Ein unsichtbares Objektiv – Walter Ballhause

Yasemen Ilhan

„Es geht um das Überleben der Menschen auf der Erde überhaupt. Darum: Nichts verwischen, aber alles Trennende beiseite schieben und alles Gemeinsame in den Vordergrund rücken. Das wünsche ich.“ So sprach Walter Ballhause, als er 1982 zum ersten Ehrenmitglied des Bundesverbands der Arbeiterfotografie berufen wurde. Bereits mit 20 Jahren fotografierte er als Amateur aber auch gleichzeitig arbeitsloser junger Mann sein Lebensumfeld, welches bereits vom aufziehenden Faschismus geprägt war. In seinen klar strukturierten Bildern ist deutlich zu erkennen, wie gut er die Merkmale der Zeit erkannt hat. Im vergangenen Jahr jährte Ballhauses 100. Geburtstag, deshalb werden ihm die diesjährigen Aktivitäten der Arbeiterfotografie gewidmet.

Walter Ballhause wurde im April 1911 in Hamel als jüngstes Kind eines Schuhmachers und einer Lederstepperin geboren. Er wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf und musste so schon mit frühen Jahren anfangen, zu arbeiten. Nach der Scheidung der Eltern zog er 1919 mit seiner Mutter nach Hannover und besuchte bis 1925 weiterhin die Volkshochschule. Im selben Jahr noch begann er bei der Firma Hanomag als Hilfsarbeiter sein Lebensunterhalt zu verdienen und beendete auch in diesem Betrieb 1929 erfolgreich seine Ausbildung zum Laboranten. Im Jahr 1929, welches er arbeitslos verbrach, wurde er Mitglied der SPD. Doch bereits nach zwei Jahren kündigte er dieses und gründete mit Otto Brenner die Ortsgruppe der SAP (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) in Hannover. Um diese Zeit begann Walter Ballhause neben seinen politischen Aktivitäten und seinem Beruf sein soziales Umfeld und den Alltag mit seiner Kamera festzuhalten. Doch dabei musste er auf eines stets Acht geben – seine entliehene „Leica“ musste, während er die Welt der Arbeitenden in der Zeit der wirtschaftlichen Depression und dem immer mehr wachsenden Faschismus fotografierte, unter dem Mantel versteckt bleiben. Denn als politisch „Linker“ in einer aufgeheizten Zeit der Aggression war er schon bereits im Visier der Gestapo. Eine Entdeckung hätte ihn als Person sehr gefährden können. So entstanden die meisten Werke Ballhauses versteckt und in Eile, aus Angst erwischt zu werden. Bereits als Amateurfotograf schuf er in Hannover von 1930 – 1933 in wenigen Jahren sein Hauptwerk. Kurz danach, gegen Ende 1933 wurde er durch die Gestapo für einige Monate verhaftet. Nach seiner Freilassung führte er seinen beruflichen Werdegang weiter und fing ein Studium zum Chemotechniker an und wurde schließlich 1944 Laborleiter in Plauen. Hier wurde er erneut verhaftet, mit dem Vorwurf, Kontakt zu antifaschistischen Zellen im Betrieb zu haben. Er landete im Gefängnis Zwickau, aus dem er April 1945 befreit wurde. Kurz darauf gründete er die Ortsgruppe Straßberg der KPD und wurde auch Bürgermeister der Gemeinde Straßberg. In all dieser Zeit begleitete ihn die Fotografie, so dass Ballhause eine Fotoserie über Flüchtlinge und Arbeiter anfertigte.

Durch seine Fotografie prägt Ballhause das Bild der Weimarer Zeit und des beginnenden Faschismus aus der Sicht des Betroffenen. Mit seinem Gespür für extreme Licht- und Schattensituationen erzielte er eine Spitzenleistung beim Erschaffen eines Panoramas gesellschaftlicher Not und Unterdrückung. Seine Bilder zeigen die Elenden, „…die Menschen in ihrer tiefsten Erniedrigung“ (Ballhause). Besonders das Sozialportrait der proletarischen Kinder seiner Zeit entwirft Ballhause auf seine eigene Art und Sichtweise. Seine frühe Kunst zum Fotografieren wurde jedoch erst in den 70er Jahren entdeckt und Ballhauses Werke zogen durch viele Ausstellungen von seiner Heimatstadt Hannover bis hin nach New York. Walter Ballhause starb im Juli 1991 in Plauen.