Wie weit darf die Satire gehen?

Alev Bahadir

„Eine Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen und Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt“. Das ist laut dem Duden eine Satire. Satiren gelten heutzutage als intelligenter, oftmals auch geschmackloser Ausdruck der Kritik. Zwar sind sie selbst fast nie intelligent, werden jedoch bevorzugt von Intellektuellen gelesen. In den seltensten Fällen bleiben sie jedoch ohne Folgen.
Das aktuelle Beispiel beweist dies von Neuem. Der „Film“ mit dem Namen „Unschuld der Muslime“ ging in den letzten Wochen um die Welt. Zu sehen ist dort der Prophet des Islam, Mohammed, als Schürzenjäger, Pädophiler und vieles mehr, dargestellt. Das Kurzvideo sorgte für Ausschreitungen in der islamischen Welt. In Libyen, Ägypten, Afghanistan, Pakistan und weiteren Ländern, gingen die wutentbrannten Muslime auf die Straßen, um gegen das Video und deren Inhalte zu protestieren. In mehreren Ländern stürmten empörte Menschen amerikanische, britische und deutsche Botschaften, wie zuletzt im Sudan. Mehrere Menschen starben bereits bei den Ausschreitungen. „All das, wegen einem kleinen Video?“ möchte man sich fragen. Das Problem ist, dass es für die islamische Welt nicht nur ein „kleines Video“ ist. Allein die Darstellung des Propheten, ob auf einem Bild oder in einem Video, ist strengstens verboten, weil sich der Islam dadurch von einer „Götzenanbetung“ schützen will. Hinzu kommt dann auch noch die Art und Weise, wie Mohammed dargestellt wird, als lüsterner Schurke. Als im August diesen Jahres eine Jesuskarikatur in einer Ausstellung in Kassel zu sehen war, sorgte dies ebenfalls für Empörung und Proteste, natürlich nicht auf dem Level, auf dem es in der islamischen Welt geschieht, aber dennoch ging es soweit, dass der Künstler sie entfernen musste. Es gibt, auch im Internet, zahlreiche Stimmen, die nicht verstehen, warum ein, dermaßen schlecht gemachtes Video, für solche Furore sorgen kann. Natürlich kann man das so sehen. Könnte man rein theoretisch sogar über den Film lachen? Sicher könnte man dies. Wussten die Macher des Filmes jedoch nicht, was passieren würde, sobald das Video erscheint? Natürlich wussten sie es. Es kommt einem, wie ein trauriges Déjà-vu vor. Vor knapp sechs Jahren druckte die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ Karikaturen, die Mohammed als Terroristen zeigten. Auch damals gab es unzählige Krawalle und unzählige Tote. Damals genau das gleiche Szenario, wie heute. Viele forderten das Verbot des Videos oder der Karikaturen und eine Diskussion um die Meinungsfreiheit entbrannte.
Nun muss man sich doch unweigerlich der Frage stellen: Wie weit darf die Satire gehen? Wenn eine Satire oder Karikatur nicht mehr als Projektion politischer Probleme dient, sondern nur noch als Mittel zur Provokation und dabei Menschen das Leben kostet, ist sie eindeutig zu weit gegangen? Zwar distanzierten sich US-Präsident Obama und Außenministerin Clinton von dem Video, doch ist es doch eigenartig, dass es genau um den 11. September 2012 herum ins Scheinwerferlicht geschoben wurde. Trotz Ankündigungen oder Forderungen wurde das Video bisher nicht verboten. Man kann es sich auf „Youtube“ ansehen. Wahrscheinlicher ist, dass es jetzt, wo die Konflikte in Syrien immer stärker werden, genau passend für die Westmächte kam. Interventionen in den arabischen Ländern sind doch um so Vieles einfacher, wenn dort gerade Botschaften gestürmt und Menschen getötet werden. Ein großer Schritt näher zur Islamophobie. Denn auch die westlichen Würdenträger wissen, was Marx auch einst feststellte: „Religion ist das Opium des Volkes“.