Ein historischer Newroz!

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Die Forderung nach Frieden, die mit der „Botschaft Öcalans“ und der Newroz-Begeisterung verbunden wurde, erreichte ihren Gipfel am 21. März beim Newrozfest in Diyarbakir. Auf dem Newroz-Platz in Diyarbakir fanden sich bisher nicht dagewesene Menschenmengen und internationale Delegationen ein.

Man spricht von über einer Million Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Und wenn jemand von zwei Millionen Teilnehmern sprechen würde, würde niemand auf die Idee kommen, zu sagen: „Nein, so viele waren’s nicht!“ Denn der Platz füllte sich mit einzelnen Menschen, sondern mit einer Menschenmenge, die die gemeinsame Stimme des Friedens sprachen und den Wunsch nach Frieden von Abermillionen Menschen, die an diesem Tag nicht da waren, nach Diyarbakir getragen haben.
Es war eine große Menschenmenge, die noch nie dagewesen ist. Aber selbst diese große Menge reicht nicht aus, um zu zeigen, wie groß der Wunsch des kurdischen Volkes nach Frieden ist und wie stark es diesen Wunsch verinnerlicht hat.

Die Floskel „unbeschreiblich“ passt wohl am besten auf diese Situation. Nach der Verlesung des Briefs von Öcalan wurde deutlich, dass sein Aufruf mit den Forderungen der versammelten Menschenmenge übereinstimmt. Als würde er auf die rassistischen und chauvinistischen Kreise eine Antwort geben, unterstrich Öcalan die Brüderlichkeit aller Völker in Anatolien. Zudem betonte er, wie die kurdischen Kräfte sich in naher Zukunft positionieren sollten.

In seiner langen Botschaft sprach er von einer „gemeinsamen Heimat“, einer „demokratisch werdender Türkei“, vom „Rückzug bewaffneter Kräfte bis zum kommenden Juni“, von der „Niederlegung der Waffen und Orientierung auf den politischen Kampf“. Er nannte in seinem Brief Themen wie die „Grenzen zum Ende des Osmanischen Reiches“ und dem „Grundgesetz aus dem Jahr 1924“. Beides könne als Grundlage für einen neuen Lösungsansatz bei der kurdischen Frage dienen. Somit machte er deutlich, wonach die kurdischen Kräfte ihre künftige Strategie ausrichten sollten.

Doch zurück zum Newroz-Platz in Diyarbakir: Hier standen zwei Forderungen im Vordergrund, die dem Newroz-Fest ihren Stempel aufgedrückt haben. Auf der einen Seite die Forderung nach Frieden, der auch der von Öcalan geforderten „Neuen Türkei“ zugrunde liegt. Auf der anderen Seite nahm die Forderung nach „Freiheit für Öcalan“ einen wichtigen Platz ein. Es wurde deutlich, dass sich die Kurden mit der Inhaftierung ihres Führers nicht mehr abfinden wollen. Für sie sind beide Forderungen sehr eng miteinander verknüpft. Aus ihrer Sicht kann die eine ohne die andere nicht realisiert werden. Deshalb scherte sich keiner um die Drohung des Innenministers Güler, der am Vorabend daran erinnerte, dass das Tragen von Öcalan-Porträts eine Straftat sei, die nicht unverfolgt bleiben werde.

Und auch die Regierung muss erkennen, dass sie nicht mehr zweigleisig fahren kann. Wenn sie einerseits am Krieg gegen Kurden unter dem Vorwand der Bekämpfung von “Terrorismus“ festhält und andererseits wie angekündigt jedes Risiko aufnehmen möchte, um das  Blut- und Tränenvergiessen zu beenden, wird sie scheitern. Und sie muss einsehen, dass sie damit in die Hände von MHP und anderen rassistischen und chauvinistischen Kräften spielt.

Das Newroz-Fest in Diyarbakir zeigt, dass der Wunsch des kurdischen Volkes nach Frieden alles andere überragt. Er ist die Kraft, die ein Volk trotz 30 jahrelanger Unterdrückung an ihrem Widerstand festhalten und zu Hunderttausenden auf den Newroz-Platz strömen lässt. Deshalb sind seine Begeisterung und der Aufruf Öcalans das Zeugnis dafür, dass die seit 30 Jahren verfolgte und auf Blut vergiessen basierende Politik mit all ihren Stützen völlig gescheitert ist und am Boden liegt. Heute sind die Möglichkeiten größer, mit denen der wahre Frieden und eine demokratische Türkei installiert werden können. Heute haben beide Völker viel mehr Argumente, warum sie für die wahre Brüderlichkeit, ihr gemeinsames Schicksal und ihre gleichberechtigte Einheit eintreten sollen. Und heute gibt es viel mehr Gründe dafür, warum sie gemeinsam kämpfen sollen.

 

 İhsan Çaralan

 

Wir werden diesen Prozess entschieden umsetzen

Murat Karayilan vom Exekutivrat der KCK (Union der Gemeinschaften Kurdistans) erklärte bei einem Newroz-Fest im syrischen Qamishli, seine Organisation werde den vom PKK-Führer gestarteten Prozess entschieden umsetzen. Nach einer Meldung der kurdischen Nachrichtenagentur ANF sagte er, der diesjährige Newroz sei in einem „historischen Stadium“ begangen worden. Karayilan sagte weiter: „Der kurdische Freiheitskampf hat im gesamten Kurdistan ein sehr wichtiges und sensibles Stadium erreicht. Der Erfolg des Kampfes der Kurden in Syrien führte dazu, dass Öcalan diesen Aufruf startete, um den Kampf auch in Nordkurdistan zu beschleunigen.“

Nach Karayilan bieten die aktuellen Bedingungen und vorhandenen Möglichkeiten genügend Kraft, um Kurdistan mit Freiheit auszustatten. „Wir sind aber nicht für einen Krieg unter allen Bedingungen. Wenn die betreffenden Staaten dazu bereit sind, möchten auch wir auf friedlichem Weg Kurdistan befreien. PKK ist bereit zum Frieden, aber auch zum Krieg“, so Karayilan. Vor diesem Hindergrund seien sie entschlossen, den vom PKK-Führer Öcalan gestarteten Prozess umzusetzen. Dieser sei ein Kampf, der alle Teile Kurdistans umfasse. Die Führung möchte in diesem neuen Prozess die kurdische Frage in allen Teilen zur Lösung führen. Die kurdische Frage stehe auf jeden Fall kurz vor der Lösung.

 

 Erdoğan: Öcalans Botschaft ist wichtig

Der Ministerpräsident Tayyip Erdoğan wertete den Aufruf von Abdullah Öcalan an die bewaffneten PKK-Einheiten, sich zurückzuziehen, als eine „positive Entwicklung“. Nach seiner Ansicht sei es jetzt wichtig, wie dieser Aufruf in die Tat umgesetzt werde. „Wir möchten schnellstmöglich sehen, wie der Aufruf umgesetzt wird. Der Aufruf enthält viele Forderungen, die auch wir seit Monaten stellen.“ Erdoğan forderte die PKK auf, die Waffen niederzulegen. In diesem Fall würden die türkischen Streitkräfte keine Operationen mehr durchführen. Mit Beginn der praktischen Umsetzung würde im Land ein neues Klima entstehen.

Er kritisierte das Fehlen von türkischen Fahnen bei der Newroz-Feier in Diyarbakir. „Wir meinen, man hätte auch türkische Fahnen tragen müssen. Das Fehlen widerspricht dem Geist des Aufrufs und ist eine Provokation“, so Erdogan. Er sagte, auch Öcalan habe sich für eine Nation ausgesprochen.