Leserbriefe aus der Basis

 Uns haben Leserbriefe von verschiedenen Kolleginnen und Kollegen erreicht, die wir teilweise leicht gekürzt veröffentlichen wollen. Es handelt sich dabei um „Offene Briefe“ der Kolleginnen und Kollegen, die bei WMF oder ihrer Tochterfirma proLOG GmbH beschäftigt sind und einen guten Überblick über die Diskussionen der Firmenleitung und die Position der Gewerkschaften gegen die geplanten Angriffe auf die Entlohnung wiedergeben. Diese wurden an die Geislinger Zeitung (GZ) geschickt und auch dort abgedruckt. Aus den Briefen geht hervor, dass die WMF samt ihrer Tochterfirmen enorme Gewinne einfährt, aber den Hals nicht voll bekommt und durch massive Kürzungen und Rechteabbau die Profite noch weiter erhöhen will.

 

 Starke Lohneinschnitte bei hohen Gewinnen kaum zu begründen

Sehr geehrter Herr Czypulovski, vor ein paar Tagen wollten Sie pauschal eine Kürzung auf 1600 Euro brutto vornehmen und diese Aktion bis Ende April „voll durchgezogen“ haben. Nun ist laut Ihrer Mitteilung vom 21. März 2013 eine (einseitige) Kürzung des Lohnes auf zehn Euro pro Stunde nicht möglich. Da stellt sich die Frage: Woher kommt der Sinneswandel? In Ihrer Mitteilung vom 21. März 2013 gaben Sie nun an, zu einer Reduzierung der Unsicherheiten beitragen zu wollen. Aber weshalb nur zu einer Reduzierung? Warum werden nicht alle Unsicherheiten abgeschafft?

Wenn Sie eine Arbeitszeiterhöhung auf 40 Wochenstunden wollen, warum wollen Sie diese Zeit dann nicht bezahlen? Wenn, wie Sie es wollen, der Jahresurlaub gekürzt wird und Tariferhöhungen nicht mehr gezahlt werden, wie schnell und wie nah kommen wir denn dann rechnerisch doch wieder an die Zehn-Euro-Grenze? Im Jahr 2008 wurde den Mitarbeitern der WMF ab einem Lebensalter von 60 Jahren eine 35-Stunden-Woche fest zugesagt. Was ist aus dieser festen Zusage geworden? Zählt sie nicht mehr, weil Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Unternehmen tätig waren?

Sie verlangen eine Arbeitsleistung ohne eine entsprechende Vergütung, und Ihr Druckmittel ist der Arbeitsplatz. Sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich den Änderungen fügen aus Angst, sonst ihren Arbeitsplatz zu verlieren? Deshalb frage ich Sie: Was passiert denn, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht gewillt sind, den Forderungen nachzukommen?

Dr. Flohr sagte in einem Zeitungsinterview: „Wir wollen gemeinsam einen Weg suchen, der es ermöglicht, dass eine Hilfsfunktion wie die Logistik in der WMF verbleibt.“ Meinte er mit „gemeinsam“ Sie und sich selbst oder auch die Mitarbeiter: Denn die Mitarbeiter wurden bis jetzt noch nicht wirklich gefragt, ob sie a) mehr Stunden arbeiten wollen, ohne dafür bezahlt zu werden, b) weniger Urlaub bekommen wollen und c) auf Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld verzichten wollen.

Ich denke auch zu wissen, warum: Bei den hohen Gewinnen, die die WMF allein im vergangenen Jahr gemacht hat, wird es schwer werden, die starken Lohneinschnitte zu begründen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens ist weder im Umsatz noch im Gewinn beeinträchtigt oder gar gefährdet. Sollten Sie anderer Meinung sein, so zeigen Sie mir den Mitarbeiter, der fünf Stunden jede Woche für Sie ohne Bezahlung arbeitet, und das freiwillig.

 

Marlene Kümmel, Geislingen, Mitarbeiterin proLOG GmbH

 

 

Starke Marken mit guten Arbeitsbedingungen

Was versprechen sich die Arbeitgeber von einem Austritt aus dem Arbeitgeberverband? Sinn und Zweck eines Austrittes aus dem Arbeitgeberverband ist, dass der Arbeitgeber künftig schlechtere Arbeitsbedingungen durchsetzen will, weniger Lohn, weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder Mehrarbeit ohne Lohnausgleich.

Der Umsatz der WMF Group, zu der auch proLOG gehört, steigt seit Jahren. Die Group erzielt immer höhere Gewinne. Mit dazu beigetragen haben die Versandmitarbeiter, die bis 2008 WMFler waren und danach in die proLOG GmbH übergingen. Dabei akzeptierten die Mitarbeiter drei Stunden Mehrarbeit ohne Lohnausgleich. In den Genuss des Erfolges der WMF Group sollen sie jedoch nicht kommen. Ihnen sollen jetzt erneut tarifliche Rechte weggenommen werden. Die Angebote sind so niedrig, dass Mitarbeiter teilweise weinen, wenn sie die Angebote hören.

Mitarbeiter, die bereits in den untersten Lohngruppen sind, können bei weiteren Kürzungen mit einem Acht-Stunden-Job keine Familie mehr ernähren. Warum sollen immer die Kolleginnen und Kollegen die Zeche bezahlen? Die Gewinnoptimierung nutzt doch nur wenigen! Zwischen den Interessen der Firma (Gewinn, Erfolg . . .) und den Interessen der Menschen muss ausgeglichen werden.

 

Hüseyin Öncü, Manfred Schneider, Geislingen; WMF AG VKL (Vertrauenskörperleitung)

 

 

 

Existenzangstund schlechte Stimmung

Wahrlich, für Zündstoff ist gesorgt: Bei der Betriebsversammlung vom 19. März bei proLOG explodierte wahrlich der Zündstoff. Als die Geschäftsleitung Herr Czypulovski das Pult betrat, drehte sich die Belegschaft demonstrativ um und pfiff und trötete lauthals.

Die Existenzangst und die schlechte Stimmung im Raum breiteten sich deutlich aus. 1600 Euro brutto, 9,50 bis 11,50 Euro pro Stunde, seien angemessen, was in einer Logistikbranche üblich sei wie in Dornstadt. Davon fünf Stunden umsonst ohne Lohnausgleich. 27 Tage Urlaub. Was soll noch kommen? Sollen wir Hartz IV und Sozialhilfe beantragen? Die Rente ist nicht mehr sicher. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer deutlicher. Die Kolleginnen und Kollegen sind bereit.

 

Gisela Köhler, Dorothe Gaisser, Bernd Petermüller, Geislingen, Vertrauensleute proLOG GmbH

 

 

Die Belegschaft hat doch den Umsatz eingefahren

Bei der WMF Tochter proLOG ist für reichlich Zündstoff gesorgt. Die Überschrift von dem GZ-Artikel sagt ja schon fast alles. Auch ich gehöre zu der gespaltenen Belegschaft, die sich Sorgen um ihre Existenz bei proLOG brand-logistics GmbH in Geislingen macht.

Wir waren es doch, die den Umsatz eingefahren haben, mit unserer Leistung ist die Firma groß geworden! Dann fällt den Herren Flohr und Czypulovski nichts anderes ein, als den qualifizierten Beschäftigten das Geld aus der Tasche zu ziehen, und sie mit billigen Dumping-Löhnen abzuspeisen. Das sorgt natürlich für Zündstoff unter den Kolleginnen und Kollegen. In diesem Artikel wurde von Herrn Flohr erwähnt, dass er nur noch eine Randfunktion in der Logistik sehe. Es gab Zeiten, da waren wir das Herz der Firma WMF.

Wir sind es immer noch, die dafür sorgen, dass die Ware pünktlich zum Kunden kommt. Mit dem IG-Metall-Tarif sollen wir zu teuer sein? 90 Prozent von den Kollegen arbeiten in der untersten Entgeltgruppe 1. Wenn ich andere Logistik-Betriebe vergleiche, da fängt die Entlohnung bei Entgeltgruppe 4 an.

Mit diesem Lohn haben sich die Beschäftigten ihren Lebensunterhalt hart erarbeiten müssen. Und trotz unseres geringen Lohns sind wir immer noch nicht wettbewerbsfähig. So die Aussage der Herren. Bei einem Milliardenumsatz (siehe GEISLINGER ZEITUNG vom 14. Februar 2013) profitieren die Aktionäre mit großen Dividenden. An die Menschen, die zu diesem Umsatz beigetragen haben, denkt niemand, denen soll noch genommen werden.

Wir arbeiten jetzt schon seit fünf Jahren drei Stunden pro Woche ohne Lohnausgleich. Das sind pro Mitarbeiter zirka 144 Stunden im Jahr. Das ist ein ganzer Monatslohn und dies ist immer noch nicht genug.

Die neuesten Pläne der Geschäftsleitung: erneut zwei Stunden Mehrarbeit ohne Lohnausgleich. 27 Tage Urlaub statt wie bisher 30 Tage. Nur noch vier Entgeltgruppen statt wie bisher 17 Entgeltgruppen.

 

Dieter Köpf, Geislingen, Betriebsratsmitglied proLOG GmbH, Schwerbehindertenvertretung

 

 

Deshalb brauchen wir starke Gewerkschaften

Nach dem Austritt aus dem Arbeitgeberverband Südwestmetall soll für die Beschäftigten bei proLOG nicht mehr gelten, was jahrelang Standard war. Der 160 Jahre alte Traditionskonzern WMF wird in den nächsten Wochen wieder eine vergoldete Bilanz vorlegen und neue, höhere Renditeziele verkünden. Gleichzeitig sollen immer mehr Beschäftigte auf tarifliche Standards verzichten, um noch wettbewerbsfähiger zu werden. Das zeigt: Das Kapital kennt keine Moral. Seit der Finanzinvestor KKR am Ruder ist, wird die Schraube weiter angezogen. Die Beschäftigten müssen wissen, Wettbewerbsfähigkeit hat keine Grenzen, solange die Unternehmen Menschen finden, die bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten, geht die Spirale weiter nach unten. Deshalb brauchen wir starke Gewerkschaften, die für tariflichen Mindeststandard sorgen

 

Özkan Bozkurt, Geislingen, Mitglied der betrieblichen Tarifkommission Geislingen