Intellektuelle fordern „Das Recht auf Weiterleben“

An dem Hungerstreik in den Gefängnissen der Türkei, aufgenommen von 63 politischen Gefangenen der PKK und PAJK am 12. September, sollen ab dem heutigen Tag insgesamt 10 000 politische Gefangene partizipieren. Dies kündigte Deniz Kaya, Sprecher des Hungerstreiks, in einer schriftlichen Erklärung an, welche am 04.November von der Nachrichtenagentur Firat (ANF) veröffentlich worden ist. Zuletzt betrug die Zahl der Hungerstreikenden etwas mehr als 700.

Der Hungerstreik von fast 700 politischen Häftlingen dauert seit mehr als 55 Tagen an. Die Regierung hat noch keinen Schritt in Richtung einer Lösung getan. 150 bekannte Intellektuelle, Autoren, Politiker und Akademiker haben mit einer Presseerklärung die Regierung aufgefordert, zu handeln, bevor die ersten Hungerstreikenden sterben. Der bekannte Autor Yasar Kemal kritisierte die Regierung mit den Worten „Sie werden eine Generation vernichten“. An der Presseerklärung nahmen neben Yasar Kemal viele bekannte Intellektuelle und Künstler teil.

Auch dieses Mal sind sie schuld!

Yasar Kemal sagte: „Wir haben bereits in der Vergangenheit solch etwas Schreckliches erlebt. Damals trug jeder Funktionär in der Regierung und im Staat die Verantwortung und die Schuld daran. Heute tragen sie ebenfalls die Verantwortung und die Schuld. In Zukunft werden die Väter und Söhne der jetzt betroffenen in Hungerstreik treten. Diejenigen, die dies jetzt nicht verhindern wollen, müssen dafür die Verantwortung übernehmen, dass sich eine ganze Generation in den Tod hungert.“

 

Die Isolation muss aufgehoben werden

Prof. Dr. Mehmet Bekaroglu wies darauf hin, dass die Äußerungen der Regierung besorgniserregend seien. Eigentlich könnte mit einfachen Schritten das Problem gelöst werden. „Diejenigen, die diese Schritte nicht einleiten, werden an den kommenden Todesfällen unter den Häftlingen verantwortlich sein. Die Verteidigung in der Muttersprache ist das natürlichste Menschenrecht. Wenn die kurdische Muttersprache nicht verboten wäre, hätten wir in der Vergangenheit nicht auf beiden Seiten 40-50 Tausend Menschen verloren.“, sagte Bekaroglu.

 

„Hört auf“ reicht nicht aus!

Zülfü Livaneli, bekannter Sänger, erinnerte sich an den Hungerstreik von 1996 mit diesen Worten: „Wir haben einen jungen Mann getroffen, kurz bevor er starb. Diese Erinnerungen sind für mich wie Albträume. Es ist auch nicht der richtige Weg zu sagen: „hör auf“.  Diese jungen Menschen sagen dann, die Sache, um die ich kämpfe, ist wichtiger als mein Körper. Unsere Ansprechpartner sind in dieser Situation die politisch Verantwortlichen, sind die Regierung und der Präsident. Die müssen einlenken und Verhandlungen starten.“

Der Dichter Murathan Mungan betonte, dass jeder Bürger des Landes in dieser Situation seine Stimme erheben müsse. Er beteilige sich für diejenigen, die keine Möglichkeit hätten, ihre Stimme zu erheben. „Wir können das Problem schnellstens lösen, wenn wir statt Wolkenkratzer den Grundstein für humanistisches Verständnis legen können.“, sagte Mungan. Stattdessen würde aber die Sprache von Rache und Hass geschürt, die sich in allen Lebensbereichen der Gesellschaft niederschlage. Es sei sehr traurig, dass aus den vielen Toten der letzten Jahre, keine Lehre gezogen worden sei und die Erklärungen der Regierung lediglich Öl ins Feuer gießen würden.

 

„Hungerstreik ist ein Schrei nach Dialog“

Adnan Özyalciner, Autor und Schriftsteller,  erklärte: „Der Hungerstreik ist ein Schrei nach Dialog, ein Schrei nach Leben mit der eigenen Muttersprache. Das Recht dieser Menschen nach Leben darf nicht ignoriert werden. Im Namen des Friedens und der Demokratie müssen die Forderungen dieser Menschen erfüllt werden. Es ist eine menschliche Pflicht, das Recht auf Leben zu haben und zuzugestehen.“

 

Mediziner sind ausgeschlossen

Der Vorsitzende der Berufsvereinigung der Mediziner, Özdemir Aktan, machte auf die zu erwartenden gesundheitlichen Probleme der Hungerstreikenden aufmerksam. Er erinnerte, dass bei den Hungerstreiks der Vergangenheit medizinische Kontrollen und Maßnahmen durchgeführt werden konnten, um den gesundheitlichen und körperlichen Schaden der Streikenden zu reduzieren. Aktan forderte das Justizministerium auf, seinen Berufsverband wieder in den Prozess einzubinden, damit die Häftlinge medizinisch betreut werden können, was bisher noch nicht geschehen sei.

 

Solidaritätsaktion von Künstlern und Musikern

Auch Künstler und Musiker haben eine Solidaritätsaktion mit den Häftlingen durchgeführt. Sie veranstalteten eine Sitzblockade auf dem Taksim Platz in Istanbul. Hier wurde eine Stellungnahme zur Situation verlesen. Es wurde betont, dass die kontraproduktive Haltung der AKP-Regierung in Bezug auf die Kurdenproblematik sich auch jetzt wieder zeige. Ebenfalls kritisiert wurden die Haltung und die Berichterstattung der Medien.