20 Jahre danach… Der Brandanschlag von Solingen: “Wir müssen einander wie Geschwister behandeln” *

 

solihgen anit

Es gibt Momente im Leben, die nicht nur einzelne Menschen berühren. Ihr Ausmaß, ihre Auswirkungen können so erheblich sein, dass sie eine ganze Gesellschaft erfassen können. Sie haben einen historischen Charakter, weil sie Generationen überdauern. Als Erinnerungen tragen wir sie Menschen mit. Meist ein Leben lang – als persönlich oder kollektiv erlebte Momente, denen wir auf den Wegen unseres Lebens begegnen. Manchmal liegen sie in den hintersten Ecken unseres Gehirns. Aber sie sind noch da und treten heraus, wenn uns neue aber ähnliche Erlebnisse treffen. Der Brandanschlag von Solingen am 29. Mai 1993 sollte eine solcher Erinnerungen sein, die wir seit 20 Jahren kollektiv im Bewusstsein tragen. Vor allem auch als Zeichen gegen des Vergessens an eines der grausamsten rassistisch motivierten Verbrechen nach Ende des Hitlerfaschismus.

 

Nicht vergessen sind die großen Massenproteste, bundesweite Lichterketten und Gedenkveranstaltungen im Zeichen des Antirassismus und Antifaschismus. Die Kette der rechten Gewalt hatte mit Hoyerswerda, Mölln und Solingen ein brutales Gesicht bekommen. Den tatsächlichen Nährboden legte dafür die politische und mediale Hetzkampagne gegen MigrantInnen und Asylsuchende.  Es ist die Zeit, in der konservative Parteien und Kreise ein schärferes Asylgesetz fordern und eine offene Spaltungspolitik betreiben. Nur 3 Tage vor dem Brandanschlag von Solingen, am 26.05.1993, änderte der Bundestag das Asylrecht und führte die sog. “Drittstaatenregelung” ein. Es ist auch die Zeit, in der Sätze wie “Das Boot ist voll” laut wurden und der Zusammenhalt von Deutschen und MigrantInnen wieder einmal vor eine harte Probe gestellt wurde. Der Brandanschlag von Solingen war der Höhepunkt einer breiten Angriffswelle auf das friedliche und solidarische Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft – auf politischer und medialer Ebene.

 

20 Jahre danach… An die Opfer des Brandanschlags von Solingen zu gedenken ist mehr als nur eine symbolische Handlung! Sie mahnen uns zur klaren Haltung gegen Rassismus und Nationalismus! Solingen gedenken heißt heute u.a., sich für die lückenlose Aufklärung der NSU Morde einzusetzen, sich gegen die rassistische Hetze gegen Sinti Roma zu stellen und sich gegen jegliche Bestrebungen zu widersetzen, die Vorurteile zwischen MigrantInnen und Deutsche zu schüren versuchen.

20 Jahre danach… Wir gedenken, weil wir nicht vergessen, nicht schweigen und nicht wegsehen wollen!

 

* Mevlüde Genc verlor bei dem Brandanschlag in Solingen zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte