, die wahren Hintergründe mitzuteilen.
Dies machte auch deutlich, welche Früchte die Politik der AKP-Regierung bei den Medien trägt. Im vergangenen Herbst hatte der türkische Premier die Chefredakteure und Besitzer der Medienkonzerne in das Ministerpräsidentenamt bestellt und sie aufgefordert, bei der Berichterstattung über die kurdische Frage darauf zu achten, dass keine Sympathien für die kurdische Freiheitsbewegung geweckt werden.

Kein Einzelbeispiel
Die Unterdrückung des kurdischen Volkes seit der Gründung der Republik im Jahr 1923 erforderte zehntausende Menschenleben. Viele davon wurden jahrzehntelang als Folge von bewaffneten Kurdenaufständen etc. als unumgänglich dargestellt. Die jüngst losgetretene Debatte über das Dersim-Massaker von 1938 oder über den „Mustafa Muglali Fall“ sind Beispiele für diese Haltung aber auch für die Heuchelei in der türkischen Politik. Bei dem letzteren Beispiel hatte der Offizier Muglali im Jahre 1943 in der Provinz 33 kurdische Schmuggler hinrichten lassen. Eine nach ihm benannte Kaserne wurde im November 2011 umbenannt und die damit verbundene Inszenierung    als Beleg für die Neuausrichtung in der Kurdenpolitik vermarktet.
Die Haltung der etablierten Parteien bezüglich des Uludere-Massakers zeigt jedoch, dass diese angebliche Neuausrichtung in der Kurdenpolitik lediglich eine Farce ist. Die berechtigten Forderungen des kurdischen Volkes nach einem Leben in Freiheit, Frieden und Gleichberechtigung werden auch heute noch mit Waffengewalt unterdrückt.

Mehmet Çallı

http://www.youtube.com/user/hayattv09?feature=mhee#p/u/0/7921YSFPOXU

Große Protestwelle gegen das Massaker

Nach Bekanntwerden des Massakers von Uludere gingen in den kurdischen Provinzen, aber auch in den anderen Landesteilen zehntausende Menschen auf die Straßen. Die kurdische Partei für Frieden und Demokratie (BDP) rief eine dreitägige Trauer aus. Fast die Gesamtbevölkerung in den kurdischen Regionen folgte dem Aufruf. An der Trauerfeier für die Getöteten nahmen über 30.000 Menschen teil. In Diyarbakır, Hakkari, Istanbul, Ankara, Adana und vielen anderen Städten fanden Demonstrationen statt. In vielen kurdischen Provinzen blieben die Geschäfte geschlossen.

Proteste auch in Deutschland
Am 30. Dezember fanden auch in vielen deutschen Städten Protestaktionen statt, zu denen die Föderation der Kurdischen Vereine in Deutschland aufgerufen hatte. Auf Demonstrationen, die vor türkischen Konsulaten endeten, verurteilten tausende von Menschen das Massaker. In Köln, Hamburg, Stuttgart, Berlin, Frankfurt am Main und vielen anderen Städten forderten die Teilnehmer das Ende des Blutvergießens und die Bestrafung der Verantwortlichen.
Auch die Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) hatte zu den Demonstrationen aufgerufen. Vertreter von DGB, Linkspartei, AABF forderten auf den Kundgebungen die Bundesregierung auf, die Waffenlieferungen an die Türkei sofort einzustellen. Die EU wurde aufgefordert, nach Uludere eine Delegation zu entsenden, die das Massaker vor Ort untersuchen soll.