Migrantinnenkonferenz: Arbeit und Gewerkschaft

„Wir wollen gemeinsam über unsere Arbeitssituation diskutieren und nach Lösungen suchen“– so formulierten die Teilnehmerinnen, ihre Erwartungen an die Konferenz „Arbeit und Gewerkschaft“, die am 18.11.2012 im Gewerkschaftshaus der IG Metall in Esslingen stattfand. Veranstaltet wurde die Konferenz von Frauengruppen in Baden-Württemberg des Bundesverbandes der Migrantinnen. Das Anliegen, eine Konferenz einzuberufen, in der zentral die Themen „Arbeit“ und „gewerkschaftliche Organisation“ diskutiert werden, existierte schon länger. Umso deutlicher war die Freude in den Gesichtern der Teilnehmerinnen zu erkennen, die nacheinander ins Gewerkschaftshaus eintrafen. In selbst organisierten Fahrgemeinschaften reisten sie aus unterschiedlichen Städten an: Aus Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, Geislingen, Ulm, Göppingen und München. Schließlich füllten über 70 Frauen den Saal, der bereits am frühen Vormittag vorbereitet wurde. Die Transparente waren befestigt, die Infotische zusammengestellt und das Buffet hergerichtet.

 

Bereits wenige Wochen vor der Konferenz krempelten die ihre Ärmel hoch. Es wurden Verteilaktionen vor den Betrieben durchgeführt, Infostände organisiert, Arbeitskolleginnen, Nachbarn und Freunde persönlich auf die Konferenz angesprochen. Eine davon ist Nurcan Batmaz. „Ich finde die Idee für eine Konferenz toll. In unserem Betrieb sprechen wir natürlich immer wieder über unsere Probleme. Aber darüber zu sprechen, was wir tun können, dass sich etwas verändern kann, finde ich ermutigend“, so Nurcan Batmaz, die seit 28 Jahren bei der Firma Bosch in Waiblingen arbeitet. Sie lacht, als sie erzählt, wie sie damals zu Bosch kam. „Ich habe eines Tages dort angerufen und gefragt, ob sie Leute einstellen. Mir wurde gesagt, ich soll morgen gleich vorbeikommen – und schon war ich drin“ und fügt hinzu „Heute unvorstellbar!“. Von Lohnunterschieden merkt sie in ihrem Betrieb eher weniger. Was die Bosch-Frauen einigt, ist die schwierige Vereinbarung von Arbeit und Familie. Noch vor Beginn der Frühschicht stehen sie in der  Küche, um das Essen für die Familie vorzubereiten. Nach Feierabend geht die Arbeit zuhause weiter. Die Übermüdung und der zusätzliche Druck im Betrieb durch Akkordarbeit treiben vor allem Frauen zu psychischer und körperlicher Belastungen. „Manchmal kommt es schon mal vor, dass wir die Maschinen für einige Sekunden ausschalten müssen, weil wir einfach zu müde sind“, schildert Nurcan die konkrete Situation im Betrieb und versprach an der Konferenz teilzunehmen. Sie kam, wie die anderen 70 Frauen an diesem Tag, die sich im Saal zusammengefunden hatten. Viele von ihnen sind bei der IG Metall und ver.di Mitglied oder gar nicht gewerkschaftlich organisiert.

 

Während einige in Vollzeit arbeiten, sind andere in Teilzeit oder in Minijob beschäftigt. Nur wenige üben keine Arbeit aus. Die heterogene Zusammensetzung der Teilnehmerinnen verdeutlichte, dass immer mehr Frauen arbeiten – jedoch in größerer Zahl in Teilzeit oder in geringfügiger Beschäftigung. Doch auch die Zahl der Vollzeit arbeitenden Teilnehmerinnen ist nicht zu unterschätzen, die in der Konferenz sichtbar wurde.

 

Und schließlich war es dann soweit. Hüsniye Yalcinkaya, Betriebsrätin bei Saxonia Göppingen und Elif Sari, Mitglied der Frauengruppe Stuttgart, eröffneten die Konferenz mit einer Begrüßungsrede. Darauf folgten die Beiträge von den Gewerkschaftskolleginnen Ilse Kestin (IG Metall Stuttgart), Christina Frank (ver.di Stuttgart), Isaf Gün (IG Metall Vorstand Frankfurt) sowie Sidar Demirdögen, Vorsitzende des Bundesverbandes der Migrantinnen.

 

In der anschließenden Diskussion wurde von den Teilnehmerinnen besonders die abwartende und stille Haltung der Gewerkschaften gegenüber den Verschlechterungen bei den Beschäftigten kritisiert. „Wir erwarten, dass die Gewerkschaften sich mehr für uns Frauen und Migrantinnen einsetzt und entsprechende Aktionen plant“, so die häufig formulierte Erwartung. Eine andere Teilnehmerin, Mitglied bei der IG Metall Esslingen und Kantinen-Beschäftigte bei Daimler, kritisierte ihre Gewerkschaft, die ihre Mitglieder bei Problemen allein lässt. „Trotz all der Kritik an unsere Gewerkschaften. Vergessen wir nicht, dass die Gewerkschaften nicht das Eigentum von wenigen Funktionären ist. Es liegt in unserer Hand, dass unsere Gewerkschaften sich für unsere Forderungen einsetzen. Nur wenn wir kämpferisch sind, können wir unsere Gewerkschaften auch zu kämpferischen Gewerkschaften machen“, so die Antwort einer anderen Teilnehmerin, die bei BMW in München arbeitet. Eine weitere Teilnehmerin berichtete anhand ihrer persönlichen Lage, wie die zunehmende Flexibilisierung ihren Alltag regelrecht auf den Kopf stellt. „Ich kann meinen Tag, meine Woche nicht mehr planen. Und das schlimme ist, ich kann nicht aus diesem Teufelskreis raus, weil ich auf das Geld angewiesen bin“, so ihre eigenen Worte zum Thema Minijob. Über insgesamt 5 Stunden diskutierten die Teilnehmerinnen gemeinsam mit den Gewerkschaftskolleginnen auf dem Podium, nahmen direkt Bezug zu Beiträgen anderer. Ihre Worte waren klar, offen und entschlossen.

Eindrucksvoll zeigten sie, dass sie – trotz der Wut über die Probleme, die sie als Minijobberin, Teilzeitkraft oder Vollzeitbeschäftigte erleben – nicht bereit sind zu resignieren.