Karneval der „Unkultur“?

Yasemen Ilhan

 

Der „multikulti-Umzug“ zum „Karneval der Kulturen“ in Berlin war auch dieses Jahr eine Sehenswürdigkeit für sich. Rund 700.000 Menschen kamen am Pfingstsonntag nach Kreuzberg, um ein Teil des  kunterbunten Geschehens zu sein. Kostüme, Musik, Köstlichkeiten und Gewänder aus aller Welt trafen sich auf der Parade vom Hermannplatz bis hin zur Yorckstraße. Insgesamt nahmen in diesem Jahr 76 Gruppen mit rund 4000 Akteuren am Umzug teil.

 

Umzug aus aller Welt

Zum 18. Mal fand nun der „Karneval der Kulturen“ in Berlin statt. Der Umzug selbst war Höhepunkt eines viertägigen Straßenfestes auf dem Blücherplatz, welches schon am Freitag begann. Der Karneval in dieser Form entwickelte sich vor dem Hintergrund der wachsenden Internationalität Berlins und der Zuwanderung aus allen Weltregionen. Denn allein in Berlin leben heute 860.000 Menschen mit Migrationshintergrund. So übernimmt die Stadt auch ein wenig die Rolle einer  „Integrationswerkstatt“ erklärt die Festivalinitiatorin „Werkstatt der Kulturen“. „Integration jedoch kann nur gelingen, wenn kulturelle Vielfalt, gegenseitiger Respekt und Toleranz tatsächlich erlebbar und erfahrbar sind. Berlin kann seine Internationalität als Chance begreifen und seine Rolle als Vermittler aktiv gestalten. Diese Überzeugung liegt der Idee des Karnevals der Kulturen zugrunde, der seit 1996 von der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln initiiert und veranstaltet wird. Die Werkstatt ist ein Ort des Dialogs und der Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität, Kultur und Religion“, heißt es weiterhin auf der Internetseite des Initiators.

 

Festival in Existenzkrise

Doch zum ersten Mal nach 18 Jahren steckt die Großveranstaltung nun in einer Sinn- bzw. Existenzkrise. Denn ursprünglich ging es mal „um ein besseres Deutschland“ und um ein großes Fest gegen Hass von Nazis und Vorurteile gegenüber „Ausländer“, die längst Inländer geworden waren. Das war noch im Jahr 1995, als der Karneval der Kulturen ins Leben gerufen war und bekannte Namen bei der Entstehung mitgewirkt hatten. Doch heute gibt es ganz im Gegenteil viel Kritik am Karneval, die die Entstehungsidee der Veranstaltung leider etwas verschattet. Gerne wird das Festival schon mal als „Karneval der Unkultur“ oder als „Albernes Tourimassenbesäufniss“ beschrieben. Der eigentliche Grund des organisatorischen „Schlechterwerdens“ des Festivals liegt aber nicht an dem angeblich unkontrollierten Alkoholkonsum oder der „Unkultiviertheit“ der Teilnehmer, sondern eher an den fehlenden Mitteln, die dafür nicht zur Verfügung stehen.

 

Umzug mit Protestzug

Denn zum ersten Mal standen dieses Jahr politische Forderungen im Vordergrund und das Festival wurde mit einem Protestzug eröffnet. Angeführt wurde der Umzug von einem aus Ästen zusammengesetzten „Protestbaum“, der auf die Geldsorgen der Teilnehmer aufmerksam machte. „Die Zahl der teilnehmenden Gruppen geht seit Jahren zurück, da vielen schlichtweg das Geld fehlt.“, erzählt Vassiliki Gortsas, Pressesprecherin der „Werkstatt der Kulturen“. Statt 90 Gruppen, waren es in diesem Jahr nur 76 Gruppen, die mitmachten. Bereits im letzten Jahr war die Eröffnungsgruppe „Afoxé Loni“ abgesprungen, aus Protest gegen die „Kulturpolitik der Missachtung, Instrumentalisierung und Ausbeutung von kultureller Vielfalt in dieser Stadt“. Schon seit Jahren versuchen die beteiligten Gruppen um finanzielle Unterstützung zu werben, doch wirklich Erfolg hat hierbei fast keiner.

 

Trotz allem immer noch bunt!

Doch nichtsdestotrotz ergaben sich während des Umzugs kunterbunte Momente aus den zusammengetragenen folkloristischen Kostümen sowie Tänzen aus aller Welt – von Paraguay bis hin zu Schottland und von Spanien bis China waren viele Länder vertreten. An den Vortagen zum Umzug selbst wurden von rund 125 Künstlern Workshops, wie Tanz, Theater und Jonglieren auf Eigeninitiative angeboten. Auch fanden viele Musikveranstaltungen sowie Diskussionsrunden zu verschiedenen Themen statt.