Ist Freizeit nur freie Zeit?

Cigdem Ronaesin

„Freizeit im Sinne von arbeitsfreier Zeit sind Phasen, über die der Einzelne frei verfügen kann und in denen er frei von bindenden Verpflichtungen ist. Diese Zeit steht für die Erholung von den Anstrengungen beruflicher und sonstiger Obliegenheiten zur Verfügung. Sie wird aber nicht nur dafür, sondern auch für vielfältige andere Aktivitäten genutzt“, das ist die Begriffserklärung, die angezeigt wird, wenn nach dem Begriff Freizeit sucht. Fraglich ist jedoch, inwiefern der Mensch über seine freie Zeit frei verfügt und inwieweit er frei von bindenden Verpflichtungen ist.
Freizeit bei den Griechen
Das Verständnis von freier Zeit war schon bei den Griechen ausgeprägt. Die Freizeit wurde als schole und die Arbeit mit a-scholia bezeichnet. Während die höheren Schichten viel freie Zeit hatten und ihre Zeit dem Lernen und der Schule widmeten, mussten die Sklaven harte Arbeit verrichten und konnten weder Rhetorik noch Wissen erlangen. Der Begriff der Schule stammt auch aus dieser Zeit. Die Freizeit, die die Sklaven zur Verfügung hatten, waren 60 Tage im Jahr, die sie jedoch nicht individuell, sondern im Sinne der Öffentlichkeit verbringen mussten.
Die Einflüsse der Weltkriege
Nach 1918 war die freie Zeit, die Menschen hatten, eher gezwungen als gewollt. Nach dem ersten Weltkrieg stieg die Arbeitslosigkeit immer mehr und die Menschen hatten keine Arbeit mehr und wussten mit ihrer Zeit nichts anzufangen, da sie mit dieser Situation nicht konfrontiert waren. Bis zu dem Zeitpunkt erholten sich die Arbeiter von der Arbeitszeit, ein weiteres Freizeitverständnis musste sich aber noch entwickeln. Somit entwickelte sich in Deutschland die Freizeitpädagogik ziemlich früh. Für die oberen Schichten waren die goldenen Zwanziger eher das Ausprobieren neuer Modeerscheinungen, wie z.B. Feiern gehen. Wie das auch bis heute der Fall ist, versuchten verschiedene Ideologien die Freizeit der Menschen und besonders Jugendlichen unter Kontrolle zu kriegen. Sie entwickelten Freizeitaktivitäten und verboten kulturelle Angebote anderer Ideologien und bezeichneten diese als entartete Kunst. Nach dem zweiten Weltkrieg rückte die Freizeit wieder in den Hintergrund und die Arbeit prägte wieder das Leben der Menschen. In den 50er Jahren kam wieder der Kampf um die 40-Stundenwochen auf. Seit den 90ern wurde Freizeit zu einem neuen Wirtschaftsfaktor. Es gibt immer mehr Freizeitparks, Sommerfreizeiten, Wochenendfahrten und jegliche Angebote, die von einem Wirtschaftszweig in ihrem Sinne genutzt werden.
Freizeitgestaltung heute
Wenig Veränderung gibt es in der Freizeitgestaltung der Arbeiterklasse. Bis zu 9 Stunden müssen Arbeiter in der Regel arbeiten. Der Druck, dem sie ausgesetzt sind, sorgt dafür, dass sie müde und erschöpft nach Hause kommen und für nichts anderes den Kopf frei haben. Genauso wie zu der Zeit der Industrialisierung nutzen sie ihre freie Zeit dafür, sich von der Arbeit zu erholen. Außerdem müssen sie Pflichten nachgehen, wie zum Beispiel Einkaufen, Putzen, Papierkram erledigen, mit den Kindern Zeit verbringen etc. Da bleibt wohl für diese Gruppe der Gesellschaft kaum Zeit, um sich Gedanken um die Freizeitgestaltung zu machen. Wenn sie am Wochenende nicht auch noch arbeiten müssen, dann werden die Dinge erledigt, für die unter der Woche keine Zeit bleibt. Hinzu kommt, dass viele pendeln müssen, einen Nebenjob haben oder länger arbeiten, als nur 8 oder 9 Stunden. Betrachten wir einmal die Freizeitangebote, die es gibt, stellen wir fest, dass die wenigsten Angebote für die unteren Schichten und Klassen vorgesehen sind. Um paar Beispiele zu nennen. Will eine 4-köpfige Familie zum „Phantasialand“, muss diese alleine für den Eintritt mindestens 113€ zahlen. Oder auch im Zoo bezahlt eine Familie mindestens 45€. Kino, Theater oder weitere Angebote sind auch nicht viel günstiger. Ja, es stimmt, dass es immer mehr Freizeitangebote gibt, für wen sie zugänglich sind, ist nur eine andere Frage.
Freizeit als Wirtschaftszweig
Je mehr die staatlichen Angebote gestrichen werden, desto mehr wachsen die privaten, kommerziellen Angebote. Immer wieder kommt ein Hype auf und gewinnt die Jugendlichen für eine kurze Phase. Seien es Halay-Partys, Rockkonzerte oder andere kurzfristige Modeerscheinungen. Diese kommen nur eine kurze Zeit bei den Jugendlichen an, weil sie keine Antwort auf die Bedürfnisse der Jugendlichen geben. Außerdem sind diese viel zu teuer und können nur von einer kleineren Gruppe wahrgenommen werden. Auch Kinobesuche, Schwimmbäder und andere Freizeitaktivitäten werden immer teurer und wer Geld hat, hat Zugang zu kulturellen und sportlichen Aktivitäten.
Einfluss einiger Ideologien
Genau diese leere Freizeitgestaltung nutzen viele religiöse und nationalistische Kräfte und ziehen türkeistämmige Jugendliche, die mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen, auf ihre Seite. Durch Gruppenfahrten manipulieren sie die Jugendlichen, die sich nicht ernst genommen und/oder verlassen fühlen. Genau so sieht es auch auf der anderen Seite aus: Rassistische und faschistische Parteien vor allem in Ostdeutschland manipulieren genau diese Jugendlichen, die ideenlos in ihrem Stadtteil herum irren. An den Unis veranstalten sie Partys, in den Stadtteilen gründen sie Jugendzentren. Auch andere kriminelle Gruppierungen können so Jugendliche besser ansprechen. Solange den Jugendlichen keine Alternativen angeboten werden, solange die Kommunen und Städte immer mehr Angebote streichen, solange werden die Jugendlichen auch ein Opfer der rückständigen und nationalistischen Kräfte bleiben und können sich in ihrer „Freizeit“ nicht frei entfalten!

Welt der Medien

Verschiedene Medien berichten, dass Jugendliche ihre Freizeit immer mehr individuell verbringen. Sei es vor dem Fernseher oder vor dem PC. Diese Zwei sind auch bei den Statistiken die meist genannten. Doch wer ist schuld an dieser Situation? Viele Eltern, Lehrer und Pädagogen beschweren sich darüber, dass Jugendliche zu sehr von den Serien und Realityshows beeinflusst werden. Bei einem Interview in einem Stadtteil Kölns befragten wir Jugendliche, wie sie ihre Freizeit verbringen. Nach langem Überlegen war die Antwort bei vielen ähnlich. „Wir hängen … (im Park/im Einkaufszentrum/hinter der Tankstelle/auf der Bank) … rum.“ Die Zeit wird von den Jugendlichen totgeschlagen. Sie treffen sich höchstens mit Freunden aus dem Stadtteil und hängen einfach nur rum. Der neue Begriff von „Chillen“ gehört bei den Jugendlichen schon längst zum Hauptvokabular. Es ist wohl kaum diese Art von Freizeitgestaltung, die Karl Marx mit der Wiedergewinnung der Menschlichkeit meint. Diese wird auch solange nicht erreicht werden, solange Jugendzentren, Bürgerzentren, Schwimmbäder etc geschlossen werden und alle Freizeitangebote privatisiert werden.

 

Freizeit während der Industrialisierung

„Für die (…) Erwerbstätigen wurde die Arbeitszeit bis zur psychisch möglichen Grenze ausgedehnt.“, so erklärt der Freizeitforscher Opaschowski die Zeit der Industrialisierung. Denn mit der Industrialisierung mussten die Arbeiter in Fabriken und Manufakturen bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten. Während früher das Tageslicht die Arbeitszeiten beeinflusste und festlegte, sorgte die Entwicklung des künstlichen Lichtes dafür, dass Arbeiter Tag und Nacht arbeiten mussten. Es gab verschiedene Gründe für die Verkürzung der Arbeitszeit ab 1850. Einer der wichtigsten Gründe war der Kampf um den Achtstunden-Arbeitstag der Arbeiter. Denn für die Arbeiter ist die Freizeit mehr als eine Erholungszeit. Laut Karl Marx hat die „disponible Zeit (Freizeit) einen „großen Wert für die Emanzipation des Menschen, für die Wiedergewinnung der Menschlichkeit aus der Entfremdung. Eine Gesellschaft, die es schafft disponible Zeiten hervorzubringen, schafft auch Reichtum und zeigt unverkennbar die dialektischen Zusammenhänge von Arbeit und Freizeit. Freie Zeit ist von der Arbeit befreite Zeit, in der sich jedes Individuum besonders gut entfalten kann.“ So war das Erlangen von Freizeit eines der größten Ziele der Arbeiterbewegung. Wenn die Arbeiterklasse politisch mitwirken wollte, musste die Grundlage für eine von der Arbeit unabhängige Zeit geschaffen werden.