Arbeitslosenstatistik: Hohe Kunst der Schönfärberei

Nach Angaben des Statistikamtes der Türkei (TÜIK) lag die Arbeitslosenquote im März 2013 bei 12,1 Prozent. Das ist die höchste Quote seit der Einführung der offiziellen Arbeitslosenstatistik Anfang der 1990er Jahre. Im Januar war die Zahl der Arbeitslosen binnen eines Jahres 226.000 auf 2,89 Millionen gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von 0,4 Prozent  zum Vormonat. Die Arbeitslosenquote stieg bei Nicht-Berücksichtigung der Zahlen aus dem Bereich der Landwirtschaft auf 12,3 Prozent. Die Quote in der Altersgruppe 15-24 Jahre stieg auf 20,7 Prozent.

Der Wirtschaftsminister Zafer Çağlayan wies auf den Anstieg der Erwerbstätigen um 1,1 auf 44,3 Prozent hin und kommentierte die Zahlen als großen Erfolg für seine Regierung. Danach beträgt der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft an der Gesamtzahl 22,4 Prozent. 6,3 Prozent sind in der Baubranche und 19,9 Prozent in der Industrie beschäftigt. Die Beschäftigten ohne Sozialversicherung machen dabei mit 36,2 Prozent über ein Drittel aller Beschäftigten aus. Insbesondere in der Landwirtschaft ist mit 83 Prozent die große Mehrheit prekär beschäftigt.

Schönfärberei par exellence

Einer aktuellen Studie der Gewerkschaft DISK zufolge geben die Angaben von TÜIK nicht die Realität wieder. So beträgt die tatsächliche Arbeitslosenquote bei Berücksichtigung aller Wirtschaftszweige 21,25 Prozent und ist damit doppelt so hoch, wie die amtlichen Zahlen. Laut der Studie steigt die Arbeitslosenquote auf 17,6 Prozent, wenn man die saisonal Beschäftigten und die nicht gemeldeten Arbeitslosen addiert. In der Türkei fallen Arbeitslose aus der offiziellen Statistik heraus, wenn sie in den letzten drei Monaten nicht arbeitslos gemeldet waren. Auch die Definition der Arbeitslosigkeit bei Frauen und Jugendlichen ist sehr weit gefasst und dient der Schönfärberei. Tatsächlich liegt der DISK-Studie zufolge die Quote bei Frauen bei 26 und bei Jugendlichen bei über 30 Prozent. Auch die geringfügig Beschäftigten werden in der offiziellen Arbeitslosenstatistik nicht geführt.

Die Türkei im EU-Vergleich

Legt man die Vorgaben für die Berechnung der Erwerbsquote in der EU der Berechnung zugrunde, würde die Statistik viel schlimmer ausfallen. Nach Angaben der EU-Statistikbehörde EUROSTAT liegt die Erwerbsquote in den 27 EU-Ländern bei 71,2 Prozent. Würde man bei der Berechnung dieser Quote alle Erwerbswilligen und -fähigen hinzurechnen, müssten in der Türkei weitere 12 Mio. Personen eine Beschäftigung aufnehmen. Bei der Berücksichtigung der EU-Vorgaben bei der Berechnung der Arbeitslosenquote würde sie auf 37,8 Prozent steigen.