Kultur und Klassen

Yasemen İlhan

Dass die Lebensweisen der Menschen prägt, welchem sozialen Milieu sie angehören, wurde schon mehrmals durch Studien bewiesen. Denn Menschen entwickeln, je nach Schicht und das bedeutet auch nach Einkommen und beruflicher Tätigkeit, „kulturelle“ Gewohnheiten. Von Ess- und Trinkgewohnheiten und die Urlaubsreisen bis hin zur Teilhabe am kulturellen Leben sind die Interessen und bzw. Gewohnheiten abhängig davon, welcher gesellschaftlichen Klasse man angehört.

Psychologen der University of California haben in einer Studie, die in den Current Directions in Psychological Sciences erschienen ist, aufgezeigt, dass in den industriell hochentwickelten Ländern die Meinung vorherrscht, dass soziale Klassen sich zwar hinsichtlich des verfügbaren Geldes, aber sonst nicht so großartig unterscheiden. Diese Selbstverständlichkeit muss aber erst wieder durchbrochen werden. Denn diese Ansicht verwischt freiwillig auch die Privilegien und Benachteiligungen, da dadurch immer vorgegeben wird, jeder habe in einer angeblich offenen Gesellschaft im Prinzip dieselben Chancen, es käme nur darauf an, was man aus diesen macht und wie man sich selbst durchsetzt.

Deshalb glaubt man auch oft daran, dass nicht die soziale Herkunft bei der Teilhabe am kulturellen Leben eine Rolle spielt, sondern die ethnische. Doch sollte man sich wieder auf Studien beziehen, gibt es genügend wissenschaftliche Beweise dafür, dass das erstere der Wahrheit entspricht. Vor allem wenn es um die Teilhabe am kulturellen Leben von Menschen mit Migrationshintergrund geht, steht das feste Klischee, dass Migranten aufgrund der Kultur ihres Herkunftslandes weniger ins Theater oder in ein Konzert gehen. Wenn man aber bedenkt, dass ein sehr hoher Anteil den Menschen mit Migrationshintergrund aus Arbeiterfamilien stammt, erklärt sich das Ganze von selbst. Denn allein schon der finanzielle Aspekt dabei spielt eine große Rolle, geschweige davon, dass die Lebensbedingungen einem dabei gar nicht wirklich die Möglichkeit geben, nach 8-10 Stunden Arbeit in der Fabrik oder auf dem Bau, auch noch viel Zeit für „Kulturelles“ haben zu können. Vor kurzem erst ging es in einer Augsburger Tagung, die von zwei Wissenschaftlerinnen geführt wurde, darum, welchen Herausforderungen sich Kultureinrichtungen, die heutzutage ganz auf „Nutzer“ fixiert sind, aufgrund des Migrationsanteils in der Gesamtgesellschaft stellen müssen. Denn nach Vera Allmanritter, Freie Universität Berlin, ist auch ein Migrant, der in einem eher bürgerlichen Milieu lebt, „durchaus der Hochkultur“ zugeneigt, also ein ähnliches Verhaltensmuster vergleichbarer genuin deutscher Milieus aufweist. Aber nicht nur die Nutzung kultureller Angebote werden durch soziale Herkunft geprägt, sondern auch der Umgang miteinander. Denn ohne Zweifel fördert ein Leben in einer reichen sozialen Schicht die Individualisierung, weil hier die Menschen weniger auf zwischenmenschliche Beziehungen Wert legen bzw. legen müssen – schlicht und einfach auch, man kann sich eh alles „kaufen“. Von Solidarität ist dabei noch nicht mal die Rede.