Erneut ein verdächtiger Selbstmord beim Militär

 Der 20jährige EMEP-Funktionär Mazlum Aksu, der gerade seinen Militärdienst absolvierte, starb letzte Woche bei einem angeblichen Selbstmord. Diese Nachricht erhielt seine Familie mit einem Anruf aus der Kaserne in der Stadt Maden in der Provinz Elazig. Der Armeesprecher teilte mit, der junge Mann, der seit drei Tagen psychologische Probleme gehabt habe, habe sich mit einem G3-Maschinengewehr durch einen Schuss in die linke Schläfe getötet.

Die Familie Aksu mißtraut jedoch dieser Darstellung des Vorfalls. Der Vater Mahmut Aksu berichtete, er habe einen Tag vor dem Todesdatum mit seinem Sohn telefoniert und keinen Anlaß für vermeintliche Suizid-Absichten erkannt. Vielmehr habe Mazlum von Schikane und Drohungen seitens der Offiziere und Kameraden berichtet, weil er bei seinen Telefonaten kurdisch gesprochen habe. Er fragte, warum man seinen Sohn nicht behandelt hat, wenn man, wie behauptet, psychologische Probleme bei ihm erkannt habe. Auch sei sein Sohn kein Linkshänder gewesen und deshalb sei die Darstellung des Militärs unglaubwürdig. Die Familie kündigte an, dass sie eine Autopsie beantragen und vor Gericht ziehen werde, um den tatsächlichen Hergang des Todesfalles ermitteln zu lassen.

Nach Informationen des Vaters hatte Mazlum Aksu, der in fünf Monaten seinen Militärdienst beendet hätte, Urlaub bekommen. Auch bei diesem Besuch berichtete er seiner Familie und seinen Bekannten von den Schikanen und Drohungen durch die Offiziere. Auch einige seiner 25 Kameraden hätten ihm seine kurdische Herkunft vorgehalten und gesagt: “Ihr Kurdern seid alle gleich. Wir wissen, dass du auch ein PKK’ler bist.

Tarik Erkan von geschäftsführenden Vorstand der EMEP bezweifelt einen Selbstmord ebenfalls. Er habe sich vor einem Monat mit Mazlum Aksu unterhalten. Nach seiner Entlassung wollte er sich wieder dem Klassenkampf anschliessen. “Unseres Erachtens wurde er getötet, weil er ein Kurde und Mitglied unserer Partei war”, so Erkan.

Tolga Islam von der Initiative für Soldatenrechte betont, dass es in der türkischen Armee in letzter Zeit vermehrt Fälle von Selbstmorden gibt. Allerdings sei die Armeeführung auch bei diesen Selbstmorden nicht frei von Verantwortung. Es mache für die Initiative keinen Unterschied, ob jemand von Dritten erschossen oder zum Selbstmord getrieben werde. Nach Islams Einschätzung werden junge Menschen mit Waffen aufgerüstet, um anschliessend einem enormen Druck ausgesetzt zu werden. Dass es dabei zu Suiziden komme, sei nicht verwunderlich.

Der Fall Mazlum Aksu wurde inzwischen auch zum Gegenstand parlamentarischer Anfragen. Die BDP-Abgeordnete Mülkiye Birtane und der HDK-Abgeordnete Levent Tüzel reichten jeweils kleine Anfragen an die Regierung ein, in denen sie die Aufklärung des Todes von Mazlum Aksu forderten.

Im Zeitraum 2003-2012 wurden nach Informationen der türkischen Armee insgesamt 934 Selbtsmorde registriert. 230 davon geschahen in den letzten drei Berichtsjahren. Somit übertraf die Zahl der Suizidopfer die Zahl der bei Gefechten getöteten Soldaten, die bei 818 liegt. Auch die Informationen des Menschenrechtsvereins MAZLUMDER in İstanbul sprechen eine eindeutige Sprache. So wurden 2012 42 Suizid-Fälle beim Militär registriert. 39 der Opfer waren Kurden, ein Opfer war Armenier. Obwohl die Forderung nach Bildung von Ermittlungsausschüssen immer stärker gestellt wird, wurde hier kein konkreter Schritt unternommen. Die Staatsanwaltschaften und die Militärstaatsanwaltschaften, die für die Aufklärung der Suizidfälle verantwortlich sind, wimmeln nach Angaben von MAZLUMDER die eingereichten Anklagen ab oder lassen sie im Sande verlaufen.