Er kam, zeigte sich und … ging wieder

Mit lautem Protest wurde er verabschiedet, der türkische Ministerpräsident Erdogan. Anlässlich seines besuches in Berlin protestierten Tausende gegen seine Innen- und Außenpolitik; Aleviten, Kurden, Armenier, politische Gegner hatten zu einer Kundgebung aufgerufen.

Erdogan jedoch brüstete sich mit dem wirtschaftlichen „Erstarken“ der Türkei und bot der EU finanzielle Hilfe an. Scheinheiligkeit ist nun mal nicht nur in der deutschen Politik verbreitet. Eher scheint das sogar ein grundsätzliches Problem aller Politiker zu sein, unabhängig von Nationalität und Religion. Sich teurer verkaufen, als man Wert ist, das schafft Erdogan immer wieder. Nicht zuletzt bewies er das mit den Wahlsiegen in der Türkei. Oberflächliche politische Schritte, die eine positive Entwicklung vortäuschen aber im Kern nichts anderes bedeuten, als eine kurze Verschnaufpause, bevor die Seifenblase zerplatz. Beispiel gefällig? Die kurdische Sprache ist auf Papier nicht mehr verboten, wird in der Türkei als „Wahlfach“ sogar in kurdischen Dörfern wöchentlich ganze (!) 2 Unterrichtsstunden angeboten. Aber 750 hungerstreikende Häftlinge, die sich vor Gericht auf kurdisch verteidigen wollen, bekommen dieses Recht nicht!

Anderes Beispiel vielleicht aus Deutschland? Kant und Goethe sollen wir verstehen können und Doppelsprachler sein. Aber ist es nicht der gleiche Erdogan, der sich darüber aufregte, dass türkische Kinder ihre Kultur nicht mehr kennen? Hatte er nicht uns ans Herz gelegt, wir sollen nicht vergessen, dass wir Türken sind und die Geschichte der Türken studieren? Sonst wäre das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit hatte er vor tobenden Anhängern in die Welt ausgeposaunt. Hatte er uns nicht sogar Bücher und Quellen genannt, die nichts als türkischen Nationalismus verbreitet und die Existenz von Kurden, Aleviten oder die Deportationen von Armeniern leugnen?

Erdogan kam und ging wieder und hinterließ nichts, außer bei uns die Gewissheit, dass er seine Ohren und Augen vor der politischen Realität  fest verschließt und keine wahre Veränderung will. Innen- wie außenpolitisch verfolgt er nur die Politik, sich und seine Partei zu profilieren und die Menschen vor seinen Karren zu spannen, um im Mittleren und Nahen Osten die erste Geige zu spielen. Einen positiven Aspekt hatte dieser Besuch ausnahmsweise schon: Auf die Frage, was mit den Hungerstreiks sei, antwortete er, dass nur ein einziger im Hungerstreik sei. Und somit fiel die Maske, auch wenn deutsche Medien darüber lieber schweigen.