Autorin Pinar Selek zu lebenslanger Haft verurteilt

Alev Bahadır

Seit fast 15 Jahren lebt die türkische Soziologin und Schriftstellerin Pinar Selek in einem ewigen Hin und Her. Am 9. Juli 1998 kam es auf einem Markt in Istanbul zu einer Explosion, bei der sieben Menschen starben und weitere 127 verletzt wurden. Selek, damals mutmaßliches Mitglied der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), wurde gemeinsam mit Abdulmecit Öztürk der Tat angeklagt und verbrachte zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Nach eigenen Angaben wurde sie dort gefoltert, unter anderem mit Elektroschocks. Bis heute ist es ungeklärt, ob es sich bei der Explosion tatsächlich um eine Bombe oder nur um einen Unfall mit einem Gasbehälter handelte. Daraufhin folgten Prozesse in den Jahren 2001, 2006 und 2011 in Istanbul, in denen Selek freigesprochen wurde. Sie lebte zwischenzeitlich in Berlin. Mittlerweile hat Selek ihren Wohnsitz in Straßburg, wo sie Politologie studiert. Die Prozesse wurden mit einem großen Medieninteresse verfolgt. So auch der 24. Januar diesen Jahres, als ein Istanbuler Gericht die Freisprüche aufhob und Pinar Selek damit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte. Das Urteil muss nun vom obersten Gericht der Türkei bestätigt werden. Die Zuschauer des Prozesses waren geschockt. Der Schriftstellerverband PEN-Zentrum nennt es eine „Prozessfarce“ und sagt dazu: „Der PEN protestiert aufs Schärfste gegen diese Gerichtsentscheidung, die massive Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Türkei nährt“. Der Autor Günther Wallraff, ebenfalls als Beobachter des PEN angereist, nannte es ein „Willkürurteil erster Güte“ und einen „Schauprozess“. Andere Zuschauer nannten den Richter bei der Urteilsverkündung einen „Faschisten“. Selek selbst war bei der Urteilsverkündung nicht anwesend, sondern in Frankreich. Sie erklärte nun, eben dort Asyl beantragen zu wollen. Der Nachrichtenagentur AFP sagte sie: „Es ist schwierig, aber ich werde bis zum Ende Widerstand leisten“. Bereits vor dem letzten Urteil machte die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen klar: „Es stellt neben der Verletzung des Rechts auf ein faires Verfahren auch zugleich einen erneuten Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Wissenschaft durch die AKP-Justiz in der Türkei dar“. Eine Tatsache, die man in den letzten Jahren verstärkt in der Türkei beobachten konnte. Die fadenscheinige Inhaftierung von Journalisten, Intellektuellen, Gewerkschaftlern, Künstlern, Anwälten und Politikern ist zur Tagesordnung geworden. 700 Schüler und Studierende sitzen momentan in türkischen Gefängnissen, aufgrund ihrer Forderungen nach einem fairen und freien Bildungssystem. Auch Pinar Selek ist ein Opfer der AKP-Schein-Justiz. Sie hatte sich vermehrt für die Rechte der Kurden und Armenier, sowie die der als Randgruppen angesehenen Homosexuellen, Prostituierten und Straßenkinder eingesetzt.  Aber Jeden, der sich in der Türkei regierungskritisch äußert, versucht eben diese mundtot zu machen. Das haben Pinar Selek und alle Anderen, die aus politisch motivierten Gründen inhaftiert sind, nicht verdient. Sie verdienen unsere Solidarität und vor allem die Freiheit.