„Für uns stehen Kinder und Jugendliche im Vordergrund!“

0101jugendamt2

Wir hatten in unserer letzten Ausgabe bereits berichtet, dass in türkischen Medien Diskussionen über „türkische Jugendliche in christlichen Pflegefamilien“ diskutiert werden, in denen behauptet wird, dass bis zu 6000 türkische Jugendliche in christlichen Pflegefamilien untergebracht wären. „Die türkische Politik fordert neue Massnahmen, um diese Situation zu ändern“. Das war für uns Grund, um in einer deutschen Großstadt mal nachzuforschen, wie die Situation denn endgültig ist. Herr Klaus-Peter Völlmecke, Stellvertretender Jugendamtsleiter der Stadt Köln hat unsere Fragen beantwortet.

Neues Leben (NL):  Können Sie uns kurz das System der Pflegefamilien erläutern?

Klaus-Peter Völlmecke (KPV): In Deutschland arbeiten wir  als Jugendamt auf der Grundlage des Kindes- und Jugendhilfegesetzes. Dieses Kinder- und Jugendhilfegesetz gebietet uns, den Eltern als Erstes Unterstützung bei Problemen anzubieten, die dazu dienen, dass die Kinder im Haushalt der Eltern weiterleben können. Erst wenn wir eine Situation haben, dass das Kindeswohl nicht mehr gewährleistet ist und die Eltern aus der Situation der Überforderung oder aus anderen Gründen nicht mehr in der Lage sind, die Kinder bei sich zu behalten, dann kann es auch zur Herausnahme kommen. Grundlage für eine Herausnahme ist immer eine familiengerichtliche Entscheidung, d.h. das Jugendamt entscheidet das nicht alleine, auch schon gar nicht willkürlich, sondern es wird vor Gericht verhandelt, da können die Eltern ihre Sichtweise darstellen, das Jugendamt ihre Sichtweise darstellen und dann entscheidet das Familiengericht, ob ein Kind bei den Eltern bleibt oder nicht.

 

NL: Wie viele Kinder und Jugendliche in Köln sind davon betroffen?

KPV: Unterstützung bekommen jetzt im laufenden Jahr ungefähr 7.000 Familien. Mit diesen Familien sind wir in Kontakt und haben Hilfen eingerichtet, die dazu dienen, die Familie zu erhalten. Wir haben aber auch Fälle, in denen wir Kinder außerhalb der Familie betreuen. Das findet entweder in Pflegefamilien statt oder eben auch in stationären Einrichtungen. Uns ist dabei immer lieber, den Kindern einen familiären Rahmen zu bieten, deswegen: Je jünger die Kinder sind, desto eher suchen wir eine Ersatzfamilie.

 

NL: Wie viele Kinder und Jugendliche sind bei Pflegefamilien untergebracht?

KPV: Wir haben hier in Köln im Moment ungefähr 6-700 Kinder in Pflegefamilien und wir haben ganz aktuell, weil wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, auch für uns noch mal erhoben, wie die Situation türkischer Kinder in Köln aussieht. Wir haben dabei festgestellt, dass im laufenden Jahr nur ein türkisches Kind mit muslimischem Hintergrund in einer christlichen Familie untergebracht wurde. Aber auch ein Kind mit christlichem Hintergrund ist in einer muslimischen Familie untergebracht. Insgesamt haben wir in 60 Fällen tatsächlich „familiäre Pflegefamilien“ gefunden, d.h. Pflegefamilien im familiären Umfeld, dass sind Tanten oder Onkel, Brüder, Schwestern, die hier einspringen und die Kinder dann in der Familie unterbringen. Das ist uns auch lieber so.

 

NL: In Köln sind also insgesamt 60 Türkeistämmige bei nahen Verwandten untergebracht?

KPV: Ja, es sind in Köln 60 Kinder aus türkischen Familien in sogenannter Familienpflege untergebracht, d.h. innerhalb der Großfamilie. Und noch mal, uns ist diese Lösung lieber, wir freuen uns darüber, wenn sich so was anbietet, weil das für die Kinder die schönere Lösung ist und daran arbeiten wir und haben Interesse daran, dass es den Kindern gut geht.

 

NL: Es gibt bestimmte Kriterien für Pflegefamilien. Nicht jeder kann ein Kind zur Pflege bekommen. Überwachen Sie auch diese Familien?

KPV: Selbstverständlich. Wir haben die Aufgabenstellung, dass die Pflegefamilien in unserem Auftrag tätig sind und wir in regelmäßigen Abständen mit den Familien Gespräche führen auch immer mit der Frage, muss es noch bleiben oder kann man nicht auch zurück zu den Eltern. Das wird immer wieder regelmäßig überprüft. Mir ist es noch mal wichtig zu betonen, dass wir als Jugendamt hier in Köln mit einer Vielzahl von Familien zu tun haben, auch aus unterschiedlichsten Nationen. Wir haben in Köln 108 Nationen vertreten. Es kommen aus allen Nationen auch Familien auf uns zu. Wir bearbeiten und prüfen die Familien alle gleich, nach gleichen Grundsätzen. Wir machen keine Unterschiede in Hinblick auf Hautfarbe, Religion, Nationalität oder geschlechtlicher Orientierung.

 

NL: Stellt die Nationalität der Pflegefamilien ein Problem für die Kinder dar?

KPV:  Nein. Wir haben keine nationalspezifische Themenstellung, sondern wir können eigentlich feststellen, dass es viele Überschneidungen bei der Kindererziehung sowohl in einer deutschen Familie, in einer türkischen Familie als auch in einer russischen Familie gibt. Man hat Probleme, man hat zu bestimmten Lebensaltern spezifische Probleme und die kommen in allen Familien vor. Wir haben das Thema „psychische Erkrankung der Eltern“ oder „Ausfall der Eltern“, weil eine körperliche Erkrankung vorliegt und die sich nicht mehr um die Kinder kümmern können, das Thema „Alkohol“ und das Thema „Häusliche Gewalt“. Das sind alles Themenstellungen, die national unspezifisch auf uns zukommen und die wir nach gleichen Grundsätzen bearbeiten.

 

NL: Kommen die Kinder, die vom Jugendamt unterstützt werden, aus „Problemfamilien“?

KPV: Ich würde das vom Grundsatz her nicht als „Problemfamilie“ bezeichnen, sondern erstmal eine Familie mit Problemen. Die können situativ sein und können sich nach einer Zeit auch regeln. Und wenn wir helfen können, dann tun wir das auch, damit die Eltern und die Kinder wieder zusammenkommen können. Wenn sich aber abzeichnet: da ist dauerhaft keine Situation für die Kinder gegeben, dann bringen wir die Kinder dauerhaft in anderen Familien unter.

 

NL: Die türkische Presse spricht über eine türkische Familie, deren drei Kinder willkürlich vom Jugendamt weggenommen wurden: Die Familie wolle das Jugendamt verklagen.

KPV: Wir haben davon Kenntnis genommen, dass die türkischen Medien darüber berichtet haben. Wir haben es bedauert, dass wir nicht gefragt worden sind, unsere Sichtweise darzustellen. Ich freue mich sehr, dass ich das jetzt tun kann, denn wir haben die Situation gehabt, dass wir Kenntnis von dieser Familie erhalten haben von Dritten in Hinblick auf die Wohnsituation. Wir haben bei unserer Prüfung eine Wohnung vorgefunden, die vollkommen verschimmelt und vermüllt war und wir sagen mussten, dass da kein Kind, aber auch keine Erwachsenen wirklich übernachten oder sich überhaupt aufhalten, können. Unsere Aufgabe ist es, die Kinder sicherzustellen. Und das haben wir getan. Wir haben den Eltern allerdings auch sofort gesagt, sie können ihre Kinder sofort zurückbekommen, wenn sie eine entsprechende Wohnsituation vorweisen können, wo die Kinder auch leben können.

 

NL: Das Problem ist aber noch nicht gelöst.

KPV: Meines Wissens ist die Situation die, dass die Eltern im Moment auf der Suche sind nach kurzfristigen Unterbringungsmöglichkeiten und mein Stand ist, dass die kurzfristige Lösung noch nicht gefunden worden ist.

 

NL: Wir wissen, dass es in allen Bereichen Sparmaßnahmen gibt. Wie beeinflusst die Sparmaßnahmen die Jugendarbeit?

KPV: Wir haben Moment die Situation, dass der Stadtrat in den kommenden Wochen über den Haushalt für das Jahr 2013 und 2014 beraten und verabschieden muss. Da sind alle Arbeitsbereiche der Stadtverwaltung aufgefordert, zur Haushaltskonsolidierung beizutragen. Wir mussten als Jugendamt dazu auch Sparbeiträge benennen, was wir sehr bedauern. Ich kann allerdings sagen, dass wir die Situation haben, dass wir allen Eltern und Familien hier in Köln, die sich hilfesuchend an uns wenden, die bedarfsgerechte Hilfe auch gewähren können.

 

NL: Was können Sie türkischstämmigen Eltern und Jugendlichen im Hinblick auf das Jugendamt  empfehlen?

KPV: Der Wunsch, den ich für das Jugendamt in Köln habe, ist, dass sich die türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Kinder und Probleme haben, sich vertrauensvoll an das Jugendamt wenden können. Wir sind dafür da, diese Familien zu unterstützen und ihnen zu helfen und nicht die Kinder wegzunehmen, das ist nicht unser Ziel. Ich würde mir weiterhin wünschen, dass wenn türkische Medien über Sachverhalte hören, sich auch tatsächlich vor Ort in den Jugendämtern erkundigen, wie ist tatsächlich die Situation. Wir stehen gerne mit Zahlen und Fakten zur Verfügung.