4 + 4 + 4 = 4

İhsan Çaralan

 

Mit der geplanten Schulreform soll die Schulpflicht scheinbar von acht auf zwölf Jahre verlängert werden. Nach Angaben der Regierungspartei sei die “4 + 4 + 4”-Reform eine Revolution im Bildungssystem. Gemeint ist dabei, dass die Schüler in den ersten vier Jahren gemeinsam unterrichtet werden. Danach sollen sie sich beruflich orientieren und entsprechende Schulen besuchen. Die letzten vier Jahre stehen für eine Schulbildung, die die Vorbereitung auf die Berufsbildung abschließt. Im zweiten und dritten Viertel soll die Möglichkeit eines Fernstudiums eröffnet werden, d.h. die Kinder unterliegen hier keiner Schulbesuchspflicht, sondern können an Prüfungen teilnehmen, ohne den Unterricht zu besuchen.

Pädagogen und Organisationen des Bildungssystems laufen Sturm gegen diese Pläne. Diese Aufteilung der Schulzeit werde die Schulpflicht der staatlichen Kontrolle entziehen und der Privatisierung Tür und Tor öffnen. In den beiden letzten Vierjahresabschnitten könne nicht mehr die Rede von Schulpflicht sein. Die Reform sieht auch vor, dass die einjährige Vorschulpflicht abgeschafft wird. Im zweiten Vierjahresabschnitt sollen Elfjährige ihre berufliche Orientierung abgeschlossen und sich entschieden haben. Gleichzeitig soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, die Schulbesuchspflicht zu umgehen und die Schulbildung von Zuhause aus fortzusetzen. Das alles bedeutet, dass die Schulpflicht nicht -wie behauptet- auf 12 Jahre verlängert, sondern auf vier Jahre zurückgefahren wird.

Die Regierungspropaganda für die Bildungsreform fällt in eine Zeit, in der sich die Regierung mit noch nie dagewesenen Maßnahmen im Schulwesen brüstet und für sich in Anspruch nimmt, das Bildungssystem innerhalb weniger Jahre um Jahrzehnte vorangebracht zu haben, da Tablet-PCs an Schüler verteilt oder die Klassenzimmer mit Smart-Bildschirmen ausgestattet wurden. Wer ihre Ziele nur unter diesen Aspekten diskutiert, kann die wahren Absichten nicht erkennen.
Die Hauptkritik an den Reformplänen ist im Kern darauf ausgerichtet, dass die Regierung, die vor Jahren geschlossenen Mittelstufen der islamischen Berufsschulen wieder eröffnen, Koran-Kurse erlauben, die Kinder aus armen Familien zur Berufsausbildung orientieren und die Verheiratung von Mädchen in jungen Jahren ermöglichen will. Wer sich mit den wahren Zielen des AKP-Programms auskennt, weiß, dass sie nicht von weit hergeholt sind.

Bei der Debatte in den letzten Tagen wurden viele Indizien dafür deutlich, welche Ausrichtung diese inhaltlichen Veränderungen haben werden. Vor etwa drei Wochen hatte der Ministerpräsident Erdogan erklärt, sie würden eine fromme Jugend heranziehen. Auf einer Konferenz des Jugendverbands seiner Partei erklärte er: “Uns geht es um eine Jugend, die der Sache ihrer Sprache, Religion, ihres Gedankenguts, ihrer Wissenschaft, ihres Anstands, ihrer Hassgefühle und ihres Herzens treu dienen wird.”

Wenn wir uns die Bemühungen der AKP-Regierung um eine grundlegende “Wandlung im Bildungssystem” anschauen, erkennen wir folgende Besonderheiten:

1. Es soll eine neue Generation herangezogen werden, die ihrer Sache treu dient und dabei militant erzogen wird, damit sie ihren Hass mit all dessen Folgen ausleben kann. Diese fromme Jugendgeneration soll also gleichzeitig eine Genration sein, die sich an Andersdenkenden rächt.

2. Im zweiten Vier-Jahresabschnitt soll die Entscheidung darüber, ob und wie die Schulbildung fortgesetzt wird, den Familien überlassen werden. Damit wendet sich die Regierung dem Verständnis zu, das das Kind als Eigentum der Familie und nicht der Gesellschaft betrachtet wird. Das ist zweifellos ein individualistisches, sprich kapitalistisches Verständnis.

3. Man kann auch ohne Zweifel behaupten, dass sich die Regierung Schritt für Schritt einen Kurswechsel im Bildungssystem vollzieht. In diesem System soll der Einfluss des Nationalismus und der Religion zunehmen und an die Stelle der Wissenschaft und des Laizismus religiöse Werte, Traditionen sowie nationalistische Motive treten. Es ist offensichtlich, dass die AKP dieses Ziel konsequent und mit allen Mitteln verfolgen wird.

Kurzum: Die AKP-Regierung vesucht, dem Bildungssystem eine unwissenschaftliche Ausrichtung aufzuzwingen. Das System soll der Privatisierung ausgeliefert werden. Sie versucht, den Bedürfnissen der Industrie gerecht zu werden und will deshalb die Kinder aus armen Familien sehr früh als Auszubildende rekrutieren. Schülerinnen sollen sehr früh aus den Schulen und somit aus dem sozialen Leben herausgerissen werden, damit der Grundstein für eine Gesellschaft gelegt werden kann, in der der Platz der Frau hinter dem Herd ist.