Die Zukunft der Jugendpolitik?

Gespräche bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz

Wir hatten als Neues Leben die Möglichkeit auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz mit verschiedenen Jugendverbänden und Organisationen Gespräche über ihre zukünftigen Pläne zu führen.

 

 “Gute deutsche Unternehmen oder die Situation der Jugend?”

Florian, 21 Jahre alt, aus Kiel ist Mitglied des SDAJ-Bundesvorstandes (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend), dort in der Arbeiterjugend-Politik AG und Vorsitzender der JAV in seinem Betrieb.

 

NL: Was plant dein Verband im Jahre 2013?

Wir haben einen Schwerpunkt in bezug auf Arbeiterjugendpolitik. Für uns ist da vor allem wichtig, dass wir die Forderung nach einem gesetzlichen Verbot von Leiharbeit und Werkverträgen durchsetzen und dass wir in Tarifauseinandersetzungen für eine unbefristete Übernahme von Azubis, ohne Wenn und Aber, kämpfen. Da werden wir viel machen und versuchen, in die Tarifauseinandersetzungen, z.B. in die Metall- und Elektroindustrie und im öffentlichen Dienst, einzugreifen. An konkreten Aktionen stehen für uns die Pfingstcamps an. Die sind dieses Jahr regional. Es wird vier verschiedene geben:  Im Süden, Osten, Westen und Norden. Da freuen wir uns natürlich auch immer, wenn die DIDF-Jugend dort mit vertreten ist und sich mit einbringt.

NL: Du hast es eben angesprochen und wir haben auch im Jugendforum darüber gesprochen: Die Situation der Jugendlichen in Deutschland. Wie wird sie in den Medien dargestellt und wie sieht sie, aus der Sicht der SDAJ, tatsächlich aus?

Momentan wird es ja so dargestellt, als ob wir hier in Deutschland noch im Schlaraffenland leben, weil die Löhne noch, im Vergleich zu Südeuropa, relativ hoch sind und die Verarmung noch nicht so stark ist. Was wir jedoch auch sehen müssen, ist dass die Reallohnentwicklung, also das, was die Leute tatsächlich für ihre Arbeit kriegen, in den letzten 20 Jahren total rückläufig ist und dass die Mehrheit der Jugendlichen immer schlechtere Arbeitsverhältnisse hat, z.B. in Leiharbeit ist. Es sieht keineswegs so rosig aus. Es wird ja auch häufig so vermittelt: Die Jugend hat keinen Bock auf Politik. Das sehen wir anders. Wir glauben, dass es tatsächlich möglich ist, die Jugendlichen für politische Themen zu begeistern und wollen das mit möglichst vielen Anderen auch tun. Für uns ist es wichtig, dass wir setzen: Es geht um unsere Interessen. Uns geht es nicht darum, was gut für Deutschland oder für irgendwelche Unternehmen ist, sondern uns geht es darum, was für uns, als arbeitende und lernende Jugend, wichtig ist.

NL: Was meinst du, wie könnte man die Jugendbewegung in Deutschland, die ja im Gegensatz zu Südeuropa noch sehr schwach ist, langfristig stärken?

Wir müssen konkrete Kämpfe führen vor Ort. Das haben wir ja z.B. in den Bildungsstreiks, wo z.B. in NRW die Kopfnoten abgeschafft wurden. Da haben wir schon gesehen, dass etwas klappt, wenn man sich hinsetzt und an Themen weiterarbeitet. In diesen ganzen Kämpfen müssen wir aber auch immer das große Ganze, eine Gesellschaftsordnung nach unseren Interessen, einbringen. Dafür ist es sehr wichtig, das politische Bewusstsein zu schaffen.

 

NL: Danke für das Gespräch

 

 “Themen der Jugend müssen zu Themen der Gewerkschaft werden!”

Sebastian, 28 Jahre alt, Gewerkschaftssekretär bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt im Bezirksverband Bochum-Dortmund, ist dort zuständig für das Bauhauptgewerbe und den Jugendbereich

 

NL: Du hast eben schon das Thema prekäre Beschäftigung angesprochen. Wie sieht die Lage in Deutschland denn aus?

Wir haben allem Parteigeschwätz zum Trotz eine Prekarisierung. Wir haben immer mehr Menschen im Niedriglohnsektor. Wir haben immer mehr Menschen, deren Arbeits- oder Tarifverträge nicht eingehalten werden. Diese Tendenz ist durchaus steigend. Deshalb finde ich auch die Debatte immer wieder sehr zynisch, wenn es darum geht: uns geht es ja gut. Nein, uns geht es nicht gut. Wenn ich mir die Daten angucke, über das hinaus, was das Arbeitsamt uns gibt, kann ich feststellen, dass die Lage durchaus besorgniserregend ist, dass die Gesellschaft auseinander driftet.

NL: Hast du Beispiele, welche Bereiche besonders von prekärer Beschäftigung bedroht oder betroffen sind?

Das ist sehr unterschiedlich. Z.B. Maler-Lackierer-Handwerk wird über dem Bedarf ausgebildet. Da ist die Situation ganz anders, als in Teilen des Bauhauptgewerbes. Es gibt natürlich auch regionale Unterschiede. Die Situation ist einfach die: Ich würde keinen Handwerksbereich ausnehmen. Jeder, wirklich jeder Bereich ist von Prekarisierung betroffen. Jeder Bereich ist von unsicheren Lebensverhältnissen betroffen. Da ist kein Handwerksbereich sicher. Es stellt sich immer lediglich die Frage, wie gut sind die Kollegen organisiert und vernetzt vor Ort, um dagegen auch etwas tun zu können.

NL: Dagegen etwas tun, ist das Stichwort. Wie könnte man, deiner Meinung nach, die Jugendbewegung in Deutschland stärken?

Das ist eine Sache, die zum Einen eine zentrale Aufgabe der Gewerkschaftsjugend sein sollte. Und die ist ja immer noch sehr stark präsent. Wir haben 600000 bis 700000 Gewerkschaftsjugendliche. Man müsste die Gewerkschaften auch in Verantwortung nehmen, denn das muss man kritisch anmerken: Die Gewerkschaftsspitzen selbst geben den Jugendlichen noch nicht den Freiraum, den sie eigentlich bräuchten, um Sachen „radikaler“ voranzutreiben. Die väterliche Hand wird immer noch drüber gehalten und diese Hand müsste sich langsam mal ein bisschen lösen, um da auch neue Ebenen zu erreichen. Da sind auch alle linken Kräfte gefragt. Dass man wieder davon spricht: Wie kann ein Leben außerhalb oder nach dem Kapitalismus aussehen. Wie könnte der Weg dorthin sein.

NL: Wie würdest du diesen Weg den Jugendlichen näher bringen?

Das ist ein langer Prozess. Veränderung kommt nicht von heute auf morgen. Es ist Basisarbeit gefragt und es ist jeder Einzelne gefragt. Man muss raus gehen zu den Leuten und mit diesen direkt sprechen. Ganz wichtig ist auch das Zuhören. Der Grundsatz muss der sein, nicht unsere Themen zu den Jugendlichen zu tragen, sondern die Themen der Jugendlichen zu den Themen der Gewerkschaft zu machen. Etwas ganz Neuartiges zu machen. Leute immer wieder dazu einladen, aktiv mitzuwirken oder ihnen zumindest die Chance geben, mitzuwirken. Sich in dem Sinne zu öffnen und zu sagen: Ihr habt die Chance mitzuwirken. Wir laden euch dazu ein. Ihr habt die Chance etwas zu verändern und ihr könnt das auch.

NL: Danke für das Gespräch

 

 “Linke Jugendverbände müssen zusammen Kämpfen”

Kristin von der Linksjugend solid aus Hamburg ist dort Landessprecherin.

 

NL: Was sind eure Schwerpunkte im Jahr 2013?

Wir haben vor, uns in Bereichen, in denen wir jetzt schon aktiv sind, weiter zu engagieren. Wir werden unsere antimilitaristische-antiimperialistische Kampagne weitermachen, werden dort weiter an Schulen aktiv sein. Wir haben ein Bündnis mitgegründet zum Thema „Bundeswehr raus aus den Schulen!“. Da haben wir eine neue CD und neue Flyer produziert, mit denen wir versuchen, an die Schulen zu gehen und dort mit den SchülerInnen ins Gespräch zu kommen. Wir wollen weiterhin die Kollegen und Kolleginnen bei dem Streik von Neupack in Hamburg unterstützen. Da sind jetzt, mehr denn je, UnterstützerInnen gebraucht, wenn es darum geht, die Tore gegen Streikbrecher zu verschließen.

NL: Wie schätzt ihr die Situation der Jugend in Deutschland ein?

Natürlich werden hier die Arbeitslosenstatistiken, gerade auf Jugendliche bezogen, absolut beschönigt. Es gibt verschiedene Mechanismen in Deutschland, wie die Herrschenden in Politik und Wirtschaft es geschafft haben, das so darzustellen, als sei es ein ganz rosiges Bild. In den ganzen Statistiken tauchen auch die ganzen Leute nicht auf, die z.B. Ein-Euro-Jobs machen. Und diese ganze Deregulierung der Arbeitsplätze, Prekarisierung der Arbeit, über Lohnarbeit, Zeitarbeit, Werkverträge. Das führt alles dazu, dass sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse und Tarifverträge immer weiter zurückgeschraubt werden und immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse entstehen, was natürlich die Arbeitslosenstatistiken beschönigt. Das heißt aber nicht, dass es den Leuten besser geht.

NL: Obwohl es ihnen nicht besser geht, ist die Jugendbewegung in Deutschland eher schwach. Was müsste denn passieren oder was müssen die Jugendorganisationen tun, damit diese stärker wird?

Die Aufgabe von linken Jugendverbänden sind, denke ich, zu gucken, wo sind verschiedene Kräfte, die vielleicht Differenzen haben, die aber an wesentlichen Punkten zusammenarbeiten könnten, wie man sich da mehr zusammenschließen kann. Wir versuchen in Hamburg eine gute Kooperation mit der SDAJ hinzukriegen. Ich würde mich persönlich auch freuen, wenn wir mehr mit der DIDF-Jugend zusammen machen würden. Wir müssen gucken, wo Kämpfe stattfinden, die wir unterstützen können. Da gehört z.B. Neupack dazu. Aber wir müssen auch im Bereich des Bewusstseins, das Kämpfe überhaupt notwendig sind, einiges an Arbeit leisten. Ich bin der Ansicht, dass die Ideologie des neoliberalen Kapitalismus bei Jugendlichen auch zu einer Bewusstseinsveränderung beigetragen hat. Einerseits ist eine große Resignation da, das Vertrauen ist verloren gegangen, dass man etwas ändern kann. Teilweise haben die Leute so eine neoliberale Ideologie schon aufgenommen und finden es gut, dass sie deregulierte Arbeitsverhältnisse haben und sagen, sie seien flexibler. Wir müssen in diesem Punkt innerhalb der Linken auch viel bewusstseinsbildende Arbeit leisten, weil es auch in weiten Teilen von linken Gruppierungen kein wirkliches Klassenbewusstsein mehr gibt. Es gibt also viele ganz verschiedene Punkte, wo man ansetzen und dranbleiben muss, um so zu organisieren, dass Kämpfe wieder gestärkt werden.

NL: Danke für das Gespräch