Komponist, Revolutionär, Weltbürger: Hanns Eisler

Cigdem Ronaesin

 

„Ich frug mich als junger Komponist 1922: Für wen mache ich Musik? Nun, das machte mir große Schwierigkeiten, die bis heute nicht aufgehört haben. Denn so sagen meine Freunde und meine Feinde: Für wen macht doch eigentlich dieser Hanns Eisler Musik?“

 

Heute kennen wir die Antwort der Frage: Nachdem Hanns Eisler 1925 nach Berlin ging, um ab 1928 für Arbeiterchöre und Agitproptruppen Lieder zu komponieren. Einer seiner engen Weggefährten war der bekannte Epiker Bertolt Brecht. Mit der Zeit entwickelte sich Eissler vom Komponisten zum Weltbürger und Revolutionär. Um diesen Mann zu verstehen, sollten wir ihm die Ehre erweisen und sein Leben Revue passieren lassen.

 

1898 wird Eisler als das dritte Kind des österreichischen Philosophieprofessors Rudolf Eisler und seiner Frau Ida Maria in Leipzig geboren. Eisler wuchs zwar in bildungsbürgerlichen, nach seinen Angaben aber in dürftigen Verhältnissen auf. Sein Vater kam aus einer jüdischen Bürgerfamilie und seine Mutter aus einer schwäbischen Bauernfamilie. Die finanzielle Lage der Familie ließ es nicht zu, dass Hanns Eisler Musikunterricht bekam oder auch ein Klavier besaß, somit musste er sich die musikalischen Kenntnisse im frühen Alter schon selber beibringen und auch seine ersten Kompositionen im Kopf durchführen. Eisler hatte zwei ältere Geschwister, die sich mit Politik beschäftigten: Zum einen Elfriede, die ältere Schwester, als Ruth Fischer bekannt, die in den 20er Jahren Vorsitzende der KPD war, zum anderen der ältere Bruder, Gerhart Eisler, der beim Rundfunk der DDR führende Funktionen hatte.

 

Als Eisler drei Jahre alt war, zog die Familie nach Wien, wo sie mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, da der Vater ein Atheist war und keine Stelle an der Universität in Wien bekam. Die drei Geschwister wurden zu Hause von ihren Eltern mit Musik konfrontiert und so schrieb Eisler mit zehn Jahren seine erste Komposition. „[…] Mein Studium begann eigentlich, als ich mir mit 10 Jahren aus Reclams Universalbibliothek eine allgemeine Musiklehre von Herrmann Wolff kaufte […], erzählte Eisler über seine Lehre. So gut sein musikalisches Talent war, so schwach war Eisler in der Schule. Die Schule interessierte ihn nie besonders, aber die Politik interessierte ihn in frühen Jahren. Somit trat er mit 14 Jahren in die Organisation der sozialistischen Mittelschüler und Albrecht Betz beschrieb ihn wie folgt: […] Eislers später berühmte Schlagfertigkeit und sein Witz, die ungewöhnliche Rasanz seiner Denk- und Sprechweise, die Lust an Divergenzen und Widersprüchen, dürfte er bereits im Sprechclub der sozialistischen Mittelschüler trainiert und ausgebildet haben.

 

Kriegszeiten

Als der letzte Krieg vorüber war,

gab es Sieger und Besiegte:

Bei den Besiegten das nied’re Volk hungerte.

Bei den Siegern hungerte das nied’re Volk auch.

 

Die das Fleisch wegnehmen vom Tisch,

lehren Zufriedenheit.

Die, für die die Gaben bestimmt sind,

verlangen Opfermut.

Die Sattgefressenen sprechen zu den Hungrigen

von großen Zeiten, die kommen werden.

 

Die das Land in den Abgrund stürzen,

nennen das Regieren zu schwer

für den einfachen Mann. (…)

 

Dieses Lied und weitere hat Eisler zur Kriegszeit komponiert und den Text schrieb Brecht. Die Kriegsjahre prägten stark Eislers Werke. Denn da Hanns Bruder Gerhart 1914 eine Antikriegszeitschrift herausbrachte, stand die ganze Familie aufgrund der politischen Einstellung unter Verdacht und wurde von der Geheimpolizei observiert. Hanns Eisler musste in ein ungarisches Infanterieregiment. Die Zeit war für Eisler körperlich sehr anstrengend, da er eine kleine Statur hatte. Der Grund, warum er gerade in einem ungarischen Regiment sein sollte, war einfach der, dass er kein ungarisch konnte und somit die Menschen um sich herum nicht manipulieren konnte. Jedoch konnte Eisler seine Freizeit dem Komponieren widmen und in den Jahren entstand unter anderem das oben aufgeführte Stück. 1918 konnte Eisler wieder nach Wien, fühlte sich jedoch zu Hause nicht mehr heimisch. Somit zog er in die Militärbaracken nach Grinzing, wo das halbe Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Ungarns gelebt haben soll.

 

Musik der Arbeiter oder „Kunst, um der Kunst willen“?

Nachdem er ein Konzert von Arnold Schöneberg besucht hatte, wurde er auch ein Privatschüler von ihm, der sein Talent erkannte und ihn ohne Honorar unterrichtete. Nach kurzer Zeit wurde er sogar Schönebergs Lieblingsschüler, obwohl er ein sehr strenger Lehrer war, und wohnte eine zeitlang bei ihm. So übernahm er zwei Wiener Arbeiterchöre, wie es Schönberg auch mal getan hatte. Zuerst den Chor der Wiener Siemens-Schnuckert-Werke und danach den Karl-Liebknecht-Chor.

 

Als er von einer Reise wieder nach Wien zurückkehren wollte, besuchte er seinen Bruder in Berlin und lernte dort Bertolt Brecht kennen, als er die Legende vom toten Soldaten sang. Zurück in Wien nahm er eine Tätigkeit im Wiener Verein für volkstümliche Musikpflege an und gab Arbeitern musikalischen Unterricht. Somit begann der Konflikt mit Arnold Schöneberg. Denn laut Schöneberg hatte Musik einen elitären Anspruch, so kam es, dass Eislers revolutionäre Ansicht auf die kleinbürgerliche Ansichten von Schöneberg traf. Eisler schrieb der Musik eine soziale Funktion zu, Schöneberg beharrte jedoch auf seiner Meinung L´art pour l´art (Die Kunst, um der Kunst willen).

Obwohl Eisler sehr erfolgreich war, blieb ihm der Aufstieg in Wien aufgrund seiner politischen Ansicht und Geschichte verwehrt und er ging nach Berlin. Dort wurde er Musikkritiker für die Rote Fahne und hielt Vorlesungen an der Marxistischen Arbeiterschule. In den nächsten Jahren prägten Eislers Werke proletarische Kampflieder für den Deutschen Arbeiter-Chor, der bis zu diesem Zeitpunkt Lieder sang, die herkömmliche Chöre auch sangen. Im Weiteren arbeitete er mit Karl Kraus und Ernst Busch zusammen. Die Zusammenarbeit mit Ernst Busch bewirkte eine weitere Verstärkung der Wirkung der Kampflieder. Eine der wichtigsten Zusammenarbeiten war das Solidaritätslied.

 

Vorwärts und nicht vergessen,

worin unsere Stärke besteht!

Beim Hungern und beim Essen,

vorwärts und nie vergessen:

die Solidarität!

 

Auf ihr Völker dieser Erde,

einigt euch in diesem Sinn,

daß sie jetzt die eure werde,

und die große Näherin.

 

Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber!

Endet ihre Schlächterei!

Reden erst die Völker selber,

werden sie schnell einig sein.

 

Nazis und Exil

1930 trafen sich Brecht und Eisler beim Kammermusikfestival erneut. Beide Männer überzeugt von ihrer Arbeit, fingen ab dem Zeitpunkt an, zusammen zu arbeiten. So entstand ihr gemeinsames Lehrstück „Die Maßnahme“, welches das erste große Werk für die Arbeitersängerbewegung war, denn bisher gab es nur einzelne Lieder. Als jedoch Hitler an die Macht kam, wurde viele Werke von Eisler und anderen Künstlern umgeschrieben, weil die Nazis erkannten, was für eine Agitationskraft die Arbeiterlieder hatten. So wurde aus der „Internationale“, die Hitlernationale. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ wurde als „Brüder, formiert die Kolonnen“ gesungen. Zu der Zeit war Eisler im Exil und äußerte sich aus Paris dazu. Deswegen folgten ein Verbot seiner Werke und die Beschlagnahmung aller Eisler-Noten in Deutschland. Eislers Musik wurde als entartete Kunst bezeichnet.

 

Von dort an wechselte Eisler immer wieder seinen Lebensstandort und traf sich erneut nach Jahren in den USA mit Bertolt Brecht, um die Arbeit weiterzuführen. In Amerika musste Eisler Werke schreiben, die ihm nicht zusagten: „Jetzt habe ich gerade einen idiotischen Schinken fertiggemacht, er heißt Spanish Main. Das ist reiner Unsinn, Schwachsinn etc. ich musste es des Geldes wegen machen“, so ist es in einem Brief von Eisler zu lesen. Doch auch dort wurde Eisler aufgrund seiner politischen Ansichten nicht in Ruhe gelassen. Trotz vieler Solidaritätsbekundungen, unter anderem von Albert Einstein, Thomas Mann und Pablo Picasso, bekam Eisler am 12. Februar 1948 die formelle Ausweisung. Damit waren 15 Jahre Exil zu Ende. Auch Brecht war schon zurückgekehrt und somit konnten sie wieder ihre Zusammenarbeit aufnehmen.

 

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er auch nach dem Tod Brechts in der DDR und kämpfte bis zu seinem letzten Atemzug für die Befreiung der Arbeiterklasse. Am 6. September 1962, dieses Jahr ist sein 50. Todestag, ist er in Ost-Berlin gestorben, aber seine Werke hat er uns als sein Erbe zurückgelassen. Noch heute ist Eisler einer der bedeutendsten Künstler der internationalen Arbeiterbewegung.

 

Und weil der Mensch ein Mensch ist,

Drum braucht er was zum Essen, bitte sehr!

Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt,

Das schafft kein Essen her.

 

|: Drum links, zwei, drei! 😐 Wo dein Platz, Genosse ist!

Reih dich ein, in die Arbeitereinheitsfront,

Weil du auch ein Arbeiter bist.

 

Und weil der Mensch ein Mensch ist,

Drum braucht er auch Kleider und Schuh!

Es macht ihn ein Geschwätz nicht warm

Und auch kein Trommeln dazu!

Drum links, . . . . (…)