Wohin die „Liebe“ zu gehen droht

Liebe. Ein Wort, das in aller Munde ist. In der westlichen Gesellschaft gibt es kaum einen Begriff, der abstrakter ist als jener. Es gibt viele Arten von Liebe. Die Liebe zu den Eltern, Geschwistern und dem Rest der Familie. Die Liebe zu anderen Menschen, also im Sinne der Nächstenliebe. Die Liebe zu vorgestellten Dingen, wie z.B. die Liebe zum Fußball, also zu Dingen, die man nicht klar fassen kann. Und natürlich gibt es auch die Bedeutung, wie Liebe am meisten verstanden wird. Die amouröse Liebe. Die Liebe zwischen zwei Menschen. Besonders in den letzten Jahren scheint dieser, ohnehin schon abstrakte Begriff immer mehr zu verschwimmen. Während man schon von Kindesbeinen an lernt, dass Liebe das erstrebenswerteste Gut sei, wird in der Gesellschaft jedoch etwas ganz Anderes vorgelebt. Mit der Liebe geschehen drei Dinge: sie wird missverstanden, pervertiert und sie wird konsumiert. In den 1960er Jahren und dem Jahrzehnt danach hat sich vor allem ein Begriff etabliert: die freie Liebe. Hier sollte die Liebe, als etwas gelebt werden, das frei von gesellschaftlichen Normen ist. Auch heute ist der Begriff der freien Liebe noch präsent. De facto wird die freie Liebe jedoch mit einer Sache verbunden: viele, wechselnde Sexualpartner. Natürlich darf man Niemanden vorschreiben, was er oder sie mit seinem/ihrem Körper macht, doch wäre es doch falsch, das Liebe zu nennen. Generell werden die Begriffe „Liebe“ und „Sexualität“ vermehrt synonym gebraucht. Jedoch sind diese beiden Worte nicht gleich zu setzen. Sie können voneinander abhängen, sind aber nicht das Gleiche. Also liegt hier ein Missverständnis vor. Gar nicht so unwahrscheinlich. Denn dieses Missverständnis hängt auch heutzutage sehr eng mit der Perversion der Liebe zusammen. Es beginnt so, dass die Medien, vor allem Heranwachsenden, ein falsches Bild von Sexualität und Liebe vermitteln. Im Fernsehen und Internet sind Jugendliche überschwemmt von unnatürlichen Menschen, Nacktheit und Pornographie. Das Bild, das man vom anderen Geschlecht bekommt, ist vollkommen verzerrt. Die Message ist die: Männer und Frauen können nur Eines miteinander tun. Wie soll ein Jugendlicher so ein gesundes Bild vom anderen Geschlecht bekommen und sich auf eine echte Beziehung mit einem echten Menschen einlassen? Hier liegt eine Pervertierung der Liebe vor. Zu guter Letzt wird die Liebe neben all der Schmach, die sie durch Missverständnisse und Pervertierung erleiden muss, auch noch konsumiert. Liebe ist, wie das meiste in dieser Gesellschaft, zur Ware geworden. An Geburtstagen, Jahrestagen, Weihnachten und am Valentinstag schenkt man im Namen der Liebe. Wer kein Geld für die Liebe einsetzt und sich diesen Tagen widersetzt, ist gesellschaftlich am Niedrigpunkt. Auch muss man viel Kapital einsetzen, um die Liebe überhaupt zu finden. Partnerbörsen sollen helfen den perfekten Traumpartner zu finden. Jedoch kostet das alles Geld. Einen Partner durch persönlichen, echten Kontakt zu finden, scheint schier unmöglich. Also wird Liebe verschenkt und erkauft. Liebe ist eine Ware geworden. Liebe wird konsumiert.

Das also ist die Liebe. Zumindest was mit ihr geschieht. Die Liebe, die man sich immer vorgestellt hat, hat kaum noch Luft zum Überleben in dieser Gesellschaft. Auch hier gibt es eine Spaltung. Mann und Frau werden von einander entfremdet. Jedoch kann man dieser Entfremdung auch trotzen. Man kann eine Liebe finden, die nicht missverstanden, nicht pervertiert und auch nicht konsumiert wird. Eine Liebe zwischen zwei Menschen, die ihr Leben miteinander teilen wollen und einander respektvoll behandeln. Dies ist doch die Kernessenz der Liebe. Irgendwie doch ganz einfach. Jedoch muss den Menschen klar sein, welchen Weg die Liebe zu gehen droht. Das Bewusstsein muss geweckt werden. Erst mit einem Bewusstsein kann man sich dem gesellschaftlichen Verkommen der Liebe entgegenstellen und wirklich lieben.

 

Alev Bahadır