Streik zu Zeiten des Faschismus – Ruhrfestspiele Recklinghausen

 Schon seit über 30 Jahren entwickelt das Theater Lindenhof in Melchingen seine eigene Identität und ist als eine Art alternatives Volkstheater weit über die Heimatregion hinaus bekannt. Nun greifen die Schauspieler des Theaters und ein vielköpfiges Laienensemble nach einem Stoff aus der Geschichte des Widerstandes gegen das NS-Regime: Der Mössinger Generalstreik.

Nur ein kleines Örtchen am Rande der schwäbischen Alb war der einzige Fleck in Deutschland, in dem es am 31. Januar 1933, dem Tag nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, zu einem Generalstreik kam. Ein fast unglaublicher und mit dem Wissen von heute betrachtet, geradezu todesmutiger Protestzug von Hunderten. Handwerker, Arbeiter, Kleinbauern, Tagelöhner, Arbeitslose, Dorfbewohner sowie viele Gleichgesinnte aus den Nachbardörfern waren es, die ihre Stimme gegen das Unheil der NS-Ideologie erhoben. Genauer gesagt: Sie leisteten Widerstand in der ersten Stunde eines Unrechtssystems, welches von Faschismus, Krieg und Unmenschlichkeit geprägt ist.

80 Jahre nach diesem fast unmöglichen historischen Ereignis bringt das Theater Lindenhof dies nun auf die Bühne. Das Theater erklärt in ihrer Beschreibung zum Stück, dass „die Aufführung das Geschehene zum Ausgangspunkt nimmt, um am konkreten Ereignis und aus heutiger Sicht die Mechanismen von Widerstand und Protest zu thematisieren. Recht auf und Pflicht zum zivilen Ungehorsam sind auch in unserer heutigen Lebenswelt Fragen von Bedeutung. Was geschieht, wenn die eigenen Vorstellungen von Ethik mit den bestehenden Machtverhältnissen kollidieren? Wenn politische Diskussionen entbrennen im privaten Raum, in Familien und zwischen Freunden? Wenn sie sich als Protest im öffentlichen Raum manifestieren? Und wie funktioniert das Zusammenspiel von Einzelnem und Masse?“. Bei der Premiere des Stücks in der Heimatregion zeigte das Lindenhofer Theaterteam ebenfalls, dass sie die Geschichte und die Bedeutung des Mossinger Generalstreiks auf eine ganz eigene Weise erfahrbar machen. Denn über hundert Schauspieler tragen das Stück in Begleitung einer speziell komponierten Musik für eine große Orchesterbesetzung vor einem Bühnenbild, welches mit der hervorragend koordinierten Regie von Franz Xaver Ott in sinnliche Szenen gesetzt wird, die neben viel Information auch einen einmaligen Theatergenuss garantieren.

Im Rahmen der diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen wird auch das Stück vom Theater Lindenhof „Ein Dorf in Widerstand“ aufgeführt. Unter dem Titel „Aufbruch und Utopie“ wird es im diesjährigen Festival 100 Produktionen mit insgesamt 318 Aufführungen an 16 Spielstätten in Recklinghausen, Marl und Herten geben – so viele wie noch nie. Im Mittelpunkt werden die Werke der deutschsprachigen Dichter Frank Wedekind, Gerhard Hauptmann, Franz Kafka, Hans Fallada, Thomas Mann, Ödön von Horváth und Arthur Schnitzler stehen. „Sie schreiben in spannenden Zeiten sozialer, gesellschaftlicher, politischer Umwälzungen, thematisieren Seelenleid, Hunger, sexuelle Ausbeutung, Freizeitdrang. Sie waren der Wegbereiter zur Moderne, rechneten mit dem Kaiserreich, den verlogenen „Goldenen Zwanzigern“, spießigem Bürgertum und dem drohenden Faschismus ab“, so Festivalleiter Frank Hoffmann. Die Ruhrfestspiele werden ab dem 1. Mai 2013 ihren Start haben.