Das Venedig Prinzip

Wenn es darum geht, in eine schöne Stadt zu reisen, ist zweifellos Venedig eines der ersten Städte, die zur Auswahl steht. Mit ihren Kanälen, Brücken und Palästen fasziniert die Stadt, die auf unzähligen Holzpfählen aufgebaut ist, fast jeden und ist mit keiner anderen zu vergleichen. Dass Venedig ihre Größe und ihren Glanz dem Handel verdankt, ist kein Geheimnis. Denn bereits um 1300 lebten hier fast 100.000 Menschen. Die Einwohnerzahl stieg mit der Zeit stetig und begann seit den 1970ern wieder zu senken. Früher sorgte noch die Pest dafür, dass die Stadt seine Bewohner verlor, doch heute ziehen die Menschen aus ganz anderen Gründen aufs Festland – die Stadt, die mittlerweile astronomisch hohe Mieten fordert, bietet ihnen keine Zukunft mehr. Der Dokumentarfilm „Das Venedig Prinzip“ von Andreas Pichler widmet sich gerade dieser Seite Venedigs, nämlich dem Dahinter. Pichler nimmt vor allem die Auswirkungen des Tourismus auf die Stadt unter die Lupe und kommt dabei zu einem recht eindeutigen Ergebnis: „Wenn nicht demnächst ein Umdenken geschieht, ist Venedig bald ein Freiluftmuseum – eben ohne Bewohner und einen eigenen Alltag.“

20 Millionen Touristen kommen pro Jahr nach Venedig, umgerechnet ca. 60.000 Besucher pro Tag. Die Stadt selbst hat ca. 55.000 Einwohner, wobei diese von Tag zu Tag weniger werden. Dass bei diesem Verhältnis ein alltägliches bzw. „normales“ Leben kaum möglich ist, scheint nicht ganz falsch zu sein. In Filmen oder in der Literatur ist Venedig meist ein Handlungsort, wie etwa bei „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von Nicolas Roeg oder bei Thomas Manns „Der Tod in Venedig“. Doch Pichlers Dokumentation zeigt nun keine Tote in Venedig, wie es einst in den Literarischen Werken mal war, sondern den Tod Venedigs selbst. Im Film kommen Einwohner der Stadt zu Wort und führen die Kamera durch ihr jeweiliges Venedig und erzählen mit Witz und auch immer wieder ein wenig Selbstironie aus ihrem Alltag –  auf der Gondel, auf dem Motorboot, oder beim Obststand. Dabei erzählen sie, warum man in Venedig bleiben sollte und wiederum warum es besser ist, lieber sofort zu gehen. Die meisten von ihnen müssen Teile ihrer Wohnung an Touristen vermieten, denn die extrem hohen Mieten sind für einen Normalsterblichen nicht mehr zu bewältigen – oder man besitzt das Eigenheim eben. Doch dann ergeben sich wiederum andere Probleme, die als ein Resultat von jahrelanger Vernachlässigung nun von Tag  zu Tag wachsen. Denn durch eine hervorragende Kameraführung fallen die bröckelnden Mauern und die stark vom Zusammenfall bedrohten Häuserreihen nun sehr auf. Aber auch die Art und Weise des Regisseurs, das tausendfach abgelichtete Venedig plötzlich mit einer ganz anderen Sichtweise dem Zuschauer näherzubringen, fasziniert einen sehr. Eine Szene beeindruckt dabei ganz besonders: Eines der großen Kreuzfahrdampfer lässt sich, vorbei an der Santa Maria della Salute, durch den Canal-Grande ziehen. Die Kirche wirkt jedoch plötzlich lächerlich klein im Vergleich zum vorbeiziehenden Riesen-Schiff – zu groß, als dass es die Stadt vertragen könnte. Doch kurz nach dieser Szene wird gezeigt, wie ein Kreuzfahrtunternehmer ankündigt, dass noch größere Fahrten geplant sind. Tatsächlich, es wird viel geplant – aber auch nur für den Tourismus. An das einheimische Volk wird gar nicht mehr gedacht. Was eine Stadt zum Leben braucht – Märkte, Schulen, Krankenversorgung – wird in Venedig den touristischen Angeboten geopfert. Nicht umsonst bezeichnet ein Einwohner die Stadt schon als Disneyland.

„Das Venedig Prinzip“ macht stark aufmerksam auf die noch größeren Probleme, die auf Venedig in wenigen Jahren zukommen werden, wenn weiterhin eben nur ein Prinzip verfolgt wird: Dass – nicht nur bei der Stadtentwicklung – häufig nur gewinnorientiert, aber zu kurz gedacht wird und dass genauso Städte und ganze Landschaften durch steigenden und unkontrollierten Tourismus komplett verändert und teilweise zerstört werden.