Aus Wut und Enttäuschung wird Widerstand

Es ist nicht das erste Mal, dass die Kolleginnen und Kollegen der Firma ISE vor dem Aus stehen. Denn sie haben schon drei Insolvenzverfahren und fünf Eigentümerwechsel über sich ergehen lassen – das letzte Mal Anfang 2007. Über ein Jahr ging es hin und her. Im März 2008 wurde die ISE von Nordwind Capital, einem Private Equity Fonds, also einer „Heuschrecke“, übernommen.

Obwohl alle Seiten, die an dem Verfahren beteiligt waren, den Kolleginnen und Kollegen ‚hoch und heilig‘ das Blaue vom Himmel versprachen, kam es anders. Ein Blick auf ihre Webseite hätte gereicht, um festzustellen, was Nordwind Capital mit ISE vorhatte: „Das Engagement eines Private Equity Fonds ist in der Regel auf ca. drei bis fünf Jahre limitiert und soll den Investoren in diesem Zeitraum eine über dem Aktienmarkt liegende Rendite erwirtschaften.“

Damit wird klar, was Nordwind Capital vorhatte: Kaufen – nicht rentable Betriebsteile schließen und Leute entlassen – weiter Rationalisieren – und dann den ganzen Betrieb mit viel Gewinn weiterverkaufen.

Dass die Kolleginnen und Kollegen in diesen schwierigen Zeiten ihrem Betriebsrat und der Gewerkschaft vertrauten, kann man ihnen nicht verübeln. Aber dem Betriebsrat und der Gewerkschaft – in diesem Fall der IG Metall –, kann man schon verübeln, dass sie sich nicht gründlicher mit dieser Übernahme auseinandergesetzt und die Kolleginnen und Kollegen informiert haben.

Denn bei einer solchen Übernahme durch eine „Heuschrecke“ gehen die Angriffe auf die Belegschaft immer weiter. Schon während der Übernahme verloren hunderte von Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeit. Nordwind Capital versuchte von Anfang an, die Belegschaft mit eigenartigen Arbeitsverträgen hinters Licht zu führen (es gab fünf verschiedene Verträge, die man in kurze Zeit durchlesen sollte, um sich dann sofort für einen zu entscheiden).

 

„WIR WURDEN DIE GANZE ZEIT NUR VERARSCHT!“

Punkt 11 Uhr erwarten uns im Sitzungsraum des Betriebsrats der ISE Duisburg über dreißig Kollegen und drei Kolleginnen. Die Stimmung ist gereizt. Zunächst nimmt uns kaum jemand wahr; alle reden laut miteinander darüber, was wohl demnächst noch auf sie zukommen werde. Seit einigen Wochen ist bekannt, dass die ISE an Metalsa, einen mexikanischen Zulieferer für die Automobilindustrie auf der ganzen Welt, verkauft wurde. Der Betrieb in Duisburg wird dicht gemacht werden und Teile der Maschinenparks sollen nach Bergneustadt und nach Witten gehen. Höchstens ein Dutzend Kollegen sollen den Maschinen folgen.

Erst als der Betriebsratsvorsitzende Aydın Albayrak auf uns aufmerksam macht und mitteilt, dass Journalisten im Raum sind und jede/r seine/ihre Gefühle ausdrücken kann, damit es in der Zeitung erscheint, kehrt ein wenig Ruhe ein. Und weil es der 8. März, der Internationale Frauentag, ist, sollen die anwesenden Frauen den Anfang machen.

„Wie, über Gefühle reden?“ wirft ein Kollege in die Runde und sagt: „Das mach ich mit meiner Frau und doch nicht hier!“ Während alle laut lachen, legt der Kollege los: „Wir wurden die ganze Zeit nur verarscht. Nordwind Capital wusste von Anfang an, was sie machen werden. Aber dann kam die Krise und machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.“

 

„DA BLEIBT NUR DER GANG ZUR HARTZ IV“

Ein andere Kollege, etwas älter und hinten an der Wand, sagt, dass besonders die Älteren es schwer haben werden, wieder etwas zu finden. Alle schauen auf die älteren Kollegen, die im Raum sind und geben dem Kollegen recht. „Wer soll denn einen, der schon über 50 ist, einstellen?“ fragt einer empört. Er sollte wissen, dass man gerade im Raum Duisburg schon mit 40 Jahren zum alten Eisen gehört.

„Da bleibt nur der Gang zur Hartz IV“, sagt ein älterer Kollege hinter mir. Er ist 56 Jahre alt. Mit 33 hat er hier angefangen. 23 Jahre, das waren Jahre der Entbehrung, besonders die letzten fünf Jahre. Nordwind Capital hatte mit der IG Metall einen Standortsicherungstarifvertrag abgeschlossen, mit dem die wöchentliche Arbeitszeit in allen Werken um 2,5 Stunden ohne Lohnausgleich verlängert und das Weihnachts- und Urlaubsgeld um die Hälfte gekürzt wurde. Und die auf Zeitkonten angesammelten Plus-Stunden waren auch weg – einfach so! Die Kollegen und Kolleginnen haben damit samstags praktisch umsonst für die Firma gearbeitet. Lediglich 4 Euro Fahrtkosten wurden für Samstagsarbeit gezahlt; das Geld wurde auf ein Konto gezahlt, mit dem Arbeitsplätze erhalten werden sollten.

 

FÜR DIE SIND WIR DOCH KEINE MENSCHEN!

Im Standortsicherungstarifvertrag war festgelegt worden, dass Nordwind Capital im Falle einer trotz aller Versprechungen doch erfolgenden Betriebsschließung, die angesammelten Gelder an die Belegschaft auszahlen müsse. Wie es aussieht, werden die Kollegen jetzt einzeln dieses Geld einklagen müssen!

„Klagen“, sagt ein Kollege, „das muss man sich mal vorstellen. Das Geld, für das wir schon gearbeitet haben, müssen wir jetzt einklagen! Was ist das für ein Scheiß!“

Jetzt gibt es kein Halten mehr und alle bringen ihre Wut offen zum Ausdruck: „Für die sind wir doch keine Menschen.“ Ein anderer Kollege geht dazwischen: „Doch, für die sind wir Menschen, aber die Maschinen und das Geld, das Sie durch uns verdienen, sind denen noch wichtiger. Menschen sind denen keinen Cent wert!“

„Die haben doch keine Eier in der Hose“, sagt eine der anwesenden Kolleginnen. „Die können uns nicht mal ins Gesicht sagen, was sie genau vorhaben. Wir hören immer von anderen Stellen, was passieren wird. Genauso wie wir gehört haben, dass die demnächst (ab der 17. Woche) die Maschinen in die anderen Werke transportieren werden. Die haben keinen Mumm, die haben Angst davor, uns die Wahrheit ins Gesicht zu sagen!“

Angst haben sie, das ist seit einiger Zeit klar. „Seitdem feststeht, dass der Betrieb geschlossen wird, haben sie eine Security Firma angestellt. Die schützen die Maschinen vor uns! Die Maschinen, mit denen wir jahrelang unser Geld verdient haben, sollen wir jetzt kaputt machen?! Was für ein Quatsch! Wir wollen wie Menschen behandelt werden und hier weiter arbeiten“, sagt ein Kollege voller Zorn.

Ein Kollege vom Betriebsrat, im Blaumann: „Das ist schon hart, was wir hier alles erleben müssen. Die haben beim Pförtner sogar einen Aushang gemacht, auf dem steht, dass diejenigen, die keine Samstags-Schicht haben, nicht aufs Gelände dürfen. Wenn sie doch aufs Gelände gehen, werden sie von der Security hinausbegleitet! So weit geht das schon.“ Der Kollege scheint ein wenig ratlos zu sein.

 

WAS IST MIT DER SOLIDARITÄT, MIT DER GEWERKSCHAFT?

Es taucht die Frage auf, was die IG Metall zu dem Ganzen sagt, ob die anderen Werke mit Duisburg solidarisch sind und ob es Kontakte zu den großen Firmen gibt, die von Duisburg aus beliefert werden. Duisburg beliefert die großen drei der deutschen Automobilindustrie: Daimler, VW, BMW.

Der Betriebsratskollege im Blaumann muss erst mal innehalten, denn alle Anwesenden sind still und hören gebannt zu. Der Kollege sagt: „Ja, die IG Metall ist solidarisch, sie steht hinter uns.“ Es hört sich aber nicht so an. „Und die anderen Werke, die sind auch solidarisch.“ Als ein Raunen durch den Raum geht, korrigiert er sich: „Ich glaube, dass sie solidarisch sind, zumindest teils teils. Vielleicht 40:60.“

Ein Kollege ruft: „Wobei 40 für die solidarisch steht und nicht 60, falls überhaupt.“ Bisher gibt es allerdings auch keine richtigen Kontakte, also von unten aus. Zwischen den Werken werden nur Briefe über den Betriebsrat ausgetauscht.

Der Kollege Albayrak sagt noch, dass es unheimlich schwierig sei, z.B. an die Betriebsräte von Daimler ranzukommen. „Direkten Kontakt haben wir sowieso nicht. Über ihre Sekretärinnen versuchen wir, einen Gesprächstermin zur bekommen. Und das kann dauern.“

Einmal habe er den Betriebsratsvorsitzenden von Daimler in Düsseldorf am Telefon gehabt; auf den Hinweis, dass sie doch Teile aus Duisburg bekommen und… Bevor er den Satz noch zu Ende führen konnte, bekam er schon die Antwort: „Weißt du Kollege, es ist mir doch scheißegal, woher die Teile kommen. Hauptsache ist doch, dass sie kommen und dass das Band hier läuft. Was anderes interessiert uns doch nicht!“

Das soll sich jetzt aber ändern. In den nächsten Wochen sollen die anderen Werke besucht werden, mit allen, die hier noch übriggeblieben sind. Es soll auch klar gemacht werden, dass hinter den Zahlen 165+35 (soviele sind von ehemals 550 übrig geblieben, wobei 35 für Leiharbeiter steht), nicht nur Arbeitsplätze, sondern Menschen mit Familien stehen.

Ein türkischer Kollege erzählt auf Türkisch, dass keiner mehr eine Samstagsschicht schieben will, seitdem klar ist, dass die Bude geschlossen werden wird. Auch die Leiharbeiter sind mit den Festangestellten solidarisch und verweigern die Samstagsschichten. Und das trotz des Drucks, dem sie ausgesetzt sind. Sie können wegen Arbeitsverweigerung entlassen oder irgendwo anders weit weg eingesetzt werden.

Die Kolleginnen und Kollegen wollen sich jetzt an verschieden Demos, die überall stattfinden, beteiligen und auf sich aufmerksam machen, so auch an der Montagsdemo am 18. März. Was sie im Betrieb noch machen werden, das möchten sie erst mal nicht verraten: „Das bekommt ihr noch früh genug mit.“ Wir verabschieden uns: „Gut, wir sind darauf gespannt und hoffen, dass aus Eurer Wut doch noch Wiederstand wird.“

 

Von Serdar Derventli